10 Gebote beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten

Ein Hauptproblem des wissenschaftlichen Schreibens liegt darin, die eigenen Gedanken mit fremden Gedanken zu verbinden: «Was ich sagen könnte, das weiss ich, aber das zu schreiben, wäre nicht wissenschaftlich. Was in den wissenschaftlichen Veröffentlichungen steht, könnte ich auch sagen, aber das zu schreiben, wäre einfach eine Verdoppelung; denn es ist schon geschrieben», so schildern Studierende ihr Dilemma und wiederholen damit nur das Hegel’sche Diktum: «Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.» Wie Eulen, die erst in der Abenddämmerung umherzufliegen beginnen, können Philosophie und Wissenschaft erst Erklärungen liefern, wenn die zu erklärenden Phänomene bereits Geschichte sind. Beide können immer nur Vergangenes deuten. Philosophie und Wissenschaften setzen mithin Wirklichkeitserfahrung voraus und können nicht aus sich selbst heraus utopische Phantasien entwickeln; es geht ihnen immer um die Erkenntnis dessen, was ist. Das Dilemma der Studierenden liegt somit in der Natur der Sache: In allen wissenschaftlichen Arbeiten besteht eine Spannung zwischen dem eigenen Beitrag, den man leisten möchte, und den vorhandenen Erkenntnissen, die bereits veröffentlicht sind. Beide müssen gut aufeinander bezogen sein. Sie zu integrieren, ist ein Vorgang, der einige Übung erfordert. Man muss sowohl dem Stand der Forschung gerecht werden als auch den eigenen Überzeugungen und Intentionen. Klar gemacht werden sollte den Leserinnen und Lesern sowohl im Abstract als auch in der Einleitung, worin nun die Eigenständigkeit dieser wissenschaftlichen Arbeit liegt und mit welchen neuen Ergebnissen allenfalls zu rechnen ist.

Um die Sache weiter zu verkomplizieren, kommen beim Schreiben wissenschaftlicher Texte noch einige Gebote, sogenannte NO-GOS, hinzu, die es unbedingt zu beachten gilt:

I) DU SOLLST NICHT PLAGIEREN

Jeder Mensch hat das Recht auf geistiges Eigentum, und niemand darf dieses anfechten. Arbeite deshalb eigenständig und belege Deine Quellen.

II) DU SOLLST KEINE ANNAHMEN TREFFEN, OHNE DIESE BELEGEN ZU KÖNNEN

Behaupte also nichts, das Du nicht auch begründen und belegen kannst.

III) DU SOLLST NICHT AUS WIKIPEDIA ZITIEREN

Wikipedia ist keine zuverlässige, wissenschaftliche Quelle, allein schon aus dem Grund, als jeder Artikel erstellen kann und diese sich ständig verändern.

IV) DU SOLLST AUSSAGEN ANDERER NICHT ÜBERNEHMEN, OHNE DIESE ZU PRÜFEN

Die Welt ist voller Betrüger. Darum sei vorsichtig bei der Wahl Deiner Quellen. Prüfe diese, bevor Du Dich auf sie berufst.

V) DU SOLLST DEIN GESCHRIEBENES NACH JEDEM ABSCHNITT SPEICHERN

Voller Tatendrang arbeitest Du an Deinem Text. Plötzlich ruft Dich jemand an und will Deine Hilfe. Du eilst zu ihm oder zu ihr, ohne Deine Daten abgesichert zu haben. Und schon ist es passiert. Auch ist es möglich, dass Du völlig übermüdet Deinen Arbeitsplatz verlässt und den Text am andern Morgen nicht mehr findest.

VI) DU SOLLST DICH AN DIE FORMATVORGABEN DEINES LEHRSTUHLS HALTEN

Verwendest Du für einmal nicht die vorgegebenen formalen Vorgaben, wirst Du diese mit Sicherheit nachträglich bereinigen müssen.

VII) DU SOLLST DEN ROTEN FADEN NICHT VERLIEREN

Fabuliere nicht drauflos. Bleibe bei der Sache und behalte während des Schreibens stets den roten Faden im Auge.

VIII) DU SOLLST DIE ARBEIT VOR DER ABGABE LEKTORIEREN LASSEN

Niemand ist unfehlbar! – Auch bekannte Autoren lassen ihre Texte von Fachlektoren redigieren. Damit Du auf der sicheren Seite bist, muss jemand Deinen Text gegenlesen.

IX) DU SOLLST KEINE SOCIAL MEDIA SEITEN NEBEN DEINER WISSENSCHAFTLICHEN ARBEIT OFFEN HABEN

Willst Du mit Deiner Arbeit die Abgabefrist nicht verpassen, so lass Dich nicht durch elektronische Medien ablenken. Bleib auch nicht einen Moment zu lang in Deiner Komfortzone.

X) DU SOLLST INDIREKTE ZITATE MEIDEN

Ein indirektes Zitat gibt einen anderen Text der Sache nach wieder, ohne den genauen Wortlaut aufzurufen. Man paraphrasiert mit anderen Worten einfach fremdes Gedankengut und glaubt, das gehe so schon, schliesslich formuliere man ja in eigenen Sätzen.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich