Schreibst Du? Oder lässt Du schreiben?

Seit Jahren hätten nicht nur Coaching-Agenturen von der Schweizer Bildungsexpansion profitiert, schreibt die NZZ in ihrer Online-Ausgabe vom 6. Januar 2016. Der Bereich der universitären Weiterbildung sei stark gewachsen, jener der Fachhochschulen fast explodiert. Fast jeder Arbeitnehmer spiele heute mit dem Gedanken, ein zusätzliches Bildungszertifikat oder einen akademischen Grad zu erwerben, um seine Karrierechancen zu verbessern. Auch die Arbeitgeber erwarten heute höhere schulische Qualifikationen.

Davon profitieren Autoren im Auftragsverhältnis, so genannte Ghostwriter. In den letzten Jahren haben verschiedene grössere Agenturen Niederlassungen eröffnet, auch in der Schweiz. Sie begnügen sich nicht damit, Studierende und Doktoranden redaktionell zu beraten, sondern verfassen gegen Bezahlung gleich ganze Arbeiten. Oder genauer: Sie lassen sie verfassen. Denn die Agenturen fungieren nur als Vermittler zwischen Auftraggeber und freien Autoren. Diese tragen für gewöhnlich selbst einen Doktortitel und haben Erfahrung in der wissenschaftlichen Forschung. Um die Legalität zu wahren, weisen die Agenturen ihre Auftraggeber darauf hin, dass sie die Arbeiten nicht als eigenständig verfasste Masterarbeiten oder Dissertationen einreichen können. Offensichtlich verstehen die Agenturen den Begriff des Ghostwritings dahingehend, als dass sie ihren Kunden lediglich eine Mustervorlage erstellen, welche diese dazu verwenden sollten, um selbst eine Arbeit zu verfassen. Diese Vorgehensweise wird als Absichtserklärung jedem Kunden klar kommuniziert.
Dass es auch anders geht, zeigen Anfragen im Namen von Privatpersonen, die um die komplette Lieferung einer empirischen Doktorarbeit im Bereich der Geisteswissenschaften nachsuchen. Alle angefragten Agenturen oder Anbieter reagieren innerhalb von wenigen Stunden mit einer Offerte. Die Erstellung eines «Exposés inklusive Gliederung und Auswahlbibliographie» kostet je nach Agentur zwischen Franken 2’500 und Franken 3’400. Eine vollständige Dissertation gibt es bereits für Franken 14’000, wobei der Zeitrahmen offengelassen wird. Oft wird mit keinem Wort erwähnt, dass die wissenschaftliche Arbeit lediglich als Mustervorlage verwendet werden darf. Eine Agentur beruft sich auf ein aktuelles Urteil, demzufoge das auftragsweise Erstellen von Hochschulabschlussarbeiten zwar gegen die «guten Sitten» verstosse, es sich hierbei jedoch lediglich um ein rechtlich zu missbilligendes «Gewerbe» handle. Sowohl «Ghostwriting» wie «Prostitution» stehen damit auf der gleichen Stufe: Beide sind zwar sittenwidrig, aber nicht verboten. Es scheint, als habe sich der gute Name längst in klingende Münze aufgelöst.

Umgekehrt lässt sich natürlich auch folgern, dass nicht die akademischen Schreibsklaven einzelner Agenturen das Problem sind. Ohne dass weder Zubringerschulen noch Hochschulen das Problem über Arbeitsgruppen wie HSGYM zu entschärfen vermögen, wird sich am eigentlichen Sachverhalt nichts ändern. Für Thomas Nemet, Geschäftsführer von «Acad Write», ist denn auch klar, dass die eigentliche Ursache des Problems nicht beim Markt liegt. «Wir sind nicht das Problem, » lässt er sich in der NZZ zitieren, sondern das Bildungs- und Universitätssystem. «Würde das Bildungssystem funktionieren, wäre Ghostwriting eine brotlose Kunst», folgert er zu Recht. Schliesslich gibt es keinen Markt ohne Nachfrage, aber auch keine Nachfrage ohne Markt.

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden Dunkelkammern, in denen kluge, ungenannte Köpfe im Geheimen für in der Öffentlichkeit stehende Auftraggeber Frondienst leisten, nicht zu existieren aufhören. Politik und Wissenschaft sind dankbare Abnehmer. Kein Politiker, sei er nun National- oder Ständerat, keine Halbprominenz, die in der «Schweizer Illustrierten» abgefeiert wird, scheint ohne die Mithilfe dienstbarer Geister an die Öffentlichkeit zu treten. – Und wagt sie es trotzdem, ergeben sich Hüftschüsse, die nicht selten danebengehen. Im Klartext ist für viele selbst Twittern nicht ohne Risiko, zumal wenn es um heikle Themen geht wie den Terroranschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift «Charlie Hebdo». Entrüstung lösten dabei Tweets aus der Politik aus, die das Attentat zwar verurteilten, jedoch Mühe bekundeten, den Anschlag angemessen zu kommentieren. Sätze wie «Satire ist kein Freipass» oder «Humor ist, wenn man trotzdem stirbt» zeugen allenfalls von mangelnder Sensibilität. Im Grunde sind es abgeschmackte, peinliche Äusserungen, verbale Entgleisungen eben, von halbwegs prominenten, in der Öffentlichkeit stehenden Personen einer redseligen Gesellschaft.

Christoph Frei