Von der Schönschrift zur Sauklaue

Von Hand geschriebene Briefe sind heute die Ausnahme. Kaum jemand ist noch in der Lage, zwei oder drei Seiten zu schreiben, sauber, lesbar, ohne Streichungen oder Tipp-Ex-Orgien, ohne grammatische und orthografische Peinlichkeiten, ohne etliche Versuche, die zerknüllt im Papierkorb landen. Der sogenannt moderne Mensch ist dank der Digitalisierung effizienter und schneller geworden. Das ist aber auch alles.

Längere Texte wie dieser entstehen heute auf dem Computer mithilfe eines Textverarbeitungsprogramms. Dieses hilft, Fehler zu korrigieren, Sätze umzustellen, zu verschieben, zu löschen. Fehler sind kein Ärgernis mehr, sondern Teil des Schreibens.

Wer kann sich heute noch vorstellen, dass zum Beispiel Franz Kafka sämtliche seiner Werke mit einem Füller schreiben konnte. Viele der Tausenden von Seiten sahen aus wie gedruckt, mit wenigen Korrekturen. Kafka musste den Gedanken im Kopf formuliert haben, ehe er ihn niederschrieb. Heute entwickeln viele ihre Gedanken erst beim Schreiben. Trotzdem schreiben wir so viel wie noch nie, auch die Schülerinnen und Schüler. Allerdings weiss kaum einer, wie man einen Füller in die Hand nimmt, auch wenn auf der Homepage zur «Zentralen Aufnahmeprüfung» unter FRAGEN & ANTWORTEN zu lesen ist: «Für die Prüfung braucht es Füllfeder, Kugelschreiber oder Filzstift. Lösch- und radierbare Stifte wie z. B. Frixion Pens dürfen nicht verwendet werden. Ein Bleistift darf nur für geometrische Konstruktionsaufgaben verwendet werden, wenn dies ausdrücklich erwähnt wird.» Ist die ZAP somit OLD SCHOOL oder hat die Bildungsdirektion andere Gründe, warum sie, wie zu vermuten ist, am liebsten möchte, dass alle Kandidatinnen und Kandidaten ihren Aufsatz mit Füllfeder schreiben? Anders gefragt: Ist die Handschrift wirklich noch zeitgemäss oder kann auch das weg wie das Kartenlesen, das Kopfrechnen oder das Basteln und Schuhe Schnüren?

Die kostbare Füllfeder, die man zu Weihnachten geschenkt bekommen hat, dient gerade noch dazu, die Signatur unter Verträge zu setzen oder Notizen in Sitzungen zu machen. Die längsten Texte, die man sich heute handschriftlich zumutet, sind Gratulations- oder Kondolenzschreiben. Ansonsten werden nur einzelne Wörter auf Fresszettel oder benutzte Couverts gekritzelt: Brot, Milch, Käse, Wein und Abfallsäcke.

Das Schreiben von Hand wurde ersetzt durch Tastaturen und Touchpads. Auch wenn Schreiben eine uralte Kulturtechnik ist, scheint sie uns immer weniger Nutzen zu bringen. Bemerkenswert ist, dass der Verlust der Handschrift ausgerechnet in eine Zeit fällt, in der so viel geschrieben und gelesen wird wie nie zuvor. Wir sind permanent am E-Mailen, Posten, WhatsAppen, Twittern, Bloggen, Tippen. Noch nie war Schriftlichkeit so wichtig. In der Welt des Internets muss man sich seine Identität erschreiben. Jugendliche schreiben einander wie wild über SMS, WhatsApp und auf Chat-Plattformen.

Seit der Erfindung der Schriftsprache 4000 v. Chr. in Mesopotamien hat der Mensch seine Schreibwerkzeuge weiterentwickelt. Es begann mit den Tontafeln der Sumerer, ging weiter mit der Erfindung des Papiers, über das Schreiben mit Schilfrohren, Federn, metallenen Füllern, Schreibmaschinen bis hin zur Erfindung des Kugelschreibers und des Keyboards. Immer brachten die Innovationen vor allem eins: sogenannten Fortschritt.

Manche Länder haben sich diesen Innovationen angepasst. In Finnland wird zum Beispiel die verbundene Schrift künftig abgeschafft. Dafür lernen die Kinder neben der Blockschrift gleich auch das Schreiben auf dem Keyboard. Die Fähigkeit, flüssig zu tippen, sei eine wichtige nationale Kompetenz geworden, die jedes Kind lernen sollte, heisst es bei der finnischen Bildungsbehörde.

Auch in der Schweiz ist derzeit eine Schriftreform im Gang. Die deutschsprachigen Erziehungsdirektoren haben entschieden, die «Schnüerlischrift» abzuschaffen und eine einfachere, nur noch teilweise verbundene Schrift einzuführen. Die Bedeutung des Schreibens im Unterricht nimmt seit einiger Zeit nicht nur in der Schweiz rasant ab. Schülerinnen und Schüler schreiben deutlich weniger als früher Sätze von der Wandtafel ab. Das scheint so wenig in die moderne Didaktik zu passen wie das Produzieren von Texten. Letzteres wird erst aktuell, wenn jemand den Übertritt von der Volksschule ins Gymnasium anstrebt und dann feststellt, dass er im Grunde höchsten einen oder zwei Aufsätze in der Schule geschrieben hat. Warum das so ist, bleibt mir ein Rätsel. Natürlich geht etwas verloren, wenn kaum mehr Aufsätze geschrieben werden. Ein falsches Verständnis von Kompetenzen, Unklarheiten über die Bedeutung des Wissens beim Lernen und eine Fehleinschätzung des Übens sind eine Hauptursache des Illettrismus. Wissen bleibt eine grundlegende Voraussetzung für das Lernen. Wer über kein Sachwissen verfügt, kann weder verstehen noch Probleme lösen. Wissen in Informationssystemen kann jemand nur abrufen, wenn er über ein geordnetes Grundlagenwissen verfügt. Und vor allem junge und schwächere Lernende können das nötige Grundlagenwissen nicht selbst gesteuert abrufen, sondern es ist im Anfängerunterricht angeleitet zu erarbeiten, also vornehmlich in einem guten «Frontalunterricht», der neu jetzt direkte «Unterrichtsinstruktion» heisst und als besonders effizient gilt. Andererseits darf man sich auch fragen, was denn so schlimm sei, wenn Schülerinnen und Schüler kaum mehr von Hand schreiben. Erstens ist dabei festzuhalten, dass wir die Hand eben nicht nur zum Schreiben von Texten brauchen. Wir kochen auch von Hand, knöpfen das Hemd mit der Hand, Zeichnen und Malen mit der Hand und spielen mit Schachfiguren oder Legosteinen, natürlich auch von Hand. Die Handschrift jedoch ist insbesondere Teil der Persönlichkeit, Teil der Einzigartigkeit eines Menschen. «Verschwindet die Handschrift, verschwindet diese Ausdrucksform», schreibt Miriam Meckel, Professorin für Medienmanagement an der Universität St. Gallen, in ihrem Essay «Wir verschwinden – Der Mensch im digitalen Zeitalter». Und noch etwas: Wir denken auch mit der Hand. Das Schreiben von Hand ist eben mehr als bloss Ausdruck der Persönlichkeit, es hilft uns beim Denken, beim Erinnern und Verstehen. Dies zeigen Studien von Neurowissenschaftern: Kinder, die Buchstaben von Hand schreiben, lernen besser als jene Kinder, die die Buchstaben auf der Tastatur des Computers tippen. Das Schreiben von Hand trainiert das Hirn, zumal die Schreibbewegung eben vom Gehirn aus über die Schulter in den Ober- und Unterarm führt, von dort aus in die Hand und über die Finger in den Füller aufs Papier. Schreibmotorik wird als Gesamtheit der Bewegungsabläufe, die für das Schreiben von Hand notwendig sind, definiert. Hierbei wird auch der damit einhergehende motorische Schreiblernprozess betrachtet. Der Forschungsbereich der Schreibmotorik ist interdisziplinär ausgelegt. Er bezieht unter anderem Erkenntnisse aus der Motorik, Hirnforschung, Neuropsychologie, Lernpsychologie, Pädagogik und Ergonomie mit ein. Durch kinematische Analysen der Schreibbewegungen hat sich gezeigt, dass es ein grosser Unterschied ist, ob die Gedanken den langen Weg über Schulter, Ober- und Unterarm bis in die Hand und Finger zum Füller und dem zu beschreibenden Papier macht, oder ob lediglich auf die Buchstaben einer Tastatur getippt wird. Minna Huotilainen, die am Hirnforschungszentrum der Universität von Helsinki arbeitet, erklärt die besseren Resultate bei handschriftlichem Lernen mit dem Faktor Zeit. «Unser Hirn speichert angesichts der Flut von Informationen nur jene Informationen ab, mit denen man sich länger oder intensiv beschäftigt hat.» Der Zeitgewinn auf der Tastatur ist deshalb nur ein vermeintlicher Vorteil. Andere Untersuchungen zeigen, dass Studenten, die sich während einer Vorlesung handschriftliche Notizen machen, das Thema besser begreifen als jene, die mit ihrem Laptop mitschreiben. Beim Schreiben von Hand ist man zwar langsamer als beim Tippen. Genau deshalb kann man nicht alles aufschreiben, sondern muss zusammenfassen, umformulieren, bilanzieren. Mit anderen Worten: Das Schreiben zwingt dazu, das Thema zu verstehen. Förderlich fürs Lernen ist auch die Sensorik beim Schreiben von Hand. Dies zeigen Studien von Neurowissenschaftern: Kinder, die Buchstaben von Hand schreiben, lernen besser als jene Kinder, die die Buchstaben lediglich auf der Tastatur des Computers tippen. Das Schreiben von Hand trainiert das Hirn. Der Neurowissenschaftler Lutz Jäncke von der Universität Zürich erklärt das Phänomen damit, dass die neuronalen Netzwerke, die im Hirn für das Schreiben von Hand relevant sind, sich alle auf einer Hemisphäre befinden. Dadurch könne die Information effizient verarbeitet werden. «Wenn Sie mit der rechten Hand schreiben, dann ist die motorische Kontrolle und die ganze sprachliche Kontrolle auf der linken Hirnhälfte. Und hier sind die Kommunikationswege effizient und relativ schnell», sagt Jäncke. Förderlich fürs Lernen ist auch die Sensorik beim Schreiben von Hand. «Beim Tippen hat man ausser der Tastatur keine Sensorik, hier fehlt eine unmittelbare sensorische Rückmeldung über das, was man tut», meint Jäncke. Manchmal tippt man etwas ab, ohne zu wissen, was man da schreibt. Das kann einem beim Schreiben von Hand kaum passieren. Der Druck, der Schwung, die Impulse, alles spiegelt sich in der Schrift wider. «Je mehr unser Körper Teil der Erfahrungen ist, desto mehr unterstützt er die Erinnerung», erklärt der Neuropsychologe. Nicht umsonst heisst verstehen ja auch BE-GREIFEN oder ER-FASSEN.

Egal, wohin diese Entwicklung auch führt: Dass die Handschrift weiter an Bedeutung verliert, lässt sich nicht aufhalten. Sie verschwindet im grossen schwarzen Loch der Digitalisierung wie die Postämter und Banken, wie das Bargeld, die Edelmetalle und die Retail Geschäfte. Sinnlicher wird die Welt dadurch mit Sicherheit nicht, dafür effizienter, praktischer und vor allem billiger.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild: Japanese Calligraphy Masterclass
Harry M. Weinrebe
The British Library, London