Wege aus der Schreibblockade

«Panta rhei», alles fliesst, ein auf den griechischen Philosophen Heraklit zurückgeführter Aphorismus zur Kennzeichnung seiner Lehre, der zufolge niemand zweimal in denselben Fluss steigt. Dass nichts so beständig ist wie der Wandel, passt zu Deiner gegenwärtigen Situation so gar nicht. Stell Dir vor, Du kommst von einer langen Reise aus Nepal heim. Du trägst Bilder verschneiter Achttausender, von Wasserfällen und geheimnisvollen Buddha Tempeln, geschmückt mit farbigen Gebetsfahnen, im Herzen, Geschichten über kauzige Reisegefährten und Fast-Abstürze im Kopf. Du begrüsst Dein Arbeitszimmer, setzt Dich an den Computer, schaltest ihn an in der frohen Erwartung, alles in ein neues File zu tippen, und es passiert nichts. Also schaltest Du den Computer wieder aus und denkst Dir, dass es am Jetlag oder an der Zeitumstellung liegt. Am nächsten Morgen schaltest Du den Rechner wieder ein, oder Du legst Dir Papier zurecht, zückst den Stift und starrst auf das leere Blatt. Und das leere Blatt starrt zurück. Egal, ob es sich jetzt um einen Schreibstau, eine Schreibblockade oder gar eine Schreibkrise handelt, gerate vor allem nicht in Panik. Natürlich hast Du Angst vor dem »erschreckenden weissen Papier« oder vor «dem Horror der Leere«. Trotzdem empfiehlt es sich nicht, aufgeregt durch die Wohnung zu tigern oder verzweifelt den Kopf gegen die Wand zu schlagen. Bekämpfe Deine Angst auch nicht mit einem doppelten Scotch oder stärkeren Drogen (auch nicht mit Zigaretten oder Schokolade). Ungeachtet aller Verzweiflung befindest Du Dich nämlich in guter Gesellschaft, schliesslich kennt jeder, der schreibt, diesen «Ort der Verdammnis». Kein Schriftsteller, Student, Politiker oder Journalist spricht gerne darüber. Dabei ist der «Horror vacui» für so viele Schreibwillige bis heute eine weit verbreitete Tatsache. Jetzt ist es also wieder so weit: Du starrst auf den weissen Bildschirm. Deine Finger zucken unschlüssig über der Tastatur. Eben wusstest Du doch noch ganz genau, was Du hinschreiben wolltest. Und jetzt? Alles verschluckt. Aufgesogen vom erbarmungslosen Weiss des leeren Computer-Bildschirms! Hektisch blätterst Du nochmals Deine Unterlagen durch. Doch die öde krisselige Schneelandschaft des leeren Blatts türmt sich auf vor Dir; Du kannst sie nicht überwinden. Dabei fällt Dir das Reden doch so leicht. Aber Schreiben? Schreiben ist im Gegensatz zum Reden ein höchst komplexer, neuronaler Prozess, den man, so die Schreibforschung, bei anspruchsvolleren Texten in nicht weniger als dreissig kognitive Einzelprozesse unterteilen kann, die parallel ablaufen. Zu diesen dreissig Teilprozessen gehören klärende Fragen nach der Strukturierung, nach dem Adressaten, der Textart, Grammatik und dem Stil – bis hin zur Korrektur und zur richtigen Formatierung. Kein Wunder, dass bei so vielen Fragen, die sich beim Schreiben automatisch ergeben, viele Schreibende von vornherein kapitulieren.

Freilich hat die Angst vor dem weissen Blatt auch viel mit einer überzogenen Anspruchshaltung zu tun. Daher finden sich ihre klassischen Opfer entweder an Hochschulen oder in der Literatur. Ungezählt sind die Studentinnen und Studenten, die verzweifelt eine halbe Ewigkeit an ihrer Bachelor- oder Masterarbeit sitzen. Ungezählt auch die Schriftsteller, die zu verstummen drohten, weil ausser der Produktion eines literarischen Meisterwerks nichts anderes für sie in Frage kam. So litt zum Beispiel der Dichter Rainer Maria Rilke zehn Jahre lang unter einer quälenden Schreibblockade, bis er endlich die 1912 auf Schloss Duino begonnen Elegien 1922 in der Abgeschiedenheit des Walliser Schlösschens Muzot beenden konnte. Hier zeigt sich, dass Schreiben als Kunstform letztendlich nicht zu erlernen ist; es bedarf der Inspiration bzw. des berühmten Musenkusses. Zwar gibt es bestimmte Techniken, Tricks und Rituale, um der eigenen Inspiration auf die Sprünge zu helfen. Erzwingen aber lässt sich der geniale Funken nicht. Trotzdem muss man nicht gleich in die Depression vor dem weissen Blatt verfallen; schließlich werden abseits der Literatur keine schriftlichen Geniestreiche verlangt. Und selbst diese kommen bevorzugt dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Schreibtrainer raten deswegen dazu, vor dem Schreiben seine Gedanken zu ordnen und dann während des Schreibens möglichst wenig an dessen Gelingen zu denken. Wer beim Schreiben zu viel ans Ergebnis und an die Reaktion möglicher Kritiker denkt, macht es sich unnötig schwer. Versuche es stattdessen mit meinen 14 besten Schreibrezepten, die sich in meiner akademischen Schreibpraxis bewährt haben.

A) MACHE DIR EINEN FAHRPLAN
Die Kolumbusmethode – einfach losschreiben und sehen, wo man rauskommt – funktioniert nur bei den Allerwenigsten. Statt aus dem Bauch heraus zu schreiben, strukturierst Du Deinen Text und formulierst Dein Ziel. Eine Überschrift kann dabei schon helfen. Schau Dir in einem zweiten Schritt die Informationen an, die vorliegen. Was passt zu Deiner Überschrift? Nummeriere die passenden Informationen durch. Mit dieser Reihenfolge vor Augen musst Du Dich beim Schreiben nur noch daran entlanghangeln.

B) WECHSLE DEN ORT, AN DEM DU SCHREIBST
Du sitzt im Seminar, und die Worte wollen Dir einfach nicht einfallen. Pack den Laptop ein und wechsele den Ort. Geh in ein Café am See, oder setz Dich einfach in den Garten. Orte können inspirierend sein, sie bringen Dich auf neue Ideen.

C) BEGINNE MITTENDRIN
Wer Probleme hat, den Einstieg zu finden oder einen guten ersten Satz, sollte sich nicht weiter damit quälen und mittendrin anfangen. Dein Gehirn arbeitet nicht linear. Wer sagt, dass die Einleitung zuerst geschrieben werden muss? Schau Dir Deine Notizen und Informationen an. Beginne mit dem Punkt, bei dem Dir auf Anhieb etwas einfällt. Dein Text wird sich wie bei einem Patchwork aus vielen einzelnen Teilen ergeben. Am Schluss kannst Du die Einzelteile immer noch miteinander verbinden und aufeinander abstimmen.

D) TRENNE DAS SCHREIBEN UND REDIGIEREN
Konzentriere Dich erst einmal auf das Schreiben. Viele Schreibende machen den Fehler, immer wieder im Text zurückzuspringen und das bereits Geschriebene zu überarbeiten und umzuformulieren. Damit stören sie ihren Schreibfluss. Versuche die Zensur in Deinem Kopf, so gut es geht, auszuschalten. Schreib erst einmal alles auf, das Dir durch den Kopf geht, und überprüf erst dann das Geschriebene auf Sinnhaftigkeit und Richtigkeit.

E) SCHALTE ALLE STÖRFAKTOREN AUS
Niemand kann sich konzentrieren, wenn ständig das Telefon klingelt oder das E-Mail-Programm einen auf neue Nachrichten hinweist. Schaffe Dir einen ungestörten Raum. Auch das Internet kann mit seinen Versuchungen zur Ablenkung werden. Fällt Dir nichts ein, ist die Verlockung gross, schnell im Netz nachzuschauen. Dadurch verzettelst Du Dich nur.

F) MACH EINE KURZE PAUSE
Dass Dir nichts einfällt, kann auch damit zusammenhängen, dass Du Dich ausgelaugt fühlst. Dein Gehirn kann nur 90 Minuten am Stück effektiv arbeiten. Danach ist erst einmal Ende. Das ist dann der richtige Moment aufzustehen und frische Luft zu schnappen. Auch Bewegung kann Deine Leistungsfähigkeit wieder auf Trab bringen. Achte allerdings darauf, die Pause zeitlich zu begrenzen und Vermeidungshandlungen keinen Raum zu geben.

G) STELLE WILDE ASSOZIATIONEN AN
Wie bekommt man den richtigen Einfall? Hilf Deinem Gedächtnis mit einem Brainstorming, einer Mind-Map oder einem Perspektivenwechsel auf die Sprünge. Immer dann, wenn Du gerade ins Stocken gerätst und nicht mehr weiterkommst, bieten sich solche Methoden an, um auf neue Ideen zu kommen.

H) LIES ANDERE TEXTE
Wie schreibe ich das bloss? Häufig sucht man nach einer Formulierung und kommt nicht weiter. Dann hilft es, den Text von jemand anderem zu lesen. Es kann Dich inspirieren zu sehen, wie jemand anderes angefangen und wie er formuliert hat. Je nach Textart oder Stil hilft, sich vorab mit ein paar grossartigen Artverwandten auseinanderzusetzen. Lesen bildet nicht nur, es belebt ebenso den Geist und löst so Blockaden.

I) SCHREIB DICH WARM
Schreiben ist wie Musikmachen: Viele müssen sich erst einmal eingrooven. Bevor Du den eigentlichen Text schreibst, kann es helfen, einen Spontantext zu schreiben. So überwindest Du Deine Angst vor der leeren Seite. Beginne zu tippen und finde Deinen Schreibrhythmus. Wenn Du dann zu Deinem eigentlichen Text übergehst, fliessen die Worte leichter.

K) SCHREIB DICH PARALLEL
Wer viel schreibt, arbeitet in der Regel an verschiedenen Texten. Auch hier gibt es keine Regel, die besagt, dass erst ein Text abgeschlossen sein muss, bevor Du mit dem nächsten beginnen kannst. Hakt es bei dem einen Text, wechsle die Materie und widme Dich einem anderen Thema.

L) GLIEDERE DEINEN TEXT
Manchmal hilft schon, den geplanten Text in Teilabschnitte zu zerlegen, um sich einen Überblick zu verschaffen und das Ganze logisch zu gliedern. Mindmaps, aber auch lineare Listen können dazu wunderbare Werkzeuge sein. Zwischenüberschriften aber auch. So entsteht eine Struktur, der Du nur noch folgen musst.

M) LASSE FEHLER ZU
Nullfehlertoleranz können sich allenfalls Götter leisten. Wer auf Anhieb den perfekten Text schreiben will, verzettelt sich unweigerlich in Details. Effekt: Der Artikel wird nie fertig und immer schlechter. Detailliebe führt nur zu einem Tunnelblick. Schreibe lieber erst auf, was Dir und wie es Dir in den Sinn kommt. Umformulieren, korrigieren und feilen kannst Du an den Textbausteinen hinterher immer noch.

N) DISZIPLINIERE DICH BEIM SCHREIBEN
Muss ein Text fertig werden, geht es manchmal nicht anders, als Dich dazu zu zwingen, etwas zu Papier zu bringen. Deadlines, die weit entfernt sind, verleiten oft dazu zu trödeln und abzuschweifen. Druck kann manchmal dabei helfen, sich auf die vor einem liegende Aufgabe zu fokussieren. Du legst fest, wie lange Du schreiben willst und wie lange Du maximal pausieren darfst. (Du kannst natürlich auch so lange am Tisch sitzen bleiben, bis Du das Dir vorgenommene Schreibpensum erledigt hast.)

O) LASS DICH BERATEN
Lass Dich beraten oder schreib zusammen mit jemand anderem, weil Du Dich dann bei Deinen Schreibbemühungen weniger alleingelassen fühlst.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich