Wie Du vom Reden ins Handeln kommst

Oft wissen wir, was zu tun ist, und tun es trotzdem nicht. Stattdessen reden wir darüber, was zu tun wäre. «Man müsste eigentlich», ist der Gedanke, aber nicht die Tat. Menschen sind Meister, das eine zu sagen oder zu denken und das andere zu tun. Im Kleinen kann das bedeuten, dass man die Flasche Wein leert oder die Pralinen isst, obwohl man genau weiss, dass der viele Zucker oder Alkohol einem schadet. Schwerer wiegt, wenn Regierungen Abkommen zum Klimaschutz aushandeln und dann doch weiterwirtschaften, als gäbe es keinen Treibhauseffekt. Wenn Autokonzerne von Elektromobilität schwadronieren und dann bei der nächsten grossen Automesse ihre neuen Diesel präsentieren. Oder wenn über die heranrollende Virusepidemie diskutiert wird und Wochen vergehen, bis Gegenmassnahmen getroffen werden. Offenbar wird allgemein zu viel geredet und zu wenig gehandelt oder zu wenig gehandelt, gemessen an dem, was geredet wird. Die Wahrheit zu erkennen, heisst also nicht, sie auch zu beherzigen. Das ist ja gerade das Vertrackte am Klimaproblem: Alle wissen, was zu tun wäre, zumindest fast alle, und trotzdem trödeln wir weiter.

Allerdings kann man mit Reden die Welt nicht nur beschreiben, sondern auch verändern. Der britische Philosoph John Langshaw Austin hielt in den Fünfzigerjahren an den Universitäten Oxford und Harvard eine Vorlesungsreihe mit dem Titel «How to Do Things with Words». Austin brachte System in die Einsicht, dass wir, indem wir sprechen, die Welt verändern. Wer spricht, der handelt. Zunächst einmal auf offensichtliche Weise, er bringt einen sinnvollen Satz hervor, was Austin einen «lokutionären Akt» nannte. Aber kein Mensch sagt etwas, nur um die Luft in Schwingung zu versetzen. Indem er es sagt, überredet er vielleicht jemanden zu etwas, erschüttert eine Überzeugung, beeindruckt oder beleidigt jemanden. Damit vollführt er auch einen «perlokutionären Akt». Von diesen zwei Arten, durch Sprechen zu handeln, unterschied Austin eine dritte, die er für noch wichtiger hielt: nämlich den «illokutionären Akt». Der illokutionäre Akt ist der Zweck einer Äusserung: Zum Beispiel gibt der Sprecher eine Anweisung «Halt die Klappe», er verpflichtet sich zu etwas «Ehrenwort», drückt eine Emotion aus «Jammerschade» oder deklariert etwas «Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau». Mit einem «illokutionären Akt» kann ein Standesbeamter das Leben zweier Menschen für lange Zeit festschreiben.

Dass die eigenen Worte Taten sind, ist ein Zeichen von Macht. Nur wer Macht hat, handelt durch Reden. Wenn Staatsoberhäupter Krieg führen, beteiligen sie sich nicht. Sie geben nur Befehle. Sie bestimmen quasi die grobe Richtung, aber den Karren ziehen müssen andere. Wenn Reden kein Handeln wäre, dann wäre nicht viel passiert in der Weltgeschichte. Umgekehrt ist es die tiefste Stufe von Ohnmacht, nicht gehört zu werden.

Fragwürdig wird die vielschichtige Beziehung zwischen Reden und Handeln, wenn jemand allzu oft anders handelt, als er redet. Wie kann es sein, dass jemand seinen Worten mit seinen Taten widerspricht? Vielleicht ist er schlicht ein Lügner. Spannender aber ist der Fall, in dem ein Mensch beides wirklich so meint, also sowohl das Wort und die Tat, und sich trotzdem damit selber widerspricht. Man ist ganz und gar überzeugt davon und fest entschlossen, beim Nachtisch auf den Cognac zu verzichten und trinkt dann dennoch drei Gläser. Offenbar haben wir Menschen ein Gewirr von Stimmen in uns. Unsere Triebe, unsere Gewohnheiten und unsere Vernunft treiben uns mal hierhin, locken uns mal dorthin. Schopenhauer würde das «Willensschwäche» nennen. Menschen handeln wider ihr besseres Wissen. Man weiss genau, was am besten zu tun wäre – und tut es dennoch nicht. Lieber prokrastiniert man weiter, statt endlich seine Maturaarbeit fertig zu schreiben.

Der englische Philosoph David Hume glaubte im 18. Jahrhundert, das Problem der «Willensschwäche» gelöst zu haben: Menschen sind halt so. Sie sagen das eine und tun das andere. Natürlich sind Menschen vernünftig, theoretisch. Aber die Vernunft ist die Sklavin der Begierden, sagte Hume in seiner Moralphilosophie: «Reason Is and Ought Only to Be the Slave of the Passions.» Die Vernunft kann einem Menschen zwar helfen, zu kriegen, was er will. Aber was er will, bestimmen seine Begierden, und diese sind eben nicht vernünftig. »Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewusstsein», schreibt der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk in seinem 1983 erschienenes zweibändiges Werk «Der Kritik der zynischen Vernunft.» Das Werk behandelt den Zynismus als gesellschaftliches Phänomen der europäischen Geschichte. Es ist das modernisierte unglückliche Bewusstsein, an dem Aufklärung zugleich erfolgreich und vergeblich gearbeitet hat. «Es hat seine Aufklärung gelernt, aber nicht vollzogen und wohl nicht vollziehen können. Gutsituiert und miserabel zugleich fühlt sich dieses Bewusstsein von keiner Ideologiekritik mehr betroffen, da seine Falschheit bereits reflexiv gefedert ist.« Der Gehalt dieses Gedankengangs wird aufgezeigt in den Darlegungen selber, indem er ausführt, wie die verschiedenen Strategien aufklärerischer Kritik von den jeweiligen Gegenmächten umgebogen wurden und schliesslich in unserem Jahrhundert in den modernen Zynismus münden. Vermutlich sagen wir darum so häufig etwas anderes, als wir eigentlich tun wollten.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich