7 TIPPS FÜR LÄNGERE TEXTE

«Ich schreibe, weil ich es nicht kann. Schreiben ist ein andauerndes Umgehen mit dem Nichtkönnen», lautet Peter Bichsels Motto für das eigene Schreiben. Nur der Trivialautor ist ein Autor, der es kann. Er befriedigt die Bedürfnisse der Leser. Demgegenüber ist moderne Literatur ein ständiges Umgehen mit dem Nichtverstehen der Welt und sich selbst und bleibt deshalb immer offen. Das Schriftstellerdasein sei daher ein Luxus, meint Bichsel weiter, ein lebenslanges dilettantisches Geschäft. Nach einem Treffen mit Max Frisch habe er jeweils zu seiner Frau gesagt: «Weisst Du, was ich nie werden will? Ein Schriftsteller.» – Bichsel war da bereits ein erfolgreicher Autor. Aber nicht so ausschliesslich wie Frisch. «Für Frisch war alles, was keine Literatur abwirft, verlorene Zeit.» Frisch sei den ganzen Tag Schriftsteller gewesen. «Ich könnte mir vorstellen, dass er über eine neue Freundin gleich an dem Tag, an dem er sie kennen lernte, die ersten Notizen machte.» Er selbst mache keine Notizen, führe keine Tagebücher, sagt Bichsel. Das halte vom Leben ab. Offensichtlich ist Schreiben auch für Schriftsteller in der Regel nichts Selbstverständliches. Sollte man es nicht können, wird man es wohl auch nie lernen. Trotzdem ist es möglich, mit dem, was Bichsel «Nichtkönnen» nennt, umgehen zu lernen. Nicht auszuschliessen, dass Dir hierbei meine 7 TIPPS FÜR LÄNGERE TEXTE helfen, die erfahrene Autoren empfehlen:

1. Joan Acocella macht einen historischen Perspektivewechsel für Schreibblockaden verantwortlich: Writer’s block is a modern notion. Writers have probably suffered over their work ever since they first started signing it, but it was not until the early nineteenth century that creative inhibition became an actual issue in literature, something people took into account when they talked about the art. That was partly because, around this time, the conception of the art changed. Before, writers regarded what they did as a rational, purposeful activity, which they controlled. By contrast, the early Romantics came to see poetry as something externally, and magically, conferred. Kurz: Vielleicht hilft es, wenn wir uns nicht so sehr als Künstler, sondern eher als Handwerker sehen. Anstreich- oder Autoreparierhemmung? Nie gehört. Auch die meisten Journalisten können sich nicht erlauben, blockiert zu sein. Dafür stellen sie an ihre Texte aber auch nur entsprechend realistische Ansprüche.

2. Anne Gracie schreibt Liebesromane. Sie trickst sich so aus, wie sie sagt: I now write the first draft of a scene by hand in notebooks. I deal with the anxiety/perfectionism by telling myself «it’s just scribble. » Then I type it up onto the computer, telling myself «It’s just typing. » By then it’s a first draft, and I can work on that. Auch das ist eine Möglichkeit, keine Angst aufkommen zu lassen: Erst schreibt man mit der Hand in ein Notizbuch und sagt sich: «Ich kritzle nur herum. » Dann überträgt man die Szene in den Computer und beruhigt sich: «Ich tippe nur.» Jedes Mittel ist recht, um den inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen.

3. Der amerikanische Kriminalschriftsteller Don Winslow macht es sich einfach. Er antwortet auf die Frage «Haben Sie jemals unter einer Schreibblockade gelitten?»: No, but only because I refuse to believe in it. I’ll whistle past that particular graveyard, thanks. Er weigert sich also daran zu glauben und pfeift im dunklen Wald gegen seine Ängste an. Sinngemäss sagt er: »Schreibblockaden? Welche Schreibblockaden? Ich sehe keine Schreibblockaden.»

4. Leichter umzusetzen ist vermutlich sein nächster Tipp: I just write badly until the good stuff comes. Er lässt sich also nicht dadurch irritieren, wenn er schlecht schreibt, und macht einfach unbeirrt weiter, bis seine Einfälle besser werden. Und was seinen Ansprüchen nicht genügt, liesse sich ergänzen, kann er später umschreiben oder streichen.

5. Catherine Ryan Hyde, ebenfalls eine produktive Autorin, hat diese Erfahrung gemacht: sometimes … I feel a tug against getting started. In this case, I formulate the first couple of sentences, and force myself to open the file and type them. In almost every case, I go on to finish the chapter or scene. Sometimes the only way to get started is to start. Manchmal muss man sich eben zwingen, sprich: einfach anfangen.

6. Cecily von Ziegesar setzt auf folgendes Mittel gegen Schreibblockaden: for me reading is the best way. Everybody’s different but I feel like reading inspires me. I go back to the books that I love where I really love the writing, and I reread them. Sometimes I just pick up from the middle or from just anywhere, and I’ll just read a passage that I love. And that’ll get me wanting to write again. Sie liest also Geschichten, die sie liebt, oder auch nur Passagen daraus, und lässt sich davon inspirieren.

7. Und was hat dem Science-Fiction-Autor Cory Doctorow geholfen? Eine Beobachtung, die wahrscheinlich auch schon so mancher von uns gemacht hat: «For many years, I was plagued by writer’s block which is best understood as the crippling fear that the words you write when you aren’t inspired» will be bad words, unworthy and irremediable words … I came to realise that though when I wrote, I felt that I was either writing «good» words or «bad» words, that six months after the fact, I couldn’t tell the difference. Er war wie gelähmt von der Angst, unaussprechlich schlecht zu schreiben, stellte aber irgendwann fest, dass er ein halbes Jahr später nicht sagen konnte, welche Teile eines Texts ihm seinerzeit gefallen hatten und welche nicht. Das ist Dir vielleicht auch schon so gegangen: Du warst Dir unsicher bei einer Geschichte: War sie gelungen? War es peinlicher Mist? Und dann hörst Du von Lesern, wie sehr sie eben diese Story lieben. Du bist einfach oft zu nah dran, um die Qualität Deiner Texte beurteilen zu können. Ganz besonders im Moment des Schreibens. Dir das bewusst zu machen, kann ebenfalls gegen Schreibängste helfen.

Bei den vorhergehenden #Schreibempfehlungen für längere Texte habe ich Dir 7 Vorschläge gemacht, wie Du Schreibblockaden überwinden, unterlaufen, umgehen oder sie durchbrechen kannst. Versuche herauszufinden, was Dir in welchen Situationen am besten hilft. Und dann tu’s.

Solltest Du Methoden gefunden haben, um die Schreibangst zu bekämpfen und produktiver zu sein, die nicht in meinen Schreibempfehlungen vorkommen, so schick mir eine Mail und kommentiere meinen Beitrag.

Ich lerne gerne dazu.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich, starketexte@bluewin.ch

Bild: Anton von Maron, Joachim Winckelmann, 1717-1768
Sammlung Weimarer Stadtschloss