DIE ROTE #WAHRHEITSPILLE GIBT ES NICHT

Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so viel auf neue Kleider hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein. Eines Tages kamen zwei Betrüger zu ihm, die sich als Weber ausgaben und sagten, dass sie das schönste Zeug, welches man sich denken könne, zu weben verstünden. Die Kleider besässen die wunderbare Eigenschaft, dass sie für jeden Menschen unsichtbar wären, der unverzeihlich dumm sei. Zum grossen Fest des Hofes sollte der Kaiser die neuen Kleider anlegen. Die Betrüger taten so, als würden sie ihm in Beinkleider, Rock und Mantel helfen. Ganz nackt schritt der Kaiser dann unter dem Thronhimmel durch die festlich geschmückten Strassen. Da alle Erwachsenen um die wundersame Kraft der Kleider wussten, lobten sie sie eifrig und beflissen, denn sie wollten ja nicht dumm erscheinen. So offenbart der dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen in seinem Märchen «Des Kaisers neue Kleider», wie sehr die Erwachsenenwelt die Ehrlichkeit zugunsten gesellschaftlicher Konventionen vernachlässigt und den äusseren Schein weit höher schätzt als die Wahrheit. Oft wird die Erzählung als Beispiel angeführt, um Leichtgläubigkeit und naive Akzeptanz zu kritisieren, vergleichbar mit Gottfried Kellers «Kleider machen Leute» oder Carl Zuckmayers «Der Hauptmann von Köpenick». Aus Furcht um seine Stellung und seinen Ruf spricht wider besseres Wissen niemand, nicht einmal der treueste Minister des Kaisers, die offensichtliche Wahrheit aus. Vor die Entscheidung «Ansehen und Wohlstand oder Wahrheit» gestellt, entscheidet man sich letzten Endes gegen die Wahrheit. Allein ein kleines Kind ruft zur allgemeinen Überraschung, der Kaiser habe ja gar nichts an, bis das ganze Volk es ruft und der Kaiser einsieht, dass er sich hat betrügen lassen. Doch er beschliesst, auszuhalten und den Umzug zu Ende zu führen.

Hat der dänische Autor also ein Märchen über den grossen Schwindel unserer Zeit geschrieben, eine Welt, in der alles FAKE ist? Oft scheint es jedenfalls so, als hätte sich die Wahrheit abgeschafft! Trügt der Schein und ist alles Täuschung? Der Ausdruck «Fake News» hat jedenfalls Konjunktur. Sobald einem eine Nachricht nicht in den Kram passt, ruft man «Fake News». Doch nicht jeder Fehler in den News ist tatsächlich auch ein Fake. Zeitungsmachern passieren so wie Journalisten bei der Tages- oder Wochenschau Fehler. Vor allem in Zeiten, in denen überall gespart wird und in denen alles möglichst schnell gehen muss. Der Unterschied zwischen «Fehler» und «Fake» liegt beim Sender des Kommunikationsprozesses. «Fakes» sind Nachrichten, die absichtlich gefälscht und in Umlauf gebracht werden. Zwar ist Meinungsfreiheit ein urdemokratisches Recht, doch wenn jeder Quatschkopf seine Meinung zum Besten gibt und sie gar noch zig-Mal über Soziale Medien vervielfältigt, prallen zu guter Letzt Millionen Meinungen aufeinander und es entsteht ein Riesendurcheinander. Wer nun versucht, «Fake News» zu an analysieren, sieht sich vor die Schwierigkeit gestellt, klar und eindeutig zu entscheiden, was Sache ist. Jüngstes Beispiel sind die wöchentlichen Demonstrationen in Deutschland. Zwar wird in Talkshows darüber gestritten, wer nun Recht hat und wenn sich keine Einigung erzielen lässt, verweist man auf den «Faktencheck», um die Frage zu entscheiden. Grundsätzlich ist so das Problem aber nicht aus der Welt geschafft, weil ja die Quellen für den «Faktencheck» sich wieder in Frage stellen lassen, und so weiter und so fort. Gleiches gilt bei Bildern, bei denen eine Menschenansammlung gezeigt wird, die für oder gegen etwas demonstriert. Auch hier lässt sich immer schwieriger ein eindeutiges Urteil fällen, weil sich der Nachweis nicht zwingend erbringen lässt, dass tatsächlich hunderttausend Menschen auf die Strasse gingen, um für oder gegen etwas zu demonstrieren.

Eine Mehrheit der Europäer fordert daher mehr Anstrengungen gegen offensichtliche Täuschungen. Eine deutliche Mehrheit der EU-Bürger ist der Meinung, dass die Politik mehr gegen die Verbreitung von Desinformationen unternehmen sollte. Viele verlangen sogar einen stärkeren Einsatz von den Betreiberfirmen sozialer Plattformen. Das geht aus einer neuen Studie des Projekts «Upgrade Democracy» der Bertelsmann Stiftung hervor, einer Quelle, deren Quellen sich je nach Standpunkt auch wieder bezweifeln lassen.

Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein hat in seinem Spätwerk «Über Gewissheit» den Versuch unternommen, das zu erkunden, was sich nicht infrage stellen lässt. Er will etwas im wahrsten Sinne des Wortes dingfest machen, damit der Zweifel endlich zur Ruhe kommt. Wie vor ihm René Descartes und David Hume versucht er, die klaren Annahmen theoretischer Grundsätze in lebendige Gewissheiten zu überführen. Wittgenstein ist sich bewusst, dass wir uns stets irren können. Sein Gewissheitskonzept zielt nicht darauf ab zu zeigen, wo wir Zugang zur Wahrheit haben, sondern inwiefern der Zweifel aufgrund seiner Verwurzelung im Sprachspiel sinnlos oder unverständlich wird.

Der radikale Skeptiker, welcher an allem zweifelt, übersieht im Sinne Wittgensteins, dass unsere Zweifel nur in einem System von Gewissheiten sinnvoll werden. So ist sprachlicher Zweifel an etwas in der Aussenwelt Existierendem nur sinnvoll, wenn man dabei nicht an der Bedeutung der eigenen Worte zweifelt. Akzeptiert jemand diese Gewissheiten nicht, sondern zweifelt sie an, wird der Zweifel selbst unsinnig. Damit also ein innerhalb der Sprachgemeinschaft sinnvoller Zweifel möglich ist, muss zunächst ein System von Sätzen angenommen werden, welche nicht angezweifelt werden. «Zweifeln heisst denken. Der vernünftige Mensch hat gewisse Zweifel nicht. Ein Zweifel ohne Ende ist nicht einmal ein Zweifel» § 220. Unbezweifelbare Sätze in einem absoluten Sinne gibt es Wittgenstein zufolge nicht. Trotzdem kommt jeder Zweifel notwendig an ein Ende, weil am Grunde unseres Zweifels und aller Skepsis immer ein Handeln liegt. Eine uns allen eingeübte Praxis, die jede und jeder Einzelne wie selbstverständlich aufnimmt und als den gemeinsamen Hintergrund des Lebens akzeptiert. Richtig ist allerdings auch, dass dieser Hintergrund sich verändern und umgeschrieben werden kann, was indessen nichts daran ändert, dass es einen solchen Hintergrund als Grundlage unseres gemeinsamen Handelns geben muss. So gesehen, gibt es Gewissheiten oder Überzeugungen, die keinen weiteren Zweifel oder Irrtum zulassen. Natürlich sind das keine objektiven Gewissheiten, aber sie bilden das Fundament unseres Weltbildes. Am Grunde unseres Zweifels liegen also Überzeugungen, denen wir vertrauen und mit denen wir vertraut sind. Wir anerkennen sie als eine von vielen Menschen geteilte Lebensform. Damit gleicht die Gewissheit einer Art von fliegendem Teppich, die Gewissheit trägt uns, auch wenn sie kein Fundament, keinen festen Boden hat, sondern sie besteht aus einem Gewebe von Überzeugungen, Argumenten, Regeln und Sätzen, die uns als «fliegender Teppich» Festigkeit suggerieren. Fragen, die wir stellen, und unsere Zweifel beruhen somit darauf, dass gewisse Sätze vom Zweifel ausgenommen sind, sie sind gleichsam die Angeln, in welchen jene sich bewegen § 341. Auf diese Weise findet Wittgenstein eine Antwort auf einen radikalen Skeptizismus, ohne auf ein absolut sicheres Fundament der Erkenntnis setzen zu müssen. Wir vertrauen schlicht und einfach auf grundlegende Gewissheiten, weil sie in unserer gemeinsamen Lebensform verankert sind. Bei aller Unsicherheit und Skepsis würde Wittgenstein also daran festhalten, dass wir alle bestimmte Gewissheiten teilen, auch wenn es keine letzten Gewissheiten gibt. Fehlt diese Gewissheit, und fehlt das Vertrauen, heben wir uns selber aus den Angeln. Wir verlieren den festen Boden und verschwinden in der Matrix, aus der uns auch die rote Wahrheitspille nicht befreit.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

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