DIE URKUNDENFÄLSCHER

Aus der Zeit, aus der Welt, aus dem Leben gefallen, so komme ich mir zuweilen vor, wenn ich wie vor einigen Tagen mit meinem Lieblingsmenschen im Wald über der Stadt spazieren gehe und später noch im alten Försterhaus, unweit des «Hotel Dolder Grand», auf ein Bier oder einen Wein einkehre und beim Eingang eine schwarze Tafel mit weisser Schrift entdecke, die besagt: «LIEBE GÄSTE – Bitte warten Sie, wir platzieren Sie gerne!» Interessant dabei war, dass das Wort «platzieren» aufgrund der Kreidespuren offenbar mehrfach korrigiert wurde, was mich zu der Annahme verleitete, dass die Pächter mehrfach von Gästen darauf hingewiesen wurden, dass «platzieren» eigentlich anders geschrieben werde. Selber verunsichert, überprüfte ich die Schreibweise unter «korrekturen.de» auf meinem Handy und stellte dabei fest, dass «plazieren» eine alte Schreibweise von «platzieren» nach der reformierten Rechtschreibung von 1996 nicht mehr korrekt ist. Beim Zahlen fragte ich die Serviererin, ob sie öfter von Gästen darauf hingewiesen worden seien, dass «plazieren» oder «platzieren» falsch geschrieben sei, worauf sie lediglich meinte, es gebe keine korrekt geschriebenen Speisekarten. Natürlich kam es mir nicht darauf an, sondern auf die Einsicht, dass im Sinne der Semiologie vieles von dem, was wir wahrnehmen, auf etwas anderes verweist und daher als Zeichen gilt, zumal die Sache selbst in Form von «Objekten» oder «Handlungen» nicht zu vermitteln ist. Dass auch das noch kein gültiger Schlüssel für die richtige Deutung ist, hat sich mir später erschlossen, als eine ältere Frau an unseren Tisch trat und uns fragte, ob wir wüssten, dass die anderen Gäste auf der Terrasse alles, was wir besprechen, mithörten. «Das freut mich», gab ich ihr zur Antwort und überlegte im Nachhinein, ob die Worte der Frau als Tadel oder Lob aufzufassen sind. Andererseits lässt meine Antwort darauf schliessen, dass ich ihren Hinweis doch eher als Lob aufgefasst habe, was insofern in Frage gestellt werden könnte, als dass eine solche Antwort nur ironisch gemeint sein kann.

Später am Abend wunderte ich mich, dass beim EM-Eröffnungsspiel Deutschland gegen Schottland in München der Fernsehreporter die Nationalhymne mit den Worten kommentiert: «Und es folgt die deutsche Hymne: Einigkeit und Recht und Freiheit und vor allem Vielfalt.» Allerdings steht im Originaltext «Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland!» Bekanntlich handelt es sich beim Text der Hymne um die dritte Strophe des Gedichts «Das Lied der Deutschen», verfasst 1842 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland.

Alsdann nahm ich überrascht zur Kenntnis, dass die Allianz Arena an manchen Tagen in Regenbogenfarben leuchtet, um, wie es auf der offiziellen Homepage des FC Bayern heisst, den Christopher Street Day (CSD) und die LGBTQ+-Community zu unterstützen. Vielleicht ist das die vielbeschworene Vielfalt. Auch hat mich verwundert, dass hunderttausend Schotten wie eine riesige Karawane mit Fahnen und Transparenten durch das Land ziehen. Ihre Präsenz soll bisher für mehr Aufsehen gesorgt haben als die meisten EM-Partien. Am Tag des Eröffnungsspiels gegen Deutschland schmissen sie trotz der klaren 1:5-Niederlage rund um den Marienplatz im Stadtzentrum eine rauschhafte Fete, die der bayrischen Bierzeltkultur alle Ehre erwies. Die Liebe zum Sport scheint so tief in der schottischen Gesellschaft verwurzelt wie die Fairness, die Leidenschaft und der Zusammenhalt. Die Nationalmannschaft wirkt wie der kleinste gemeinsame Nenner des Landes, auf den sich selbst die Glasgower Erzrivalen Celtic FC und Rangers FC verständigen können. Auf der andern Seite sind auf der Fanmeile in Berlin zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor fast keine Deutschlandfahnen zu sehen. Hierzu passt, dass dort, wo Autofähnchen in den Farben Schwarz, Rot und Gold, von oben nach unten, zu sehen sind, diese, laut eines Postings auf X, mit einem beigefügten Zettel entfernt werden, auf dem zu lesen ist: «Ich habe ihre Deutschland-Fahne entfernt. Egal aus welcher Motivation sie diese Fahne angebracht haben, sie produziert in jedem Fall Nationalismus.» Freilich ist die Flagge gemäss Artikel 22 Absatz 2 des deutschen Grundgesetzes festgelegt und hat eine historische Bedeutung, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Ursprünglich symbolisierte Schwarz-Rot-Gold die demokratischen Bestrebungen während der Revolution von 1848/49. Heute ist sie ein wichtiges nationales Symbol und wird sowohl von staatlichen Einrichtungen als auch von Bürgern verwendet.

Und warum sprechen so viele immer wieder vom deutschen «Sommermärchen»? Vermutlich möchte man die besondere Atmosphäre und die euphorische Stimmung, die während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland herrschte, wiederholen. Bekanntlich entstand die Bezeichnung aufgrund der positiven Erfahrungen und der grossen Begeisterung, die das Turnier in der deutschen Bevölkerung auslöste. Die deutsche Nationalmannschaft unter Trainer Jürgen Klinsmann spielte einen offensiven und attraktiven Fussball, was zusätzlich zur Euphorie beitrug. (Der Dokumentarfilm «Deutschland. Ein Sommermärchen» von Sönke Wortmann dokumentiert diese Zeit und zeigt die Mannschaft auf ihrem Weg durch das Turnier und die emotionale Reaktion der Fans im ganzen Land.) Allem Anschein nach möchte das Land hierher zurückkehren, was sich vor allem daran ablesen lässt, wie sehr und wie oft deutsche Medien eine Euphorie herbeizureden versuchen. «Deutschland hat mit einem furiosen Auftaktsieg bei der Heim-EM gegen Schottland gleich grosse Euphorie entfacht», heisst es zum Beispiel auf EUROSPORT, und die überregionale deutsche Tageszeitung DIE WELT schreibt: «Nicht nur in den Stadien und auf den Fanmeilen herrscht große Euphorie, auch bei den TV-Quoten sorgen die Auftritte des deutschen Nationalteams für Rekordwerte.» Solche Kommentare wirken wie Urkundenfälschung. Natürlich ist eine Europameisterschaft immer auch eine Werbeveranstaltung für das ausrichtende Land: Die Welt zu Gast bei Freunden. Manchmal wird daraus aber auch ein schmerzhafter Realitätscheck. Die vielen ausländischen Fussballfans halten Deutschland nämlich in diesen Tagen den Spiegel vor. Vielleicht würde ein Blick nach draussen in andere Länder Wunder wirken.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
Schottischer Fussball-Fan