DIE VERKEHRTE WELT

Am Beginn jedes Textes steht ein Verführungsversuch. Scheinbar aus dem Nichts kommt ein Satz, der seine Leser gewinnen und verstricken soll. Er möchte sie festhalten und jenen Bann erzeugen, der zur Lektüre zwingt; er will Leser bezaubern, damit sie dem, was folgt, ihre Zeit widmen. Der erste Satz ist der wichtigste des ganzen Textes. Ohne ihn gerät nichts in Gang, und daher gehorcht er einem mächtigen Imperativ. Versagt er, so war die gesamte Anstrengung vergebens. Also ist der erste Satz für den Leser nur ein echter Anfang, sofern er bei der Lektüre bleibt. Legt er den Text zur Seite, weil ihn der erste Satz nicht erreicht, dann ist der Beginn eben kein Anfang, sondern ein leeres Versprechen. Wer den zweiten, dritten und vierten Satz liest, ist schon ein Stück weit in die innere Zone des Textes eingedrungen. Auch dort kann er sich noch zurückziehen, aber die Wahrscheinlichkeit wächst, dass er sich preisgibt und seine Zeit dem Lesen opfert. Wenn es dazu kommt, dann hat der Anfang als jene Verführung gewirkt, ohne die es keine Lektüre gibt. – Da der Texttitel Programm ist, versuchen wir es in diesem Sinn mit einer Erzählpassage aus Robert Walsers Roman «Der Räuber», der im Juli und August 1925 in Bern entstand, jedoch erst 1972 von Jochen Greven herausgegeben wurde, und wie folgt lautet: Als der alte Herr Zerrleder abends etwas zu spät nach Hause kam, nahm ihn gleich sein Herr Schlingel Sohn über das Knie und walkte ihn tüchtig durch. »In Zukunft«, sprach der Sohn zum Vater, »gebe ich dir überhaupt keinen Hausschlüssel mehr, verstanden!« – Wir wissen nicht, ob es so ohne weiteres begriffen wurde. Am andern Morgen bekam die Mutter von der Tochter eine schallende Ohrfeige (weithinschallend ist das rechte Wort), weil sie zu lange vor dem Spiegel gestanden. »Eitelkeit«, sprach die entrüstete Tochter, »ist eine Schande an so alten Leuten, wie du bist«, und jagte die Arme in die Küche. Auf der Straße und in der Welt trugen sich folgende beispiellose Dinge zu: Die Mädchen gingen den jungen Herren um die Ecken nach und belästigten sie mit ihren Antragen. Einzelne dieser also verfolgten Jünglinge wurden rot über die frechen Anreden von heranstreichenden Damen. Eine solche Dame machte am hellen Tageslicht einen offenbaren Angriff auf einen ganz unbescholtenen, gut beleumundeten Bürgerssohn, welcher schreiend die Flucht ergriff. Ich selber, zügelloser und weniger tugendhaft, ließ mich von einem jungen Mädchen abfangen. Ich hatte das Glück, von ihm im Stich gelassen zu werden, was mir recht war, da ich nur auf bessere Damen erpicht bin.

Eine andere VERKEHRTE WELT finden wir in «Le Fantôme de la liberté», einem italienisch-französischen Filmdrama des Regisseurs Luis Buñuel, eines mexikanischen Filmemachers spanischer Herkunft, der gegen Ende der Stummfilmzeit als surrealistischer Regisseur bekannt wurde. (Buñuel zählt zu den bedeutendsten Filmregisseuren des 20. Jahrhunderts. Er arbeitete in seiner Frühphase zusammen mit Salvador Dalí und der Pariser Surrealisten-Gruppe um André Breton und Meret Oppenheim.) Wie sehr die Welt im Film auf den Kopf gestellt ist, zeigt die legendäre «Dinner-Szene» als prägnantes Beispiel für den surrealistischen Stil des Regisseurs und seine Kritik an den sozialen Konventionen. In dieser Szene wird die übliche Funktion von Esszimmern und Toiletten umgekehrt. Die Charaktere sitzen auf Toiletten rund um einen Tisch, wie bei einem formellen Abendessen, und führen normale Gespräche, während sie gleichzeitig ihre «Geschäfte» verrichten. Wenn sie jedoch essen möchten, entschuldigen sie sich diskret und ziehen sich in einen kleinen privaten Raum zurück, der wie eine Toilettenkabine aussieht, um ihre Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Indem Buñuel die Orte für Essen und Körperausscheidungen vertauscht, zeigt er die willkürliche Natur gesellschaftlicher Regeln und die Absurdität der bürgerlichen Werte. Die Szene entfremdet den Zuschauer von alltäglichen Handlungen und zwingt ihn, über die Künstlichkeit sozialer Konventionen nachzudenken. Die visuelle und konzeptionelle Umkehrung sorgt für eine surreale Atmosphäre, die typisch ist für Buñuels Werk.

So wie der Surrealismus zählt auch der Dadaismus zu den avantgardistischen Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts. Entstanden während des Ersten Weltkriegs als Protestbewegung gegen den Krieg und die bürgerliche Gesellschaft, lehnten Dadaisten logische Strukturen und traditionelle Kunstformen ab und setzten auf Zufall und Absurdität. Ziel war die Zerstörung bestehender Formen und Normen, um Irrwitz und Widersinn der modernen Welt aufzuzeigen. Hintergrund der Entstehung ist die Situation der Schweiz im Ersten Weltkrieg. In allen am Krieg teilnehmenden Staaten waren junge Künstler einerseits durch Schliessung der Grenzen vom Austausch mit ihren ausländischen Kollegen und Freunden ausgeschlossen und andererseits wurden sie zum Militärdienst eingezogen. Kriegsgegner aus verschiedenen Staaten sammelten sich in der neutralen Schweiz, die zum einzigen Ort des internationalen Austauschs wurde. – Am 14. Juli 1916 erschien erstmals eine neue Form von Dadaismus: Hugo Balls Lautgedicht «Karawane», vorgetragen an einer DADA-Soirée im Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse 1 in Zürich. Das als Wiege des Dadaismus bezeichnete Gedicht war ein Paukenschlag. Seine Worte begrüssten das 20. Jahrhundert. Und befeuerten es zugleich. Denn vernünftiger ist sie nicht geworden, die Welt, seit 1916. Krieg ist eine Realität, wie je. Ebenso wie die weltweite Ungerechtigkeit. Der Emigrant Hugo Ball sprach sich gegen beides aus in seinen Gedichten. Dies, indem er jener Sprache, in der Worte wie «Krieg» oder «Ungerechtigkeit» ihren Platz finden, eine klare Absage erteilte. Die Dada-Sprache sollte Raum schaffen für Neues. Für Radikales, Leidenschaftliches, Utopisches. «Mit diesen Tongedichten wollten wir verzichten auf eine Sprache, die verwüstet und unmöglich geworden ist durch den Journalismus», schreibt Ball in sein Tagebuch.

Ausdruck einer VERKEHRTEN WELT ist sicher auch die auf nächste Woche anberaumte Friedens-Konferenz zum Ukraine-Krieg auf dem Bürgenstock in der Schweiz. Scheinbar soll die Konferenz eine Plattform für einen «Dialog über Wege zu einem umfassenden, gerechten und dauerhaften Frieden für die Ukraine auf der Grundlage des Völkerrechts und der UNO-Charta bieten», schreibt das Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten auf seiner Homepage. Nicht erwähnt wird dabei allerdings, dass gar nicht alle Kriegsparteien am Dialog teilnehmen. Noch verkehrter schien die Welt, als Papst Franziskus dazu aufgerufen hat, Mut für Friedensverhandlungen aufzubringen und dafür als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche scharfe Kritik auf sich gezogen hat, nicht zuletzt auch von politischen Parteien, die das Wort «christlich» im Namen tragen.

Christoph Frei, Akademisches-Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:

Spanische Lithografie des 19. Jahrhunderts