ES STEHT GESCHRIEBEN

Das Neue Testament wie auch der Koran berufen sich auf frühere Offenbarungsschriften. So stösst, wer das Neue Testament liest, immer wieder auf die Wendung: «Es steht geschrieben.» Der Satz hat also seinen Ursprung in religiösen und historischen Texten, wo er verwendet wird, um die Autorität und Unveränderlichkeit der göttlichen Worte zu betonen. Er wird verwendet, um auf etwas hinzuweisen, das schriftlich festgehalten und daher als unveränderlich angesehen wird. Besonders eindrücklich beschrieben sind die drei Versuchungen Jesu durch den Teufel. In der zweiten Versuchung nach Matthäus bzw. der dritten nach Lukas soll sich Jesus vom Jerusalemer Tempel, auf den der Teufel ihn führt, hinabstürzen, um den Schutz Gottes zu erproben.«Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.« Dies die Stelle in der revidierten Fassung nach Martin Luther.

Als 1901 Thomas Manns Roman «Buddenbrooks» erschien, las ein staunendes Publikum nicht nur über den «Verfall einer Familie», wie es im Untertitel hiess. Der Roman zeichnete ausserdem ein mit antizipatorischer Kraft gezeichnetes Epochengemälde. Was es mit dem «Verfall» im Weiteren auf sich hatte, zeigte die Geschichte des 20. Jahrhunderts. (Dieses fand überdies in Manns Romanen «Der Zauberberg» oder «Doktor Faustus» eminente Deutungen.) Auch andere literarische Werke zeichnen sich aus durch ihre antizipatorische Kraft, indem sie zukünftige gesellschaftliche oder historische Entwicklungen vorwegnehmen. Georg Orwell illustriert in seinem 1949 erschienen Roman «1984» die unfaire und elende Gesellschaft Ozeaniens, die von totalitären Praktiken und ständiger Überwachung geprägt ist. Der Roman wurde zurecht als Warnung davor geschrieben, was passieren könnte, wenn die Menschen ihren Regierungen zu viel Macht zugestehen, nachdem Orwell gesehen hatte, was mit den Menschen im Nazi-Deutschland geschah. Der Text vergegenwärtigt ausserdem die Fähigkeit von Regierungen, die Realität zu verändern und Fakten zu manipulieren, um sie ihren Erzählungen oder Narrativen anzupassen. Nicht weniger dystopisch schildert das 1961 erschienene Drama «Die Physiker» des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt drei Physiker, die als Patienten in einer privaten psychiatrischen Klinik leben. Einer von ihnen hat eine Entdeckung gemacht, die die Gefahr der Vernichtung der Welt in sich birgt und damit zur Grundfrage des Stücks nach der Verantwortung der Wissenschaft führt. Dürrenmatt verknüpft die Thematik mit seiner Dramentheorie, nach der jede Geschichte, ausgelöst durch den Zufall, die schlimmstmögliche Wendung nimmt.

Die Redewendung «The genie is out of the bottle» stammt aus dem orientalischen Märchen «Aladin und die Wunderlampe» und verdeutlicht, dass eine Situation oder ein Ereignis eingetreten ist, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und nun unkontrollierte Konsequenzen hat. Ein bisschen so wie Goethes Ballade «Der Zauberlehrling». Die Verse «Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los» droht nicht weniger als Warnung vor der Eigenmächtigkeit des Menschen als die unheilvolle «Büchse der Pandora» des griechischen Dichters Hesiod. Bekanntlich wird Pandora auf Geheiss des Göttervaters Zeus von Hephaistos aus Lehm geschaffen, um Rache für den Diebstahl des Feuers durch Prometheus zu nehmen. Pandora erhält zu diesem Zweck einen grossen, irdenen Vorratskrug, der alle Übel der Welt enthält, mit dem Auftrag, diesen den Menschen zu schenken. Vom Zeitpunkt der Öffnung an erobert das Schlechte die Welt. Zuvor kannte die Menschheit keine Übel, Mühen oder Krankheiten, ja nicht einmal den Tod. Natürlich erinnert das Beispiel an den Sündenfall, den Verzehr der verbotenen Frucht des Baums der Erkenntnis also, durch das erste Menschenpaar, mithin an die die Unheilsgeschichte der Menschheit begründende Ursünde. Andere Warnungen heissen «Kassandrarufe», die vor dem schrecklichen Ereignis warnenden Vorhersagen aus der griechischen Mythologie, oder «Schwert des Damokles» wie auch «Ikarus-Flug», eine Warnung vor Übermut und den Konsequenzen des Missachtens von Ratschlägen. Fausts Pakt mit dem Teufel ist das für viele bekannteste Literaturbeispiel für den gefährlichen Handel, bei dem man seine Seele oder Moral für weltlichen Gewinn opfert.

Basierend auf literarischen Beispielen waren wir schon immer gefährdet, und sind es auch jetzt. Die Erfahrung bestätigt, dass es einfacher ist, mit etwas zu beginnen, als damit wieder aufzuhören. Als kognitive Verzerrungen nennen wir sie «Sunk Cost Fallacy», bei der Menschen dazu neigen, bereits getätigte Investitionen in ihre Entscheidungsfindung einzubeziehen, auch wenn diese Investitionen unwiederbringlich verloren sind, oder «Concorde Falle», einem Spezialfall der «Sunk Cost Fallacy», benannt nach dem Überschallflugzeug Concorde, einem Projekt, in das vor allem Großbritannien und Frankreich trotz der wirtschaftlichen Unrentabilität grosse Summen investierten. Grosse Summen werden auch heute in Projekte investiert, die eigentlich schon längst verloren sind. Laut «Statista», der deutschen Online-Plattform für Statistik, lagen im Jahr 2023 die Ausgaben für die US-Armee bei rund 916 Milliarden US-Dollar. Im selben Jahr beliefen sich die Militär- und Rüstungsausgaben Europas auf insgesamt 480 Milliarden US-Dollar. Bekanntlich trafen sich gestern Freitag, dem 31. Mai 2024, die Aussenministerinnen und Aussenminister der NATO in Prag. Auf der Agenda standen die Vorbereitung des Gipfeltreffens in Washington im Juli und die NATO-Unterstützung für die Ukraine. Offiziellen Verlautbarungen zufolge, erlauben die USA und Deutschland jetzt den Einsatz ihrer Waffen gegen Stellungen in Russland, allerdings nur bei Charkiw. Das Recht auf Verteidigung leite sich aus dem Völkerrecht ab, sagt die NATO. Laut der Tageszeitung «Frankfurter Rundschau» von heute Samstag, warne Russland vor einer Eskalation, sollten Nato-Waffen auf russischem Boden eingesetzt werden.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032

Bild:
Rembrandt
Belsazars Fest
National Gallery, London