FRAMING ODER DIE MACHT DER SPRACHE

Die Novelle «Kleider machen Leute» des Schweizer Dichters Gottfried Keller, erschienen erstmals 1874 im dritten Band der Novellensammlung «Die Leute von Seldwyla», gehört zu den bekanntesten Erzählungen der deutschsprachigen Literatur. Der Text diente als Vorlage für Filme und Opern und gilt als Musterbeispiel für das, was allgemein als FRAMING bezeichnet wird. Die Geschichte handelt von dem Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der sich trotz Armut gut kleidet. Er gelangt in eine fremde Stadt namens Goldach und wird dort wegen seines Äusseren für einen polnischen Grafen gehalten. Nachdem er aus Schüchternheit versäumt hat, die Verwechslung aufzuklären, versucht er zu fliehen. Doch da betritt eine junge Dame, Tochter des Amtsrates, den Schauplatz. Die beiden verlieben sich ineinander, worauf der Schneider die ihm aufgedrängte Grafenrolle weiterspielt. Ein bisschen so wie in Mark Twains «Der Prinz und der Bettelknabe» oder in den « Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull», dem unvollendet gebliebener Roman von Thomas Mann. Was also ist jetzt FRAMING?

Der gleiche Sachverhalt, so oder anders dargelegt, kommt ganz unterschiedlich an. Im Jargon der Psychologen spricht man von FRAMING, wenn wir auf die genau gleiche Sachlage verschieden reagieren, je nachdem, wie sie dargestellt wird. Gesetzt den Fall, Forscher präsentierten zwei Arten von Fleisch: »99 % fettfrei« und »1 % fetthaltig«. Die Befragten werden das erste Stück als gesünder einstufen, obwohl die beiden Fleischarten identisch sind. Selbst bei der Auswahl zwischen »98 % fettfrei« und »1 % fetthaltig« entscheiden sich die meisten Befragten für die erste Variante, – die doppelt so viel Fett enthält. Schönfärberei scheint eine besonders gängige Spielart des FRAMINGS. Sinkende Aktienkurse werden als »gesunde Korrektur« bezeichnet und ein überzahlter Akquisitionspreis als »Goodwill«. In jedem Managementkurs lernen wir, dass Probleme keine »Problem«, sondern »Chancen« sind. Und der gefallene Soldat, egal wie viel Pech oder Dummheit zu seinem Tod geführt hat, wird zum «Kriegshelden». Völkermord ist »ethnische Säuberung» und die geglückte Notlandung, zum Beispiel auf dem Hudson in New York, wird als »Triumph der Aviatik« gefeiert. (Dass keine Notlandung ein Triumph gewesen wäre, fällt dabei unter den Tisch.)

Hast Du schon einmal den Prospekt für ein Finanzprodukt – zum Beispiel für einen ETF – genauer angeschaut? Oft ist darauf die Performance der letzten Jahre abgebildet. Wie viele Jahre zurück? So viele, dass eine möglichst schön ansteigende Kurve entsteht. Auch das ist FRAMING. Oder: Dasselbe Stück Brot, GEFRAMED entweder als »symbolischer« oder »wahrer« Leib Christi, kann eine Glaubensrichtung spalten. So geschehen im 16. Jahrhundert. Den Regeln des FRAMING gehorchen wir auch, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf nur einen oder wenige Aspekte des Ganzen lenken. Beim Kauf eines Gebrauchtwagens konzentrieren wir uns auf den Kilometerstand, aber nicht auf den Zustand des Motors, der Bremsen oder der Kupplung. Die Kaufentscheidung wird demnach durch den Kilometerstand beeinflusst, was nur natürlich ist, schliesslich können wir nicht alle Aspekte betrachten. Die Art und Weise, wie wir über etwas denken, hängt somit massgeblich vom Kontext ab, in dem uns die Information oder das Thema nahegelegt wird. Also wie ein Sachverhalt in ein bestimmtes Bedeutungsumfeld eingebettet ist. Je nach Darstellungsweise eines Themas können Entscheidungen und Urteile der Rezipienten beeinflusst werden. Der Framing– oder Rahmen–Effekt ermöglicht es den Empfängern, die enorme Menge an Informationen, die täglich auf sie einprasseln, zu verarbeiten und in einen gewissen Kontext zu setzen und andere Informationen auszublenden. So besehen, ist FRAMING auch eine Alltagshilfe, die sich gar nicht vermeiden lässt. Wir können quasi gar nicht «nicht–framen». Bereits die Wortwahl kann unterschiedliche Frames auslösen: Das Glas ist entweder «halbvoll» oder «halbleer», ein zugegeben triviales Beispiel, doch schafft es gleichwohl einen Rahmen für unsere Wahrnehmung. Sei Dir deshalb bewusst, dass Du nichts darstellen kannst, ohne zu FRAMEN und dass jeder Sachverhalt, egal wie Du ihn vernimmst, dem FRAMING unterliegt. Selbst in diesem Blogartikel.

Wie so vieles hat das FRAMING ursprünglich philosophische Wurzeln. Sehr einfach ausgedrückt: Durch die Wahl meiner Sprache bestimme ich den Rahmen, durch den ich die Welt, aber auch mich selbst betrachte. Es gibt vor allem drei philosophische Entwicklungen, an die das Framing anknüpft:

ERSTENS:
DER LINGUISTIC TURN
Der Begriff »Linguistic turn» bezeichnet eine Reihe sehr unterschiedlicher Entwicklungen im abendländischen Denken des 20. Jahrhunderts, denen allen gemeinsam eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Vorstellung zugrunde liegt, Sprache sei ein «transparentes Medium», um die Wirklichkeit zu erfassen bzw. zu vermitteln. An die Stelle dieser Sichtweise tritt stattdessen die Auffassung, Sprache sei eine «unhintergehbare Bedingung des Denkens». Demnach ist «alle menschliche Erkenntnis durch Sprache strukturiert»; die Realität jenseits von Sprache wird als «nicht existent» oder aber «zumindest unerreichbar» angesehen. Die Reflexion des Denkens wird damit zur «Sprachkritik»; eine Reflexion sprachlicher Formen – auch in der Literatur – kann so gesehen nur unter den Bedingungen des reflektierten Gegenstandes selbst, eben der Sprache, erfolgen.

ZWEITENS:
HOW TO DO THINGS WITH WORDS
Bei «How to do Things with Words» des britischen Philosophen John Langshaw Austin handelt es sich um die schriftliche Niederlegung einer zwölfteiligen Vorlesung, die Austin 1955 an der Harvard-Universität gehalten hat. Dabei macht er darauf aufmerksam, dass wir mit Worten etwas tun, also mit Worten handeln können. Manche Handlung ist nur in und durch Handlung möglich, etwa das Verzeihen. (Alle gut gemeinten Handlungen gegenüber jemandem, der sich schuldig gemacht hat, bleiben so lange in der Schwebe, bis man klar gesagt hat: «Ich verzeihe dir». Erst dann können meine anderen Handlungen gedeutet werden als ein «Es ist gut». Die Vergebung geschieht somit dadurch, dass ich sage: «Ich vergebe dir». – Davon macht die katholische Kirche seit Jahrhunderten Gebrauch in der Beichte: «Ego te absolvo», «Ich entlaste dich» oder «Ich mache dich frei». Etwas ganz Ähnliches gilt für den Satz «Ich liebe dich». Austin nennt das einen «performativen Sprechakt», mithin ein Reden, in dem genau das geschieht, von dem die Rede ist.

DRITTENS:
NEUROLINGUISTIK
Die dritte, modernste Form für das, was heute als FRAMING bezeichnet wird, ist die «Neurolinguistik». Hier ist vor allem der in Berkeley lehrende George Lakoff zu nennen. Lakoffs These: «Die Sprache kommt auf leisen Sohlen in unser Gehirn». Der US-amerikanische Linguist fand in neurolinguistischen Experimenten heraus, dass sich im Grunde alle Metaphern auf unser körperliches Grundbefinden beziehen. Beispielsweise konstruieren wir unsere Reden über Liebe über den FRAME des «Weges». Zur Verdeutlichung hier einige Beispiele: «Schau doch, wie weit wir miteinander gekommen sind», «Schatz, wir sind nun am Scheideweg», «Wir müssen jetzt getrennte Wege gehen» oder «Steckt unsere Beziehung nicht in einer Sackgasse?». In all den Sätzen über die Liebe ist der FRAME der Weg bzw. die damit verbundene Reise. Als Schüler von Noam Chomsky vertritt Lakoff die Position, dass Menschen in Metaphern denken; dies geschehe zumeist unbewusst, da die Metaphern nicht oder nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Trotzdem sei es relevant, in welchen Metaphern man denke und welche rhetorisch genutzt werden, da Metaphern immer einem Denkmodell unterliegen, das man durch die Verwendung seiner Schlüsselbegriffe stützt. Benutzt man militärische Metaphern wie «Gewehr bei Fuss stehen», «Kampf bis zum bitteren Ende» oder gar Sätze wie «Meine Arbeit ist ein ständiger Kampf. Immer stehe ich auf Kriegsfuss mit meinen Kollegen», so wird eine persönliche Auseinandersetzung implizit als Krieg angesehen. Der Krieg dient dann als FRAME. Metaphern sind demnach nicht blosse poetische oder rhetorische Mittel, sondern, wie George Lakoff dargelegt hat, «integraler Bestandteil unserer alltäglichen Sprache». 1) Sie begrenzen unsere Wahrnehmung, unser Denken und Handeln. Die Wirklichkeit selbst wird durch sie festgelegt und da Metaphern von Kultur zu Kultur verschieden sind, sind auch die Wirklichkeiten, die sie bestimmen, verschieden.

1) Vgl. hierzu: George Lakoff: Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern, Systemische Horizonte, April 2021

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
British Frames