IM AUGE DES SHITSTORMS

Im französischen Comic Streit um Asterix kommen die Römer auf die Idee, die Einigkeit der unbeugsamen Gallier zu torpedieren. Dazu bestellen sie einen Spezialisten mit dem Namen «Tullius Destructivus», der es schafft, überall Streit und Zwietracht zu säen. Je giftiger die Sprache wird, desto grüner färben sich die Sprechblasen in dem Comic. Natürlich entstehen in unserem alltäglichen Leben diese giftigen Sprechblasen nicht durch Comicfiguren, sondern durch Algorithmen. Die Algorithmen von Plattformen wie YouTube, Facebook, Instagram oder X wirken dabei auf die Sprache wie das Ozon auf die Atmosphäre. Sie schaffen ein Treibhaus für polarisierende Meinungen, die zu mehr «User-Engagement» und damit zu mehr Werbeeinnahmen führen. Eine Tatsache, die nicht nur Frances Haugen, die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin und Whistleblowerin, mit Beweisen untermauerte. Dabei sind die Erregungsthemen beliebig austauschbar. Verschwörungstheorien strömen ungehindert auf sonst kühle Gemüter. Globale Shitstorms entstehen im ungetrübten Himmel von liberalen Demokratien, die es versäumt haben, der Meinungsfreiheit die Meinungsverantwortung entgegenzustellen. Entdeckt der Algorithmus ein Erregungsthema, beginnt sich die Hassspirale erneut zu drehen. Auf jede Lüge folgt eine neue, auf jede Desinformation ein neues Gerücht. Das Ergebnis ist eine zerrissene Gesellschaft ohne innere Bindekräfte.

So habe ich beispielsweise während der Corona-Zeit einen Artikel von Sarah Pines aus der NZZ auf meiner FB-Seite «Akademisches Lektorat» geteilt, der die Sperrung des Twitter-Accounts von Donald J. Trump diskutierte. Thema war dabei nicht, dass Donald Trump den Twitter-Account missbraucht hat, sondern die Tatsache, dass viele Trump-Feinde in ihrer nahezu bedingungslosen Verehrung grosser Tech-Monopole den Boykott politischer Gegner mit einem «War aber auch höchste Zeit!» auf der ganzen Welt begrüssten. Es ging also um TWITTER und nicht um DONALD TRUMP. «Selten zuvor», schreibt die Autorin, «übten in Demokratien wenige Individuen eine derartige Kontrolle über die Informationen aus, die wir konsumieren. Nicht mehr gewählte Regierungen oder unabhängige Richter regulieren unser politisches und kulturelles Leben, sondern Unternehmen, die damit willkürlich über unsere Freiheiten entscheiden.» Einige Besucherinnen und Besucher meiner FB-Seite lasen das Posting freilich so, als ob ich Donald Trump in Schutz nehme, ja ein Befürworter seiner Politik sei, was allein schon durch die Tatsache evident werde, dass ich einen NZZ-Artikel teile. Dass der Artikel etwas mit der komplementären Struktur von Kommunikationsabläufen zu tun hat, wollten viele partout nicht begreifen. Für Sie blieb ich ein Anhänger Trumps, weil sie es so sehen wollten. Ob sie den Artikel gelesen hatten, schien dabei keine Rolle zu spielen. So schrieb E.H. zum Beispiel: «Ah, das ist hier also ein Trump Unterstützer und Corona Massnahmenzweifler Lektorat. Gut zu wissen, damit will ich nichts zu tun haben. Wer sich mit Rechtsradikalen verbündet, ist keinen Deut besser.» Und N. S. ergänzte: «Geht mir genauso…, ich werde hier nicht weiter verweilen. Diese Rechtsaussen Einstellung geht für mich nicht.» Es geht auch noch etwas extremer. So postete etwa B.J.: «Danke für die schlaue Antwort. Leute wie dich braucht es ja immer zum erklärt. Weil alle anderen komplett blöd sind. Die brauche solche Schlauchen wie dich eben. Samstage sind dafür übrigens besonders gut geeignet. Da laufen die ganzen Schlauchen so richtig zur Hochform auf.»

Was das Ganze mit Corona und Rechtsradikalität zu tun hat, bleibt freilich im Dunkeln. Hauptsache, man hat ein Statement abgeben. Selber schuld, wer sich in den Sozialen Medien bewegt. Dass es sich hierbei um sogenannte «Hater» handelt, dürfte mittlerweile klar geworden sein. Gemeinhin werden Menschen als «Hater» bezeichnet, die eine starke Abneigung gegen etwas oder jemanden empfinden und diese Abneigung in Wort oder Schrift auch ausdrücken. Insbesondere sind Hater im Internet und in den Sozialen Medien verbreitet. Hier können sie im Schutze der Anonymität ihre Kommentare schreiben und veröffentlichen. Als solche müssen sie von Kritikern unterschieden werden, da sie ja nicht daran interessiert sind, mit ihren Statements auf etwas aufmerksam zu machen oder gar einen Missstand auszubessern.

Die vielleicht interessantere Frage ist wohl, wie Betroffene mit Hatern umgehen. Man kann sie einfach ignorieren, sich ein dickes Fell zulegen oder zurückposten, pointiert oder sachlich kühl. Möglich auch, dass ein sogenannter Hater einfach im Recht ist. Ausschliessen sollte man das jedenfalls nicht. Zu guter Letzt kann man die Kommentare der Hater auch als Kompliment werten, wenn einem das die eigene Bescheidenheit nicht verbietet. Ganz im Sinne von: «Viel Feind, viel Ehr!»

Andererseits gilt auch hier das Phänomen der «shifting baselines», ein Begriff aus der Umweltforschung, der unterschiedliche Vergleichsmassstäbe für die Wahrnehmung von Veränderung beschreibt. Beispiel: Ältere Fischer ebenso wie ältere Umweltforscher nehmen aufgrund ihrer Erfahrungswerte den Rückgang von Fischbeständen deutlicher wahr als jüngere Kollegen. Entscheidend ist also der Bezugspunkt, von dem man ausgeht. Das Shifting-Baseline-Syndrom bezeichnet somit ein Phänomen verzerrter und eingeschränkter Wahrnehmung von Wandel. Parallel zur Veränderung von Umweltbedingungen kommt es dabei zu Verschiebungen und Veränderungen der Referenzpunkte, die der menschlichen Wahrnehmung beim Bemessen von Wandel dienen. Je häufiger daher in der Öffentlichkeit grenzwertige Begriffe diskutiert werden, umso mehr setzt die Gewöhnung ein und die Grenzen des Sagbaren verschieben sich. Dies gilt selbstredend auch für die Kommentare in den Sozialen Medien, aber auch für das Verhalten von Politikern, die Internetforen durchleuchten, um möglichen Hatern eine Abmahnung zukommen zu lassen. Von aussen betrachtet wird man indessen den Hatern zuweilen auch recht geben wollen. Der jüngste Fall betrifft die deutsche Aussenministerin, die das von ihrer eigenen Partei erkämpfte Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen missachtete. Am 23. Juni startete ihr Flugzeug um 23.54 Uhr, 54 Minuten nach Beginn des eigentlichen Verbots. Der Flug führte sie nach einem Besuch des Deutschland-Schweiz-Spiels direkt nach Luxemburg, wo am nächsten Morgen ein EU-Aussenministertreffen stattfand. (Der Kanzler und die übrigen Regierungsmitglieder flogen mit der anderen Maschine am Sonntag von Frankfurt zurück nach Berlin.) Für besonderen Wirbel sorgt die Flugstrecke von nur 184 Kilometern. Journalisten und Politiker bezeichneten das Vorgehen als «grüne Doppelzüngigkeit», da die Grünen im Wahlkampf Kurzstreckenflüge verteuern wollten, um sie unattraktiv zu machen. Die Kosten des Fluges übernimmt der Steuerzahler. Und die Aussenministerin selbst findet sich im Auge des Shitstorms wieder.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

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SHITSTORM