Orte ohne Orientierung

Im Grunde haben wir alle etwas die Orientierung verloren: Sei es zu Hause mit unseren Schutzbefohlenen, sei’s in der Schule mit den Schülerinnen und Schülern, aber auch in der Politik, im Finanz- und Rechnungswesen sowie in der Regulierung des Internets, von dem sich die die meisten mehr erhofft haben, als sich letztendlich konkretisiert hat. Was also ist zu tun, wenn alles im Umbruch begriffen scheint, kein Wert mehr als gesichert begriffen wird und keine Ordnung mehr als endgültig gilt? Was soll man machen, wenn scheinbar keine Ordnung mehr gilt, und alle Vorstellungen von Gut und Böse, Recht und Unrecht, wahr oder falsch über den Haufen geworfen sind? Wenn keiner mehr sich seiner Sache sicher ist, da überall eine heilsame Verwirrung eingesetzt hat. – Gerade im Hinblick auf Erziehung und Schule zeigt sich vielleicht am deutlichsten, wie weit die allgemeine Verwilderung bereits fortgeschritten ist. So schreibt zum Beispiel der deutsche Neuropädiater und Kinderarzt Dr. Gerald Hüther in der Online-Ausgabe des Monatsmagazins GEO bereits im November 2009: «Wenn Kinder viel fernsehen und wenig freispielen, wenn sie wenig ausprobieren dürfen oder ihnen jede Schwierigkeit aus dem Weg geräumt wird, verzögert sich die Reifung des Frontalhirns. Die dort entstehenden Nervenzell-Verschaltungen entwickeln sich nur, wenn sie gebraucht werden – um Handlungen verantwortlich zu planen, ihre Folgen abzuschätzen und mit Disziplin und Ausdauer ein Ziel zu erreichen». Bemerkenswerterweise gelten Kinder, die dazu nicht mehr in der Lage sind, heutzutage kaum als entwicklungsgestört, ja sie fallen oftmals gar nicht auf, weil viele Erwachsene es unbewusst akzeptieren, wenn Heranwachsende ausschliesslich lustfixiert und ichbezogen agieren, nicht imstande sind, auch nur die einfachsten Grundregeln des Zusammenlebens zu befolgen, und nur ganz kurz in der Lage sind, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Trotzdem gehören diese Defizite zu den häufigsten Ursachen für schulisches Versagen. Nehmen Disziplinlosigkeit, Aggressionsbereitschaft oder Konzentrationsschwäche der Kinder so grosse Ausmasse an, dass sie zu ernsthaften schulischen Problemen führen, schlägt das Pendel zurück. Statt Ignoranz herrscht nun plötzlich blinder Aktionismus: Mediziner und Kindertherapeuten werden auf den Plan gerufen und das Kind wird zum Therapiefall. Aufgrund der oben aufgeführten Ursachen für psychische und physische Fehlentwicklungen wäre allerdings zu fragen, ob die um sich greifende Therapeutisierung und Pathologisierung der Kindheit die richtige Antwort auf die offensichtlichen Verhaltensstörungen und Lerndefizite sind oder ob nicht vielmehr eine Besinnung auf die Grundbedürfnisse von Heranwachsenden in vielen Fällen einfacher und zielführender wäre. Fördern kann das die Schule allerdings nur in Ansätzen. Entscheidend ist und bleibt das übrige Umfeld des Kindes. Vor allem Eltern sollten wissen, wie sie eine gesunde Entwicklung begünstigen können. Wohl das Wichtigste dabei ist, dass Kinder Aufgaben erhalten, an denen sie wachsen können. Zugleich müsste möglichst viel von ihnen ferngehalten werden, was zu Ablenkung und unnötigem Stress führt.

Weitgehend aussichtslos ist es, die genannten Entwicklungsdefizite, die sich in den frühen Jahren aufgebaut haben, in der Schule kompensieren zu wollen. Hierzu fehlen einfach die Ressourcen! Also wird nichts anderes übrigbleiben, als die Eltern vermehrt in die Pflicht zu nehmen.

Wer nun den Versuch wagt, den Kern herauszuschälen, warum viele die Orientierung beim Lehren und Lernen verloren haben, wird nicht umhin können, Dinge auszusprechen, die gerade in einem Zeitalter der «Schmerzvermeidung» auf taube Ohren stossen. In einer Metapher lässt sich der gegenwärtige Zustand vielleicht am besten mit dem Satz umschreiben: «Die Versicherungsprämien wurden nicht bezahlt!», ein Satz, der sich naturgemäss nicht nur auf das Bildungswesen übertragen lässt. Viel zu lange haben wir mit allem gewartet und immer alles auf später verschoben. Dadurch haben sich mit der Zeit verschiedene Lernhemmer herauskristallisiert, von denen ich im Folgenden fünf herausgreife, die in meinen Augen die Hauptverantwortung tragen für das allgemeine Durcheinander.

ERSTENS:
Zu viele Jugendliche verbringen zu viel Zeit vor elektronischen Medien. (Natürlich trifft das auch für Erwachsene zu, aber um die geht’s hier nicht.) Bildschirmmedien führen fast immer zu Reizüberflutung, die einen grossen Teil der Energien bindet. Sie zwingen zu oberflächlichem Konsum kurzer Reize auf sozialen Netzwerken mit Fokus auf Video- und Foto-Sharing und fördern generell eine geistige Passivität. Meist hinterlassen sie eine innere Leere. Handys wirken darüber hinaus stark suchterzeugend. Häufige Begleiterscheinungen sind innere Unruhe, Zeitmangel sowie zwanghafte Vorstellungen, etwas zu verpassen (FOMO).

ZWEITENS:
Schülerinnen und Schüler haben in der Regel zu viel Freizeitstress. Oft ist es der Ehrgeiz der Eltern, einen erlebnisarmen Alltag durch Ablenkungen aller Art aufzupeppen. Auch das Gefühl, mit der Peergroup mithalten zu müssen, führt oft zu Tagesabläufen, bei denen ein Termin den anderen jagt. Selbstredend wird die Schule dadurch allzu leicht marginalisiert.

DRITTENS:
Zu viele Schulkinder sind nicht erzogen. Gutes Benehmen und gesittete Umgangsformen können nicht mehr allgemein vorausgesetzt werden. Wichtiger als das ist die verhängnisvolle Tatsache, dass sich Eltern, ja Erwachsene insgesamt, häufig vor der Erziehungsverantwortung drücken, weil sie sich kaum noch trauen oder gar nicht mehr in der Lage sind, Kindern Werte und Normen zu vermitteln und vorzuleben. Weil sie selber in ihrem Weltbild und ihrem Urteil verunsichert sind, sind sie meist keine selbst- und verantwortungsbewussten Repräsentanten jener Welt, in die sie die Kinder eigentlich hineinführen sollten. Wenn Eltern keine verlässlichen Vertreter der Erwachsenenwelt mehr sind, entsteht eine Lücke, die durch die Gruppe der Gleichaltrigen geschlossen wird. Diese ersetzt den Mangel an elterlicher Autorität.

VIERTENS:
Zu viele Kinder leiden unter einem Mangel an Wärme und persönlicher Zuwendung, da ihre Eltern zu wenig Zeit mit ihnen verbringen. Es fehlt an ungeteilter Aufmerksamkeit und gemeinsamer Tätigkeit. Eltern fördern dadurch die psychische Entwicklung ihrer Kinder oft nur ungenügend. Kinder müssen jedoch von den Erwachsenen klare und angemessene Reaktionen auf ihr Verhalten bekommen, sowohl positive wie negative, um sich in der Welt überhaupt zurechtzufinden und zu lernen, Gefühle und Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. Nur so können sie reifen und eine soziale Sensibilität entwickeln sowie die Fähigkeit zu Freude, Ehrgeiz und Anstrengungsbereitschaft erwerben. Wer nicht gelernt hat, seine Impulse zu kontrollieren und Befriedigungen aufzuschieben, kann auch keine Regeln akzeptieren und nicht mit Frustrationen umgehen.

FÜNFTENS:
Warum sind viele Schüler kaum mehr in der Lage, physisch dem Unterricht aufmerksam und konzentriert zu folgen? Weil sie unter chronischem Schlafmangel leiden, der mitunter im Unterricht nachgeholt wird. Auch haben sie häufig viel zu wenig Bewegung in ihrer Freizeit, was sich in übertriebenem Bewegungsdrang während des Unterrichts niederschlägt. Kommt hinzu, dass sie zu oft ungesunde fett- und zuckerreiche Nahrung zu sich nehmen; eine erschreckend hohe Zahl an übergewichtigen Kindern ist die Folge.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:

Mosaico romano del Minotauro en el laberinto (siglo III d.C.) en la antigua ciudad de Conimbriga, Portugal.