SO ÜBERSTEHST AUCH DU DIE #PROBEZEIT

Jeder siebte, der nach den Sommerferien zum ersten Mal eines der Zürcher Gymnasien besucht, wird in einem halben Jahr durch die Probezeit gefallen sein. Das zeigt laut «Tages-Anzeiger» der Durchschnittswert. Je nach Gymnasium kann dieser Wert aber auch höher oder tiefer ausfallen. Besonders hoch ist die Durchfallquote an den Kurzgymnasien Uster, Bülach und Zürich Enge. Dort wird sogar jeder vierte Schüler die Probezeit nicht bestehen. Betroffen sind vor allem Schüler, die von der Sekundarschule ans Gymnasium gewechselt haben. Weshalb die Durchfallquoten an den verschiedenen Gymnasien so unterschiedlich sind, ist nicht klar. Zwar zeigt sich, dass Schüler aus fremdsprachigen Familien öfters durchfallen, dies erklärt aber nicht, wieso die Ausfallquote beispielsweise in der Gemeinde Uster so stark angestiegen ist. Viel eher scheint das Problem beim Mathe-Unterricht zu liegen. Vor allem Sekundarschüler haben Probleme mit dem Anschluss. In Uster zeigt sich, dass beinahe 40 Prozent aller Schüler im letzten Jahr in der Probezeit ungenügende Noten in Mathematik hatten. Das Problem ergibt sich, da in Uster Sekundarschüler, die ans Gymnasium wechseln, mit Gymischülern aus dem Langzeitgymnasium vermischt werden. Das Mathe-Problem zeigt sich aber auch in anderen Gymnasien. In der Sekundarschule wird Algebra weniger routinemässig geübt, so dass es Schülern, die ins Gymi gewechselt haben, schwerfällt, den Anschluss zu finden. Problematisch sei die hohe Durchfallquote in Uster aber nicht, meint der Chef des kantonalen Mittelschulamts, Niklaus Schatzmann. Er glaubt viel eher, dass es sich aufgrund der geringen Schülerzahl dort um einen statistischen Ausreisser handelt. Die Kantonsschule Enge steht hingegen vor einem Rätsel. Aufgrund der heterogen zusammengesetzten Schülerschaft lässt sich die hohe Durchfallquote nicht erklären. Auch geben die Schüler an, sich nicht vom Schulstoff überfordert zu fühlen. Daher hat die Schulleitung nun beschlossen, verschiedene Massnahmen auszuprobieren, um herauszufinden, wo das Problem liegen könnte. Vorbildlich zeigt sich das Gymnasium Zürich Nord. Im Kurzgymi wurde nach der Aufnahmeprüfung ein Algebra-Training eingeführt. Im Langgymnasium gibt es Hausaufgabenstunden für Kinder, die zu Hause keinen ruhigen Arbeitsplatz haben. Ausserdem wird sichergestellt, dass die Klassenlehrer bereits während des Semesters über die Noten ihrer Schüler informiert bleiben und diese nicht erst im November zum ersten Mal erfahren. Auffallend ist, dass die Ausfallquoten in den Langzeitgymnasien ähnlicher verteilt sind als in den Kurzzeitgymnasien und grundsätzlich tiefer liegen. Der Rektor der Hohen Promenade nimmt an, dass dies mit einer Verbesserung der Aufnahmeprüfung zusammenhängt. Deshalb müsse während der Probezeit weniger selektiert werden. Letzteres ist allerdings insofern in Zweifel zu ziehen, als im Grunde immer gleich viele Schüler aufgenommen werden. Genauer: Es können nicht mehr Schüler aufgenommen werden, als es Platz hat. Mach Dir also keine Sorgen, wenn Du nächstes Jahr die Aufnahmeprüfung absolvierst, werden tendenziell nicht weniger Schüler aufgenommen. Und wenn Du eben jetzt am Anfang einer Probezeit stehst, würde ich schon gar nicht in Panik verfallen. Mittelschulen kochen auch nur mit Wasser! Egal, an welcher Kantonsschule Du gerade bist, es ist nicht Aufgabe der Schule, möglichst viele Schüler rauszuschmeissen. Andernfalls hätten viele Lehrer gar keine Schüler mehr, was natürlich unbedingt vermieden werden muss. Mithin wird sich, was die Zahlen anbelangt, alles in etwa im Gleichgewicht halten. Trotzdem kann es nicht schaden, wenn Du einige meiner Tipps zur Kenntnis nimmst; schliesslich habe ich oft genug Schülerinnen und Schüler fallieren gesehen, die bei etwas schlauerem Vorgehen hätten bestehen müssen.

Vor allem solltest Du Dir darüber im Klaren sein, dass Lehrer nur das prüfen können, was sie zuvor vermittelt haben. Hieraus folgt, dass viele Schülerinnen und Schüler die Probezeit falsch einschätzen und deshalb am Ende scheitern. Bestätigt fühlen sie sich dadurch, dass zu Beginn nur wenige Prüfungen zu schreiben sind. Der Grund hierfür liegt im Umstand, dass praktisch alle Lehrerinnen und Lehrer zuerst einmal Stoff vermitteln müssen, bevor sie diesen auch prüfen können. In der Folge werden in den ersten drei Wochen vielleicht noch gar keine Prüfungen durchgeführt, dafür Informationsveranstaltungen, Gesundheitstage oder Schulreisen, damit die Klassen sich besser kennenlernen. Erst nach den Herbstferien und gegen das Ende der Probezeit nimmt die Häufigkeit der Prüfungen zu, wobei in der Regel so viele grössere Prüfungen zu absolvieren sind wie Wochenlektionen. Wer also zwei Lektionen Biologie und Geschichte in der Woche hat, muss wenigstens zwei grössere Prüfungen in diesen Fächern schreiben. Möglich, dass noch ein kleinerer Test zum Auf- oder Abrunden dazukommt, ein kurzes Referat oder eine mündliche Repetition, aber die Grundlagen für die Notengebung sind in der Regel die beiden Hauptprüfungen. Wirkliche Tiefnoten, und das betrifft auch andere Fächer, lassen sich deshalb kaum kompensieren. (Wenn Du fünf Biologiestunden verschläfst, bist Du vermutlich weg vom Fenster, gleiches gilt für Geografie oder Mathematik. Mathematik und Französisch musst Du fortlaufend begreifen. Das heisst, Du musst Deine Unterlagen in Ordnung haben.)

Kurz gesagt: DER WIRKLICHE PRÜFUNGSSTRESS BEGINNT IN DER REGEL NACH DEN HERBSTFERIEN. Oft endet er zum Leidwesen vieler Schülerinnen und Schüler erst mit dem Abgabetermin der Noten Ende Januar und den anschliessenden «Aufnahmekonventen». Wer daher nie etwas vorgelernt hat, ist zum Schluss hoffnungslos überfordert, weil die zu bewältigende Stoffmenge einfach zu gross wird.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
M.C. Escher, Drawing Hands