WAS UNS DIE SPRACHE NICHT SAGEN KANN

«Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.» So lautet der zweitletzte Abschnitt in Ludwig Wittgensteins 1921 publiziertem «Tractatus logico-philosophicus», dem ersten Hauptwerk des österreichischen Philosophen. Wittgensteins Leiteranalogie bezieht sich als zentrale Metapher des Textes auf Fritz Mauthners «Beiträge zu einer Kritik der Sprache», erschienen 1906, wo sich in der Einleitung folgende Sätze finden: «Will ich emporklimmen in der Sprachkritik, die das wichtigste Geschäft der denkenden Menschheit ist, so muß ich die Sprache hinter mir und vor mir und in mir vernichten von Schritt zu Schritt, so muß ich jede Sprosse der Leiter zertrümmern, indem ich sie betrete. Wer folgen will, der zimmere die Sprossen wieder, um sie abermals zu zertrümmern.» Mauthner wiederum nimmt Bezug auf Arthur Schopenhauers Sätze: «Dem aber, der studirt, um Einsicht zu erlangen, sind die Bücher und Studien bloß Sprossen der Leiter, auf der er zum Gipfel der Erkenntniß steigt: sobald eine Sprosse ihn um einen Schritt gehoben hat, läßt er sie liegen.» Natürlich erinnern die Beispielsätze an den Traum von der Jakobsleiter aus dem «Alten Testament», an jene Geschichte, die erzählt, wie Jakob, auf der Flucht vor seinem Bruder Esau, in Bethel übernachtet und von einer Leiter träumt, die von der Erde bis zum Himmel reicht. Engel steigen auf und nieder, und oben steht Gott, der Jakob die Verheissung gibt, dass seine Nachkommen zahlreich sein und das Land Kanaan besitzen werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Gewicht der Vergangenheit oder den Echos der «Intertextualität», dem Verhältnis zwischen verschiedenen Texten also, die aufeinander verweisen, sich beeinflussen oder sich gegenseitig kommentieren. Vor allem die strukturalistisch geprägte Kultur- und Literaturtheorie kommt zum Ergebnis, dass innerhalb einer kulturellen Struktur kein Bedeutungselement, mithin kein Text, ohne zur Gesamtheit der anderen Texte denkbar ist. Daher spricht nicht der Autor, sondern die Sprache.

Und Sprache begrenzt im Sinne Wittgensteins unser Denken und unsere Wahrnehmung der Welt durch ihre Struktur und ihren Umfang. Was wir nicht in Worte fassen können, können wir auch nicht wirklich verstehen oder erklären. Die Sprache formt somit unser Verständnis der Realität. Allerdings vermag ein Satz die logische Form, die er beinhaltet, nicht explizit darzustellen, was bedeutet, dass Struktur und Logik eines Satzes inhärent und nicht beschreibbar sind. Wörtlich heisst es unter Abschnitt 4.121: «Der Satz kann die logische Form nicht darstellen, sie spiegelt sich in ihm. Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen. Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken. Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit. Er weist sie auf.» Deswegen kann es keine sinnvollen Sätze über das geben, was Sätze ausmacht. Dies bezieht sich auf die Idee, dass bestimmte Aspekte der Wirklichkeit, die in der Struktur der Sprache enthalten sind, nicht durch die Sprache selbst beschrieben werden können. Es ist eine Art implizites Wissen, das in der Sprachstruktur verborgen und nicht explizit auszudrücken ist. Dies unterstreicht die Grenzen der Sprache. Die Bedeutung und Logik hinter den Sätzen können nicht vollständig durch sprachliche Mittel formuliert werden. So nur ist der letzte, vielzitierte Satz des Tractatus zu verstehen: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.» Was Sprechen oder Denken ermöglicht, kann nicht dessen Gegenstand sein.

Zusammengefasst argumentiert Wittgenstein, dass die Sprache in ihrer Struktur tiefere logische Formen spiegelt, die nicht durch sprachliche Mittel darzustellen sind. Die Sätze zeigen diese logische Form durch ihre Struktur und weisen somit auf die Struktur der Wirklichkeit hin. Freilich zerstört sich so die Bildtheorie der Sprache selbst, indem sie etwas über die Bedingungen aussagt, unter denen Sprache und Welt sinnvoll sind. Mit anderen Worten erfordert die Bildtheorie der Sprache genau das, was sie ausschliesst. Es scheint deshalb, dass die Metaphysik und die Sprachphilosophie, die der Tractatus unterstützt, zu einem Paradox führen: Damit der Tractatus wahr sein kann, muss er notwendigerweise durch Selbstbezug unsinnig sein, aber damit diese Selbstbezugnahme die Sätze des Tractatus als unsinnig erscheinen lässt, muss der Tractatus wahr sein.

Vereinfacht ausgedrückt, gibt es keine sinnvollen Sätze über das, was Sätze ausmacht. Sprache kann in ihrer Gesamtheit nicht durch Sprache erklärt werden, da jener Teil der Sprache, der die Sprache erklärt, sich nicht zugleich miterklären kann. Logisch einwandfreie Sätze, lassen sich nicht logisch einwandfrei begründen. Die Logik sorgt für sich selbst und lässt sich nicht durch Logik selbst belegen. Der Satz kann zwar die Wirklichkeit darstellen, nicht aber das, was er mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt darzustellen, also ihre logische Form. Dazu müsste er die Logik, die die Welt erfüllt und begrenzt, überschreiten und sich selbst von aussen betrachten – und das ist unmöglich. Die Logik ist keine Lehre, sondern ein Spiegelbild der Welt. Sie ist das Gerüst unserer Sprache und damit unseres Denkens. Wir können in der Logik nicht sagen, was es in der Welt nicht gibt. Wir können nicht denken, was wir nicht denken können; also können wir auch nicht sagen, was wir nicht denken können. Das Denkbare und das Sagbare fallen zusammen. Das heisst: Die Grenzen meiner Sprache bedeuten immer auch die Grenzen meiner Welt. Deshalb kann uns die Sprache auch nicht sagen, was die Sprache nicht sagen kann. Ebenso wie das menschliche Auge nicht Teil des Gesichtsfeldes ist und sich selbst nicht sehen kann, so ist auch das sprechende Ich oder das denkende Subjekt nicht Teil der Welt, sondern es begrenzt sie.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
Ägyptische Hieroglyphen