Woran erkennst Du eine gute Vorbereitung fürs #Gymnasium?

Vorbereitungskurse fürs Gymnasium bringen wenig, schreibt die NZZ in ihrer Online-Ausgabe vom 17. Mai 2023. Trotzdem ist in den letzten Jahren eine eigentliche Industrie entstanden, die eine bestmögliche Unterstützung bei der Vorbereitung verspricht. In manchen Kantonen der Schweiz führte das Unbehagen gegenüber solchen Geschäftsmodellen dazu, dass Parlamentarier aus allen Parteien die Abschaffung der Aufnahmeprüfung fordern. Damit würden die Vorbereitungskurse, deren Besuch für einen Prüfungserfolg unumgänglich scheint, überflüssig, hielten sie in einem Vorstoss fest. Die Politiker forderten die Kantonsregierung auf, zu einem Modell mit prüfungsfreiem Übertritt zu wechseln. Derzeit gibt es in acht Kantonen tatsächlich keine Prüfung. In weiteren neun Kantonen gilt ein System, bei dem Prüfungen möglich, aber eher als Ausnahme gedacht sind. Im Kanton Graubünden entscheiden gegenwärtig zwei Faktoren, ob es ein Kind aufs Gymnasium schafft oder nicht. Einerseits eine kantonale Aufnahmeprüfung, andererseits werden für den Übertritt nach der 6. Primarschulklasse beziehungsweise der 2. Sekundarschulklasse auch die im letzten Semester vor der Prüfung erzielten Zeugnisnoten in ausgewählten Fächern mitberücksichtigt.

Im Kanton Zürich sind die Voraussetzungen laut den Aussagen von Franz Eberle anders. «In Zürich ist die Konkurrenzsituation viel grösser, da sich sehr viel mehr Schülerinnen und Schüler um die limitierten Plätze an den Gymnasien bewerben», erklärt der Experte für Gymnasialpädagogik. In seiner Studie konnte im Kanton Zürich der Effekt einer Teilnahme an einer privaten Prüfungsvorbereitung auf das Ergebnis der Aufnahme ins Langzeitgymnasium nachgewiesen werden. Allerdings fehlt in dieser Untersuchung ein Vergleich mit anderen Aufnahmeverfahren mittels Zeugnisnoten und Empfehlungen durch Lehrpersonen, in denen ebenfalls Effekte durch private Nachhilfe erwartet werden können. Alles ziemlich verwirrend oder einfach kompliziert. Daher nochmals die Frage: Woran erkennst Du eine gute Vorbereitung fürs Gymnasium?

Dass private Prüfungsvorbereitungen im Unterschied zu den Kursen im Klassenverband, wie ihn private Institutionen anbieten, den Aufnahmeerfolg nicht schmälern, liegt wohl auf der Hand. Probleme beim Lösen von Aufgaben in der Mathematik oder ein gezieltes Aufsatztraining lassen sich in Gruppen allenfalls ansatzweise realisieren. Freilich ist damit die Frage, woran Du eine gute Vorbereitung fürs Gymnasium erkennst, noch nicht beantwortet.

Aufgrund eigener Erfahrungen muss eine Reihe von Bedingungen erfüllt sein, damit die schulische Unterstützung überhaupt zum Tragen kommt.

ERSTENS:
ES BRAUCHT EIN LERNZIEL
Ohne klar definiertes Lernziel läuft nichts. Ähnlich wie beim Erlernen eines Musikinstruments auf ein Konzert hin geübt wird, und sei es noch so bescheiden, kann schulische Förderung in einem Unterrichtsfach allein dann gelingen, wenn alle Beteiligten sich einig sind, was mit den Zusatzstunden erreicht werden soll. Häufig ist es die Verbesserung des Notenstands oder die erfolgreiche Vorbereitung auf eine Aufnahmeprüfung in ein Gymnasium.

ZWEITENS:
ANZUSTREBEN SIND DIE KLARE STRUKTURIERUNG DES UNTERRICHTS SOWIE EIN MÖGLICHST HOHER ANTEIL ECHTER LERNZEIT
So wie im Normalunterricht kommt der Vorbereitungs- oder Nachhilfelehrer nicht, um über seine Probleme zu diskutieren oder sich zu verschwatzen, weil er den Probeaufsatz nicht korrigiert oder die Unterlagen zu Hause liegen gelassen hat. Auch sollte er sich nach Möglichkeit nicht des Langen und Breiten über die Aufnahmebedingungen der ZAP auslassen, damit er nicht unterrichten muss. Jeder Versuchung, vom Unterrichtsgeschehen abzuschweifen, sollte der Lehrer widerstehen. Freilich gelingt dies nur über eine klare Vor- und Nachbearbeitung. Kurz, der Lehrer muss vor der Lektion wissen, was er will. Er braucht einen Plan. Idealerweise hat er eine Themenliste der Defizite seiner Schülerinnen und Schüler erstellt, die sie gemeinsam abarbeiten. Aufgrund ausserschulischer Verpflichtungen wie Fussball oder Ballett ist die Zeit der Schülerinnen und Schüler gerade heute äusserst begrenzt. Nichts ist daher hinderlicher, als wenn Eltern und Schüler den Eindruck gewinnen, Fortschritte blieben aus, weil keine Lernziele ersichtlich sind.

DRITTENS:
LERNZIELE MÜSSEN ERSICHTLICH SEIN
Lernziele beschreiben den angestrebten Lerngewinn eines Nachhilfeschülers, bezogen auf einen bestimmten Lernstoff. Lehrziele geben hingegen an, welche Ziele eine Nachhilfeschülerin mithilfe der Unterrichtsthemen erreichen will. Die Kombination von Lehr- und Lernziel bezeichnet man als Unterrichtsziel. Eigentlich logisch, sollte man meinen, dass das allen Lehrpersonen bewusst sein müsste. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Eltern sich beschweren, ihre Kinder würden in der Beherrschung des Stoffes keine Fortschritte machen.

VIERTENS:
SCHÜLER UND LEHRER BILDEN EIN TEAM
Ausschlaggebend für den Lernerfolg ist das Unterrichtsklima. Weder Schülerinnen noch Schüler vermögen von Menschen etwas zu lernen, die sie nicht mögen. Aus diesem Grund sollten auch sie es sein, die das letzte Wort bei der Wahl des Nachhilfelehrers haben. Sind sie schon oft genug Lehrpersonen im Regelunterricht ausgesetzt, die ihnen unsympathisch sind, müssten sie wenigstens im Nachführunterricht mit jemandem arbeiten dürfen, der ihnen auf Augenhöhe begegnet. Für den Vorbereitungslehrer setzt dies voraus, dass er über Empathie verfügt und das Unterrichtsgeschehen immer auch mit den Augen seiner Schülerinnen und Schüler mitverfolgt. Im damit angesprochenen Beziehungsaspekt der Kommunikation kommt zum Ausdruck, wie Schüler und Lehrer sich zueinander verhalten sollten. Die Lehrperson muss sich bewusst sein, dass sie durch die Art der Formulierungen, der Körpersprache oder des Tonfalls Wertschätzung, Respekt und Wohlwollen wie aber auch Gleichgültigkeit, Geringschätzung oder Verachtung hinsichtlich des Andern zum Ausdruck bringen kann. Mithin machen nicht Methoden und Schulstrukturen den grössten Unterschied für Lernerfolge aus, sondern die Persönlichkeit und Bildungserfahrung der Lehrpersonen. Mit Fach- und Sozialkompetenz sowie mit der Rolle als Coach setzen sich erfolgreiche Lehrpersonen ins Boot zu ihren Schülern und bilden ein Lernteam.

FÜNFTENS:
DAS MEISTE LERNEN WIR, OHNE ES ZU MERKEN
«Wir lernen durch Irren und Fehlen und werden Meister durch Übung, ohne zu merken, wie es zugegangen ist», heisst es beim deutschen Dichter der Aufklärung Martin Wieland. Auch wenn wir das meiste lernen, ohne es zu merken, ist nachhaltiges Lernen ohne Übung nicht denkbar. Der Feststellung, dass beim schulischen Lernen die Erfolge oftmals deshalb ausbleiben, weil nicht hinreichend geübt wurde, stimmen so gut wie alle Lehrpersonen, jedoch auch die meisten Schüler und Eltern zu. Allerdings ist in der Schulpraxis von dieser grundsätzlich von allen Beteiligten geteilten Einsicht oft nur wenig zu spüren. Die vielfach beklagte Nichtverfügbarkeit der erwünschten Lernergebnisse lässt den Schluss zu, dass insgesamt zu wenig, zu ungeplant und zu ineffektiv geübt wird, und zwar innerhalb wie ausserhalb des Unterrichts. – Um Wissen nicht nur reinzupauken und wieder zu vergessen, im Sinne der Lernbulimie, muss der Lehrer sich der Tatsache bewusst sein, dass gerade bei ambitionierteren Lernzielen der Schüler nicht umhinkann, Strukturen wie zum Beispiel die Bildung von Passivsätzen zu begreifen und über Übungsbeispiele nach und nach zu verinnerlichen.

Schlimmstenfalls fehlt auf Schülerseite jegliche intrinsische Motivation, so dass die Lehrperson auch zum Ergebnis kommen könnte, den Unterricht abzubrechen. Zuweilen liegt gerade hierin der grösste Lerneffekt für den Schüler oder die Schülerin, weil er oder sie vielleicht zum ersten Mal im Leben die Erfahrung macht, dass ihnen niemand verpflichtet oder etwas schuldig ist. Anders formuliert, hängt somit der Aufnahmeerfolg an eine Mittelschule nicht in erster Linie von Vorbereitungskursen ab, sondern von den Fähigkeiten und der Motivation jedes einzelnen Kandidaten.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
Charles Meyer für AL