Warum ich schlechte Texte schreibe und trotzdem publiziere?

Das Seminar lacht. Ich werde rot. Ich lache nicht mit – denn das Seminar lacht über mich. Ich habe mich versprochen. Was aus meinem Mund herauskam, war eine komische Mischung aus dem, was ich dachte, und dem, was ich sagen wollte. Das Seminar findet das komisch. Ich weniger. Habe ich mich blamiert? Und warum trete ich trotzdem immer wieder vor ein Publikum? Ich habe Angst, Fehler zu machen, und trotzdem tue ich, was ich tue.

Und genau darum geht es:
Hast Du so wie ich Angst vor Fehlern? Ich bin ehrlich: Ich habe Angst vor Fehlern. Ich habe Angst davor, dass meine Texte niemandem gefallen. Ich habe Angst, dass meine Kunden einen Text ablehnen oder ein Hater einen bösen Kommentar unter meinen Blog postet.

Die Angst vor Fehlern (mein innerer Kritiker) sitzt immer auf meinen Schultern oder vor mir auf dem Schreibtisch und flüstert in mein Ohr: „Du kannst das nicht, du schaffst das nicht, die anderen sind besser.“ – Sportler haben Angst vor Turnieren – und gehen trotzdem aufs Feld. Autoren haben Angst vor dem Publikum – und gehen trotzdem zum Verlag. Blogger haben Angst vor Ablehnung – und drücken trotzdem auf „VERÖFFENTLICHEN“. Angst ist nichts Schlimmes. Angst ist normal. Angst ist überall.
Doch eins musst Du lernen:

 

Tue, was du fürchtest.

Warte nicht, bis die Angst weg ist und Du Dich mutig genug fühlst. Warte nicht, bis Du Dich „gut genug“ fühlst, Dein Buch zu schreiben. Warte nicht, bis dir jemand die Erlaubnis gibt, etwas zu publizieren. Dieser Jemand wird nämlich gar nie kommen.

Deshalb muss für Dich die Devise gelten: Habe Angst und tue, was du fürchtest. Handle, obwohl du Angst hast.
Schreibe, obwohl du Dich unsicher fühlst. Schreibe, obwohl Deine Lehrer gesagt haben, dass Du kein Talent zum Schreiben hast.
Angst hat die Fähigkeit, uns zu lähmen. Deshalb müssen wir Schreibenden gegen diese Angst ankämpfen. Nicht nur im Kopf, sondern mit Handlungen.
Nur wenn Du tust, was Du fürchtest, wird die Angst verschwinden. Nur wenn Du handelst, kannst Du die Angst besiegen.
Und deshalb schreibe ich auch Texte, die nicht perfekt sind. Deshalb schreibe ich Texte, die einigen Menschen nicht gefallen. Aber ich schreibe – und publiziere.

Durch das Schreiben lerne ich eine Menge. Hier sind meine wichtigsten Lektionen:

 

Ich weiss, was nicht funktioniert

„Ich habe nicht versagt. Ich habe 10.000 Wege herausgefunden, wie es nicht funktioniert“, schreibt Thomas Edison.
Thomas Edison brauchte unendlich viele Versuche, um endlich das richtige Material für die Glühbirne zu finden. Jeder Fehlschlag war für ihn keine Niederlage. Stattdessen machte er auf seiner langen Liste ein Häkchen: „Ok, das funktioniert also auch nicht…“

Gutenberg musste die richtige Legierung für seine Lettern finden. Dabei ging er Pleite. Er machte Schulden über Schulden und starb als verarmter Mensch. Heute verdanken wir ihm allerdings den Aufbruch in die Neuzeit.

Mit jedem schlechten Text finde ich einen neuen Weg, der nicht funktioniert. Ich probiere einen neuen Einstieg aus – ich sehe, wie die Leserzahl sinkt. Ich probiere eine andere Textstruktur aus und höre von Lesern: „Dein Text ist etwas besser strukturiert.“ Also komme ich mit jedem schlechten Text dem guten Text einen Schritt näher.

 

Ich weiss nicht, ob ich auf den Schatz stosse

Ich weiss nicht, wann das Gold kommt. Ein Goldgräber macht sich eines Tages auf, um Gold zu suchen. Hochmotiviert gräbt er sein erstes Loch. Er gräbt und hackt, was das Zeug hält. Doch nach 9.999 Schippen gibt er auf. Dabei ist der Goldschatz vielleicht nur eine Schippe entfernt. Oder zwei Schippen oder zehn? Fakt ist: Er wird es nie erfahren.
Warum? Weil der Goldgräber aufgab.

Ich weiss nicht, wie weit mein „Durchbruch“ noch entfernt ist. Du weisst es auch nicht. Vielleicht ist Dein Durchbruch nur noch 5 schlechte Texte entfernt. Vielleicht auch 50. Wie auch immer: Wenn Du aufhörst zu schreiben, wirst Du es nie erfahren.

 

Ich glaube

Ich glaube, dass nichts vergeblich ist. Ich glaube, dass man zuerst säen muss, bevor man ernten kann. Wer ein Haus bauen möchte, braucht Nägel. Das sind diese kleinen, spitzen Dinger aus Stahl. Kleinkram eigentlich. Aber ohne sie geht es nicht. Meine ersten Artikel erreichten vielleicht 10 Leser. Aber diese 10 Leser waren es wert. Es war nicht vergeblich. Nichts ist vergeblich. Nur manchmal hat etwas nicht den Effekt, den wir uns wünschen.

 

Ich hebe nicht ab wie Aladdin

Die Versuchung ist gross: Wenn ein Text so richtig einschlägt und Leser begeistert, ist die Versuchung gross, arrogant zu werden. Die Versuchung ist gross, abzuheben und sich zu benehmen wie Aladdin, der sich als Grossprinz ausgab – in Wirklichkeit war er nur ein Strassenjunge.

Schlechte Texte und Niederlagen bringen mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Und das ist gut so. Denn eine wichtige Eigenschaft eines Autors ist Demut. Demut braucht man, um zu lernen. Demut braucht man, um Kritik richtig anzunehmen. Schlechte Texte sind ein Anker und halten mich davon ab, ein arroganter Armleuchter zu werden.

 

Ich bleibe hungrig wie ein Wolf

Ich bleibe hungrig wie ein Wolf. Ich hasse es, wenn Menschen wegen einer Sahnetorte zu philosophieren beginnen und sich über die schlechte Qualität der Kirschen beschweren. Solche Menschen sind satt, ja übersatt, wenn nicht vollgefressen. Solche Menschen essen kein trockenes Brot oder halbfertige Kartoffeln. Ich möchte nicht zu ihnen gehören.

Im Gegenteil: Ich möchte hungrig bleiben. Wenn ich das Gefühl habe, dass alles perfekt ist, dann werde ich satt. Dann werde ich selbstzufrieden. Schlechte Texte helfen mir hungrig zu bleiben. Hungrig nach persönlichem Wachstum und hungrig nach Kritik.

 

Do your own thing

Über Geschmack kann man nicht streiten. Viele Texte sind reine Geschmackssache. Ob ein Text gut oder schlecht ist, hängt also davon ab, ob er den Geschmack des Lesers trifft. Wenn einem Leser mein Text nicht gefällt, dann ist der Text nicht automatisch schlecht. Vielleicht ist der Leser einfach nicht die Zielgruppe. Vielleicht war der Text gar nicht für ihn bestimmt. Wenn Du also weißt, für wen Du schreibst, dann solltest Du ihren Geschmack kennen.

Erst wenn Dein Text von Deinem Zielpublikum kritisiert wird, musst Du nochmals über die Bücher und ihn allenfalls umschreiben.

 

Schmerz gehört zum Wachstum

Bevor ein Baum wachsen kann, muss der Samen sterben. Er muss aufbrechen und keimen. Dieses Aufbrechen tut weh. Wir Autoren sind nicht anders. Einige Autoren (Texter, Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, was auch immer) wollen wachsen – aber ohne Schmerzen. Einige Autoren wollen Erfolg, aber keine schlaflosen Nächte. Das funktioniert nicht. Ohne Schmerz können wir nicht wachsen. Deshalb nehme ich den Schmerz in Kauf. Ich akzeptiere ihn. Ich versuche nicht, ihm auszuweichen.

 

Ich werde nie bereit sein

Ich kenne zahlreiche Menschen, die auf den perfekten Moment warten. Wenn ich sie besuchen möchte, gehe ich einfach zum örtlichen Friedhof. Schliesslich wartet, wer auf den perfekten Moment wartet, sich ins Grab hinein.

Wenn ich an meinen Texten feilen, drehen und korrigieren würde, bis sie perfekt sind, so hättest Du nie im Leben eine Zeile von mir gelesen. Denn perfekt ist nichts. Wenn du also nur perfekte Texte schreiben und publizieren willst, dann wirst du folgendes publizieren: Nichts.

 

Ich verliere niemals

„I never lose. Sometimes I win, sometimes I learn.“ Dieses Zitat bringt es auf den Punkt. Wenn ich einen schlechten Text schreibe, der im Endeffekt nur im Mülleimer landet, dann habe ich nicht verloren. Ich habe gelernt. Ich habe gelernt, zu schreiben. Ich habe gelernt, Sätze aneinanderzureihen. Ich habe gelernt, meine Finger zu bewegen. Schreiben lernt man immer noch am besten durch Schreiben.

 

Haters are Motivators

Macher werden immer machen. Hasser werden immer hassen. So what? Manchmal liegt es nicht am Text. Manchmal liegt es wirklich am Empfänger. „Jedes gute Buch ist wie ein Spiegel. Wenn ein Affe hineinschaut, dann kann unmöglich ein Apostel herausschauen.“
– Georg Christoph Lichtenberg

Lass dich also nicht verunsichern. Du solltest immer auf konstruktive Kritik achten. Höre immer auf Verbesserungsvorschläge. Höre immer auf die Meinung anderer. Aber ignoriere die Hüter, die Hasser. Sie wollen einfach nur hassen. Lass sie. Das ist auch meist das Einzige, was sie können.

Schreiben, hinfallen, aufstehen, Krone zurechtrücken, weiterschreiben. Und lass vor den Hatern Dich nicht bremsen. Geh jetzt hin und schreibe schlechte Texte. Jetzt siehst Du, wie gut und befreiend es sein kann, schlechte Texte zu schreiben. Geh jetzt hin und schreibe „schlechte Texte“. Sei unperfekt! Sei unfertig. Aber schreibe!

Höre niemals auf zu schreiben. Niemand kann Dich dann aufhalten – ausser Du selbst.

Nicht nur beim Schreiben alles Gute wünscht Dir
Christoph vom «Akademischen Lektorat»