Warum sämtliche Gewissheiten immer nur vorläufig sind

Nicht unwichtig für wissenschaftliche Erläuterungen sind die Begriffe «Induktion» und «Deduktion». Im Grunde gehören die zwei Grundmechanismen wissenschaftlicher Erkenntnisse zum übergeordneten Bereich der Logik. Beide Formen des Denkens dienen dazu, etwas zu erschliessen, was zuvor unbekannt war. Soll der Leser Deiner Bachelor- oder Masterarbeit daher einen roten Faden in Deinen Erörterungen erkennen, wirst Du nicht umhinkommen, Dich für ein induktives bzw. deduktives Vorgehen zu entscheiden. Dabei beschreibt die Deduktion den Prozess, aus bestimmten Beobachtungen oder Prämissen Erkenntnisse abzuleiten oder daraus logische Schlüsse zu ziehen, wohingegen die Induktion den umgekehrten Weg verfolgt, also aus einer oder mehreren Bedingungen eine allgemeine Regel ableitet. Klassisch ist mit Induktion die Erkenntnisrichtung vom Besonderen zum Allgemeinen oder von der Empirie zur Theorie verbunden. Demgegenüber folgt die Stossrichtung der Deduktion vom Allgemeinen zum Besonderen oder von der Theorie zur Empirie. Dass deduktive Schlüsse in die Irre führen, falls die gesetzten Prämissen ganz oder teilweise falsch sind, versteht sich von selbst. Natürlich können auch induktive Schlussfolgerungen irreführend sein, sofern die Daten trügen oder unvollständig sind. Im Alltag unterliegen wir deutlich häufiger sogenannten «Induktionsfehlern», zumal je länger wir uns an einen bestimmten Vorgang gewöhnt haben, wir uns in der Regel nicht mehr vorstellen können, dass künftig alles ganz anders sein kann. Der Wirkungszusammenhang bleibt uns verschlossen, so dass wir allgemein davon ausgehen, auch am nächsten Tag noch gesund aus dem Bett zu steigen. Ebenso scheint festzustehen, dass die Sonne jeden Tag von Neuem aufgeht. David Hume, der schottische Empiriker der Aufklärung, war der erste, der sich mit dem Induktionsproblem auseinandergesetzt hat. Er konnte zeigen, dass jeder Versuch einer induktiven Verallgemeinerung einem Zirkelschluss erliegen muss, denn laut Hume stösst man bei jeder induktiven Verallgemeinerung letztlich auf unerlaubte logische Operationen.

Gesetzt den Fall, eine Gans wird gefüttert. Anfangs zögert das scheue Tier und denkt: »Warum füttert mich dieser Mensch? Irgendetwas muss doch dahinterstecken.« Wochen vergehen, doch jeden Tag kommt der Bauer vorbei und wirft ihr Maiskörner vor die Füsse. Ihre Skepsis schwindet und nach einigen Monaten ist sich die Gans sicher: »Die Menschen sind mir wohlgesinnt!« Ihre Gewissheit bestätigt sich jeden Tag aufs Neue, bis der Bauer sie am Weihnachtstag aus dem Gehege holt und schlachtet. Die Weihnachtsgans ist dem induktiven Denken zum Opfer gefallen. Mit ebendiesem Beispiel hat Hume schon im 18. Jahrhundert vor der Induktion gewarnt. Aber nicht nur Gänse sind anfällig, wir Menschen sind es auch.

Wir haben alle die Tendenz, von Einzelbeobachtungen auf allgemeingültige Gewissheiten zu schliessen. Das ist freilich gefährlich! Wenn wir zum Beispiel als Spekulanten bei einem fallenden Dollarkurs auf einen steigenden Goldpreis setzen, weil das schon immer der Fall war oder so wie die japanischen Notenbanker 30 Jahre lang versuchen, inflationsbeschleunigende Tendenzen auszulösen, indem wir die Märkte mit Geld fluten, schliessen wir in beiden Fällen von der Vergangenheit auf die Zukunft. Werden wir hierbei auf dem falschen Fuss erwischt, spricht man von «schwarzen Schwänen», einem von Nassim Talem in seinem 2001 erschienenen Buch «Fooled By Randomness» verwendeten Begriff, der ein unvorhersehbares Ereignis wie den Untergang der Titanic, den 11. September oder die Subprimekrise bezeichnet. Ein weiteres Beispiel für einen Schwarzen Schwan ist die Corona-Krise im Jahr 2019/2020. So besehen, zeigen alle Schwarzen Schwäne als vollkommen unerwartete Ereignisse, dass sämtliche Gewissheiten immer nur vorläufig sind. Eine einzige gegenteilige Beobachtung vermag eine tausendfach bestätigte Theorie vom Tisch zu fegen. Induktives Denken kann somit verheerende Folgen haben, und doch scheint es, ohne nicht zu gehen. Wir alle bauen darauf, dass die Sonne morgen aufgehen wird, dass wir gesund von A nach B kommen, dass unser Herz auch in Zukunft schlagen wird (wenigstens, solange wir es nicht spüren). – Ohne diese Gewissheiten könnten wir nicht leben. Wir bauen auf diese Gewissheiten, auch wenn es rein logisch keinen Zwang gibt, nach dem Eines geschehen müsste, weil etwas anderes geschehen ist. (Es gibt nur eine logische Notwendigkeit, aber die logischen Sätze handeln von nichts.)

Zwar brauchen wir die Induktion, doch dürfen wir nie vergessen, dass sämtliche Gewissheiten immer nur vorläufig sind. Was also ist – aus pragmatischer Sicht – zu tun? Charles Munger, der US-amerikanische Investor und Partner von Warren Buffett, ist berühmt für seinen Ausspruch: “All I want to know is where I’m going to die, so I’ll never go there.” Dieses Denken wurde von dem deutschen Mathematiker Carl Jacobi inspiriert, der oft schwierige Probleme mit einer einfachen Strategie gelöst hat: Man muss immer «umkehren» (oder lose übersetzt: «invertieren, immer invertieren»). Jacobi wusste, dass viele schwierige Probleme am besten gelöst werden, wenn sie rückwärts angegangen werden. Die besten Entscheidungen sind somit oft die, die wir vom Ende her denken und erst dann treffen. (In der Tat können viele Probleme nicht vorwärts gelöst werden, da wir ihren Ausgang nicht kennen, aber wir können uns die Lösung vom Ergebnis her, also gleichsam rückwärts, vorstellen, damit uns die Induktion nicht in die Irre führt.) Um nicht allzu sehr in die Tagespolitik abzuschweifen, können wir uns beispielsweise beim Kauf von Gold fragen, was eigentlich dagegen spricht. Oder Mario Drahgi, der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank, hätte sich vor seinem «Whatever it takes » mit einem Blick nach Japan Gedanken machen müssen, warum sich dort 30 Jahre lang nie inflationäre Tendenzen abzeichneten. Anders ausgedrückt, scheiterte Draghi im Kampf um Inflation, weil er dem Irrtum unterlag, dass Inflation entsteht, wenn das Geld schneller wächst als die Gütermenge. Dass dem trotz der drei magischen Worte so nicht sein muss, zeigte sich sowohl in Japan wie in Europa und darf getrost als Argument gegen den Kauf von Gold ins Feld geführt werden. (Selbstredend wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass Gold in naher Zukunft als Sachwert an Wert zulegen kann.)

Zwar nicht die arme Gans, aber vielleicht doch wir würden misstrauisch, wenn uns jemand nur Gutes zukommen lässt. Andernfalls werden wir enttäuscht, weil wir immer nur in eine Richtung dachten und nie den Versuch unternahmen, den Vorgang umzukehren bzw. zu invertieren oder ihn eben von seinem Ende her zu denken. Im Sinne der Logik sind die Ergebnisse der Induktion genauso lange gültig, bis eine bessere Theorie oder Beschreibung besteht oder neue Erkenntnisse berechtigte Zweifel aufwerfen.

Bild :
Japanese hand made scrolls
Photo by dwatsonartist, via Pinterest Japan

Nassim Taleb: Der mit dem «Schwarzen Schwan» tanzt.
Sternstunde Philosophie, SRF Kultur

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich