Was tun, wenn man nicht mehr weiterweiss?

Wer in Diskussionen nicht mehr weiterweiss, egal, ob er nun ein Posting auf TWITTER, FACEBOOK oder YOUTUBE kommentiert, oder in einer politischen Diskussion seinen Gegner mundtot zu machen versucht, bedient sich immer häufiger des sogenannten «argumentum ad personam». Damit bezeichnet der Philosoph Arthur Schopenhauer in seinem 1830 entstandenen Manuskript zur «Eristischen Dialektik» ein Vorgehen, in dem er eine rhetorische Figur beschreibt, um in einem Disput mit erlaubten und unerlaubten Mitteln als derjenige zu erscheinen, der sich im Recht befindet. Der Kunstgriff aus der «Eristischen Dialektik» ist also ein Scheinargument, das sich wie beim «argumentum ad hominem» auf die Person des Gegners richtet, dabei jedoch keinen Bezug mehr zum eigentlichen Streitthema enthält und ausschliesslich sachlich irrelevante persönliche Eigenschaften angreift. Es benötigt im Gegensatz zum «argumentum ad hominem» keinen logischen Aufbau und besteht im Extremfall aus einer schlichten Beleidigung. Schopenhauer führt es als letztes Mittel in einem Streitgespräch an:

«Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob.»

Besonderer Beliebtheit erfreut sich diese Vorgehensweise vor allem in den sozialen Medien, da sie von jedermann anonym angewandt werden kann. Man greift sein Gegenüber persönlich an, statt auf der sachlichen Ebene weiterzuargumentieren. Offensichtlich scheint es manchen einfacher, persönlich zu werden, anstatt die sachliche Auseinandersetzung weiterzuführen und sich so der Gefahr auszusetzen, den eigenen Standpunkt relativieren zu müssen. Schopenhauer geht noch einen Schritt weiter, wenn er bemerkt, dass unter hundert kaum einer es wert ist, dass man mit ihm disputiert. Einmal abgesehen davon, dass es sich hierbei auch eher um einen persönlichen Angriff handelt, ist es womöglich klüger, im Sinne des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick seinen Kontrahenten «metakommunikativ» darauf hinzuweisen, dass ein dialektischer Sieg, also das sachliche Widerlegen einer Position, einen Streitgegner weit mehr erbittert als eine blosse Beleidigung. In einer Diskussion sollten wir uns daher auf die Argumente fokussieren und nicht darauf, ob wir unseren Gesprächspartner mögen oder nicht. Auf ein Argument für oder gegen eine These folgt entweder Zustimmung oder ein Gegenargument, wieder für oder gegen eine These. Freilich ändert sich die Diskussion, wenn einer Seite die Argumente ausgehen. Dann wird nicht mehr in der Sache, sondern gegen die Personen der Gegenseite argumentiert. Es ist ein Schlag unter die Gürtellinie; denn das «argumentum ad hominem» ist kein echtes, inhaltliches Argument. Es ist ein rhetorischer Trick. Eine Falle, in die ahnungslose Diskussionspartner treten, sich verheddern und schlimmstenfalls beginnen, das eigene Verhalten zu rechtfertigen und zu erklären versuchen. In Tat und Wahrheit ist ein »argumentum ad hominem» bloss eine Nebelkerze.

Das «argumentum ad hominem» hat die allgemeine Form: «Person A hat den Makel B, folglich sind ihre Argumente falsch.»

Es ist unmittelbar einsichtig, dass das «argumentum ad hominem» ein klassischer Fehlschluss oder eine Denkfalle ist. Der Makel B mag vorhanden sein. Aber wenn er keine unmittelbare Wirkung auf die Argumentation der Person hat, dann lässt sich daraus keine Richtigkeit oder Fehlerhaftigkeit der Argumente ableiten. Anders ausgedrückt, kann die Validität einer Aussage unabhängig von der Person getroffen werden. Ob ein Argument richtig oder falsch ist, wird somit korrekterweise am Argument selbst festgemacht, nicht an der Person, die das Argument führt. Diese sprich im Sinne von Schulz von Thun deutlicher über sich selbst als über ihr Gegenüber, das heisst, sie offenbart sich, indem sie einen unschönen Charakterzug von sich selber preisgibt.

Aktuell wird das «argumentum ad personam» insbesondere in Diskussionen um die Corona-Krise benutzt. So wird zum Beispiel die promovierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim nach einer Fernsehsendung des ZDF folgendermassen abqualifiziert: «Was macht Mai Thi zur Expertin? Warum sollte ich diese Frau für voll nehmen?» Oder: «Was genau weiß Mai Thi denn über Viren? Kann sie alle Oberflächen in Deutschland chemisch behandelt und Schmierinfektionen verhindern?» Und zum Schluss dann noch: «Mai Thi ist unerträglich, mit Ihrem manipulativen Gelaber.»

Es bleibt die Frage, warum sich so viele gerade heute einer so schwachen Argumentationsform bedienen. Egal, ob sie es nun nicht besser gelernt haben oder nicht, hege ich die Vermutung, dass sie so wie in der Umweltpolitik die Fakten nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Sie machen sich etwas vor, stecken den Kopf in den Sand; denn sie sind gar nicht an Argumenten interessiert und versuchen daher ihr Gegenüber auf einer persönlichen Ebene schachmatt zu setzen. Die dadurch erzeugte stickige Atmosphäre kann den existenziellen Anliegen unserer Zeit nur schaden. Die intendierte Einschränkung der öffentlichen Debatte beeinträchtigt diejenigen am meisten, die am wenigsten Macht haben, und schwächt die Fähigkeit aller zur demokratischen Teilhabe. Schlechte Ideen besiegt man, indem man sie durch Argumente entlarvt, nicht durch den Versuch, sie zu verschweigen oder von sich zu weisen. In der Folge müssen wir uns die Möglichkeit bewahren, Meinungsverschiedenheiten in gutem Glauben und ohne schlimme Konsequenzen auszutragen. Andernfalls dürfen wir nicht erwarten, dass die Öffentlichkeit oder der Staat diese Werte für uns verteidigt.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
Arthur Schopenhauer, 1859