DIE MACHT DER ERLEBNISSE

An einem späten Sonntagnachmittag, als ich von einer langen Reise aus dem Piemont in die Schweiz zurückkehrte, zusammen mit meinem Schwiegervater und dem neugeborenen Kind, rief meine Frau beim Anblick der schneebedeckten Berge: «Schau, wie schöne die Alpen im Abendlicht!» «Ich habe sie gestern schon gesehen», gab ihr Vater zur Antwort, ein bisschen so, als würde er sich lediglich für die Ergebnisse der UEFA Champions League interessieren, ohne je ein Spiel live mitverfolgt zu haben, oder statt eines Theaterbesuchs den «Reclam Opernführer» bzw. den «Baedeker» statt einer Reise ins Ausland zu konsultieren. So gesehen, bezeichnen «Erfahrungen» das Wissen oder die Fähigkeit, die man durch wiederholte Begegnungen, Beobachtungen oder Erlebnisse im Laufe der Zeit erwirbt, sie sind also weniger emotional und mehr auf die Erkenntnis und das Lernen aus den Erlebnissen fokussiert, wohingegen sich «Erlebnisse» auf besondere Ereignisse oder Begebenheiten beziehen, die eine emotionale Reaktion hervorrufen. Es handelt sich hierbei um etwas, das man aktiv erlebt und das einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Wenn daher die «NZZ am Sonntag» in ihrer Ausgabe vom 6. Mai 2024 von einem Maturanden berichtet, der sich Goethes «Faust» komplett von Chat-GPT erläutern liess und der an der Abschlussprüfung die Bestnote erzielte, so hat dieser in gewisser Weise das Beste am Text verschenkt, nämlich das Lektüreerlebnis. Ähnlich meinen Mitschülern im Gymnasium, die statt «Den grünen Heinrich» von Gottfried Keller über die Sommerferien zu lesen, lediglich Hilfsmittel wie das «Kindler Literatur-Lexikon» oder die «Königs Erläuterungen» konsultierten und trotzdem oder gerade deshalb bessere Noten erzielten als der Rest der Klasse. Jürg Widrig, Deutschlehrer an der Kantonsschule Romanshorn und KI-Experte am Digital Learning Hub, kommentiert den Vorfall mit den Worten, ihm falle kein Zacken aus der Krone, wenn seine Maturandinnen und Maturanden ihre Bücher nicht gelesen hätten. Solange sie einem Bot nicht blind vertrauten, sondern kritisch blieben und der Maschine genau sagten, was sie zu tun habe, sei das für ihn kein Problem. Möglich, dass er schon lange eingesehen hat, dass manche Schülerinnen und Schüler die erteilten Lektüreaufträge in der Regel nicht erfüllen und sich mehr schlecht als recht durch die Zeit am Gymnasium tricksen. Die Schwierigkeit für den Deutschlehrer stellt sich daher in erster Linie darin, eine Form des Unterrichtens zu finden, bei dem beide, Schüler wie Lehrer, wissen, dass die Textarbeit zu Hause nicht erledigt wird. Im Grunde unterrichten die Lehrer, überspitzt formuliert, für Schülerinnen und Schüler, die nicht lernen wollen. Ganz im Sinne jenes Lehrers für Naturwissenschaften, der mir einmal beim Abendessen an einer Weiterbildung anvertraute: «Viele Lernende interessieren sich weniger für die Physik als für eine genügende Note.»

Ein anderer Deutschlehrer aus dem Kanton Zürich, so die «NZZ», findet es demgegenüber traurig, dass manche Maturanden lieber mit Zusammenfassungen und Chat-Bots arbeiten als mit den Büchern auf ihrer Leseliste und an der Prüfung erst noch kompetent wirken. Freilich kann der eingangs erwähnte Maturand damit wenig anfangen. Für ihn steht fest: Schüler sind kreativ. Sie werden immer einen Weg finden, um mit minimalem Aufwand einen maximalen Ertrag zu erzielen. Früher, so der Schüler weiter, habe man viel leisten müssen für eine gute Matur. Er hingegen habe viel weniger gemacht als andere seiner Klasse und sei trotzdem besser als sie. Natürlich gehe das Lesen verloren, wenn man es so mache wie er. Daher habe er an der Maturitätsfeier auch kein Erfolgserlebnis gehabt und sei sich wie ein Hochstapler vorgekommen. Damit trifft er wohl den Nagel auf den Kopf! Nicht selten geht es nach den Maturitätsprüfungen im gleichen Stil weiter. Anstatt eine Diplomarbeit zu verfassen, überlassen viele die Erstellung des Textes in weiten Teilen ChatGPT oder beauftragen so wie früher einen akademischen Söldner, also einen Ghostwriter.

Selbstredend wird dabei übersehen, dass Lernen keine Pflicht, kein Zwang und auch keine Strafe sein soll, sondern dass man bei dem, was man tut, auch Erfüllung erfahren kann. Im besten Fall gerät man in einen Flow, einen Zustand, in dem man die Aussenwelt vergisst, mithin in einen Zustand höchster Konzentration und völliger Versunkenheit in eine Tätigkeit. Der vom Psychologen Mihály Csíkszentmihályi geprägte Begriff geht im Übrigen zurück auf Friedrich Schillers Dramen-Trilogie »Wallenstein«, wo sich im zweiten Teil die Stelle findet: »O! Der ist aus dem Himmel schon gefallen, der an der Stunden Wechsel denken muss. Die Uhr schlägt keinem Glücklichen.« Das Zitat erinnert an das oft scherzhaft gebrauchte Sprichwort: »Dem Glücklichen schlägt keine Stunde« oder Schopenhauers Diktum »Das Glück ist nicht mehr als die Abwesenheit der Langeweile.« Und in der Tat: Die wichtigste Komponente des Flows ist die Aufhebung des Zeit-Empfindens. Es handelt sich mit anderen Worten um einen Zustand, in dem alles mühelos von der Hand geht. Ein Gefühl der völligen Selbstvergessenheit macht sich breit, Kreativität und Produktivität erhöhen sich.

Paradoxerweise geht ebendieses Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit durch die Digitalisierung verloren. Wenn «GPT-4o», auch bekannt als «Omni», und «Gemini Pro», das neuste KI-Modell von Google, als Digitalisierungslösungen in möglichst verschiedenen Anwendungen und Diensten eingesetzt, unterschiedliche Arten von Eingaben wie Text, Audio und Bild gleichermassen verstehen und verarbeiten, bleibt für die Anwender zu guter Letzt immer weniger zu erledigen und also auch zu erleben. Ein Text wird geschrieben, ein Bild generiert, ein Musikstück erzeugt, eine Sprache automatisch in eine andere übersetzt. Manche werden das als Verlust erleben, während jene, die die alten Verhältnisse nur vom Hörensagen oder überhaupt nicht kennen, die Veränderungen durch die digitale Transformation begrüssen.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
J.W. Goethe, 1982 by WARHOL