WÖRTER UND IHRE SCHICKSALE
Kofferwörter bevölkern auch Deinen Alltag. Bekanntlich entstehen sie aus der Verschmelzung von zwei Wörtern zu einem neuen Begriff. Sind wir unschlüssig, wird aus Ja und Nein ein Jein und wenn wir den Sonntagmorgen am Esstisch vertrödeln, wird aus dem Breakfast und dem Lunch ein Brunch. Selbst die auf den ersten Blick unverdächtige Datei ist ein Kofferwort: Hier haben sich die Daten und die Kartei übereinandergelegt. «Ein Kofferwort ist ein Wort, das aus mindestens zwei morphologisch überlappenden Wörtern entstanden ist, die zu einem inhaltlich neuen Begriff verschmolzen sind.» So heisst es bei Wikipedia, ein Name, der sich im Übrigen aus «wiki», dem hawaiischen Wort für «schnell», und «Encyclopedia» zusammensetzt, also selbst ein Kofferwort ist, ebenso wie der Teuro, die Stagflation, der Workaholic oder der Besserwessi.
Kein «Portmanteau» oder Kofferwort ist hingegen der Firmenname «Google», Trademark eines der einflussreichsten Unternehmen der Welt, mit Aktivitäten, die weit über die Internet-Suche hinausgehen, wie etwa in der Online-Werbung, dem Cloud-Computing oder der Softwareentwicklung. Im Grunde eine Ausnahme für die Digitalisierung, was sich unter anderem darin bestätigt, dass es sich beim grossen Konkurrenten «Microsoft» abermals um ein Kofferwort handelt, das sich aus den Wörtern «Mikrocomputer» und «Software» ergibt.
Dass in der Digitalisierung gerade solche Wörter verbreitet sind, hat mehrere Gründe: Zum einen handelt es sich um einen Bereich, der sich ständig weiterentwickelt. Es entstehen ständig neue Technologien, Konzepte und Anwendungen, die oft eine Kombination bereits existierender Ideen darstellen. Kofferwörter bieten eine prägnante Möglichkeit, diese neuen Phänomene zu benennen. Zum andern verbindet die Digitalisierung unterschiedliche Disziplinen, Technologien oder Konzepte. Kofferwörter helfen dabei, diese Verbindungen zu verdeutlichen und komplexe Konzepte in einem einzigen Wort zusammenzufassen. Drittens werden Kofferwörter auch aus Marketinggründen geschaffen. Ein neues Wort kann die Aufmerksamkeit auf ein neues Produkt oder eine neue Technologie lenken. So verhilft im digitalen Bereich, wo Innovationen oft umkämpft sind, ein eingängiger Begriff sich im Gedächtnis der Nutzer zu verankern. Ausserdem müssen Begriffe in einer globalisierten Welt über Sprachgrenzen hinweg funktionieren. Kofferwörter, insbesondere solche, die englische Begriffe einbeziehen, werden häufig verstanden, auch wenn sie in einer nicht-englischsprachigen Region verwendet werden. Dadurch erleichtern sie die Kommunikation und den Austausch über internationale Märkte hinweg. Ausserdem sollte die Sprache im Bereich der Digitalisierung flexibel und anpassungsfähig sein, um neue Entwicklungen schnell zu integrieren. Kofferwörter ermöglichen es, diese Flexibilität beizubehalten, indem sie bestehende Wörter neu kombinieren und an neue Kontexte anpassen. Zusammenfassend lässt sich die hohe Anzahl von Kofferwörtern in der Digitalisierung durch den Bedarf an prägnanten, innovativen und grenzübergreifenden Begriffen erklären, die die schnellen Entwicklungen in diesem Kontext widerspiegeln.
Besonders einprägsam ist das «Portmanteau» PINTEREST, Kofferwort der Online-Pinnwand für Grafiken und Fotografien mit optionalem sozialem Netzwerk inklusive visueller Suchmaschine. Der Name setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern «pin» und «interest». Gemeint ist damit, dass man sich nützliche Ideen, die dem eigenen Interesse entsprechen, auf Pinnwänden merken kann, eine Vorgehensweise, die manchem User zum Verhängnis wird, wenn er eigene Beiträge über Bilder der Plattform illustriert und später eine Abmahnung einer Anwaltskanzlei wegen Urheberrechtsverletzung erhält.
Der User kann sich dabei auf den Standpunkt stellen, dass er Bilder einer Plattform teilt, die bereits einmal von der Plattform selbst gesammelt und geteilt worden sind. Er teilt also das Bild ein zweites Mal, womöglich sogar deutlich öfter, wenn er sich mithilfe der Google-Bildsuche im Netz kundig macht und dabei feststellt, dass das eingeklagte Bild bereits hunderte Male im Netz zu finden ist. (Er teilt, was geteilt worden ist, was geteilt wurde, was geteilt worden war … ) Andererseits könnte er sich auch auf das aus dem US-amerikanischen Urheberrecht stammende Konzept des «Fair Use» berufen, das unter bestimmten Umständen die Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke ohne die Erlaubnis des Rechteinhabers erlaubt, ein Prinzip, das es ermöglicht, geschützte Werke in einer Weise zu verwenden, die im Allgemeinen als gesellschaftlich nützlich erachtet wird, sofern eine kommerzielle Nutzung ausgeschlossen ist. Lebt der User in der Schweiz, kann er auch den Gerichtsstand der klagenden Kanzlei eruieren. Befindet sich dieser in Bremen oder Sankt Pölten, bedeutet dies, dass rechtliche Angelegenheiten, die mit der Kanzlei zu tun haben, vor den zuständigen Gerichten ausserhalb der Schweiz verhandelt werden, zumal das europäische Urheberrecht, also die Regelungen und Richtlinien der Europäischen Union (EU), nicht automatisch auch in der Schweiz gelten, da die Schweiz kein Mitglied der EU ist. Zum Schluss kann er sich fragen, ob der geforderte oder zu zahlende Gesamtbetrag überhaupt eingeklagt werden kann. (Ähnlich einer automatischen Abo-Verlängerung bei einer deutschen Wochen- oder Tageszeitung.)
Im Grunde handelt es sich bei den meisten Abmahnungen, die verschickt werden, um sogenannte Abmahnfallen, eigentliche Wasserpistolen, die dem Abgemahnten auf die Brust gesetzt werden. Diese sollen den Abgemahnten einschüchtern, damit er zahlt; schliesslich kann jeder jeden einklagen, damit er zahlt. Lässt er sich nicht emotionalisieren, zahlt er in der Regel nicht.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
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