WIE GEHT KREATIVE SELBSTZERSTÖRUNG?
Kurze Zeit später, nachdem eine Schweizer Politikerin ein Instagram-Bild gepostet hatte, das zeigt, wie sie auf die Reproduktion eines religiösen Gemäldes aus einem Katalog des Auktionshauses Koller schiesst, lese ich in «20 Minuten», einer kostenlosen Schweizer Boulevard- und Pendlerzeitung, dass eine erfolgreiche Jungunternehmerin und Mutter auf «LinkedIn», einem sozialen Netzwerk zur Pflege bestehender Geschäftskontakte, bittet, sie um Tipps für eine Wohnung in der Stadt Zürich zu unterstützen. Der Zürcher Wohnungsmarkt spiele allerdings verrückt, Mietpreise gingen durch die Decke. Es sei absurd. Daher hätten sie und ihr Partner sich dafür entschieden, die günstige Wohnung einer anderen Familie zu überlassen, teilte die Unternehmerin mit. «Jetzt wird es Zeit, den Ort zu finden, an dem wir unsere Familie grossziehen.» Die Suche gestalte sich allerdings schwierig – so habe ihr gerade jemand ihre Traumwohnung weggeschnappt. «Leider gehen diese immer unter der Hand weg und so auch in unserem Fall.» Falls jemand eine Wohnung oder ein Haus im Enge-Quartier vermietet oder verkauft, soll man sich daher gerne melden. In den Kommentaren zu ihrem Posting erntet sie für ihren Aufruf viel Zuspruch: «Genau so sollte es sein! Den leistbaren Wohnraum denjenigen überlassen, die es sonst nicht vermögen!», kommentiert eine Person. Ein weiterer User hat Respekt für die Entscheidung und fügt an, dass der Zürcher Immobilienmarkt «crazy» sei: «Ich ziehe nach vier Jahren in den USA zurück in die Schweiz und weiss genau, wovon du schreibst.» Ein Mann findet sogar: «Wenn nicht mal Y. M. eine Wohnung findet, dann zeigt das auf, wie pervers der Wohnungsmarkt geworden ist.» Andererseits muss die Jungunternehmerin auch scharfe Kritik einstecken. «Wahre Selbstlosigkeit findet ohne öffentlichen Beifall statt», schreibt eine Frau. Wieder andere stellen die Vermutung an, dass die Familie wohl zu viel für eine Genossenschaftswohnung verdiene und ihr deshalb gekündigt wurde. Also handle es sich nicht um einen Akt der Selbstlosigkeit, sondern schlicht und einfach um eine Lüge. Dass es sich um sogenannte FAKE NEWS handelt, scheint sich auch deshalb zu bestätigen, weil die Kommentare unter dem Posting inzwischen gelöscht wurden, was wie im Fall der der Schweizer Politikerin wenig hilft, weil das Netz bekanntlich nicht vergisst. Man löscht zwar die Kommentare, aber das Posting wurde bereits in zahlreichen anderen Medien kommentiert und geteilt. Ausserdem kann jetzt einfach jeder, der sich für die Sache interessiert, unter dem Posting festhalten: Warum wurden die Kommentare gelöscht? – Geht so kreative Selbstzerstörung?
Etwas weiter getrieben haben es die öffentlich-rechtlichen Programme in Deutschland, genauer ARD und ZDF. Die ARD-Sendung «Die 100» geriet wenige Tage vor den Wahlen in Brandenburg in die Kritik, weil bekannt wurde, dass ein Teilnehmer, er heisst Michael Schleiermacher, als Laienschauspieler tätig ist. Die Sendung behandelte die Frage, ob die AfD eine Bedrohung für die Demokratie darstellt, und Schleiermacher änderte überraschend seine Meinung zugunsten dieser Sichtweise am Ende der Sendung. Dies führte zu Spekulationen, dass Schleiermachers Sinneswandel inszeniert gewesen sein könnte, um eine bestimmte politische Botschaft zu vermitteln. Kritiker warfen der ARD vor, einen Komparsen gezielt eingesetzt zu haben, um kurz vor der Landtagswahl gegen die AfD zu «hetzen». Noch etwas heftiger fiel die Kritik an der ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten aus, die nach den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen in einem Kommentar den Wahlerfolg der AfD mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verglich. Sie bezeichnete das starke Abschneiden der AfD als «schwer erträglich» und eine «politische Wegmarke», die eine Mahnung an die Nachgeborenen sei. Der Oldenburger Rechtswissenschaftler und Professor für Medien- und Telekommunikationsrecht Volker Boehme-Neßler zeigte sich entsetzt über Schaustens Kommentar. Auf der Plattform X (ehemals Twitter) schrieb er: «Was für eine unfassbare Verharmlosung der Nationalsozialisten! Solche Leute haben im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nichts zu suchen.» Dies eine der schärfsten Reaktionen auf den Vergleich, der für viele Menschen vollkommen unpassend und unhaltbar erscheint. Und der renommierte Kölner Rechtsanwalt Markus Haintz teilt auf derselben Plattform mit, er habe soeben Strafanzeige gegen die ZDF-Chefredakteurin wegen des Verdachts der Volksverhetzung erstattet. – Wer zerstört hier eigentlich wen?
Nicht nur Fernsehredaktoren, die bei jeder Gelegenheit Politiker der AfD als «gesichert rechtsextrem», im Grunde ein weisungsgebundenes Urteil des deutschen Verfassungsschutzes, diskreditieren, sondern auch die beiden Parteivorsitzenden der SPD, Lars Klingbeil und Saskia Esken, die ihre politischen Gegner unentwegt als Nationalsozialisten diffamieren, schwingen mittlerweile eine stumpfe Waffe. Letztendlich bedienen sie sich einer rhetorischen Taktik, der sogenannten «Nazi-Keule», bei der eine Person oder Gruppe zum Schweigen gebracht werden soll. Allerdings erweist sich der Ausdruck zunehmend als unwirksam und ist am Ende nur noch unbeholfen und verlegen. Durch die häufige Nutzung hat der Vergleich an Wirkung verloren, da nicht jeder, der so bezeichnet wird, tatsächlich mit den Verbrechen der Nazis in Verbindung steht. Diese Übernutzung führt dazu, dass der Vorwurf seinen Schockwert verliert und nicht mehr als ernsthafte Kritik wahrgenommen wird. Die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg scheinen dies zu bestätigen.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
The Boom Factor, Harrisburg University

