WARUM WIR AUS ERFAHRUNGEN NICHT KLUG WERDEN
Drei Fragen an den denkenden Leser: Woher weisst Du, was Du weisst? Kannst Du von der Vergangenheit auf die Zukunft schliessen? Warum erwartest Du nie das Unvorhergesehene?
Antworten auf die drei Fragen fasste der britischer Mathematiker Bertrand Russell in seinem 1912 erschienenen Werk «Die Probleme der Philosophie» wie folgt zusammen:
Der schottische Philosoph und Ökonom David Hume geht bekanntlich davon aus, dass die Menschen zum Handeln und Denken geboren sind. Deshalb entwickelte er mit seiner Philosophie einen Rahmen von Basisannahmen, die Erläuterungen und Anleitungen zum menschlichen Handeln und Denken geben. Hierbei handelt es sich um Regeln, die ihn zu grundlegenden Überlegungen und Schlussfolgerungen führen. Hume gilt dabei als eigentlicher Initiator des philosophischen Kausalitätsproblems. Er streicht die Bedeutung der Ursachen-Wirkungs-Relation für jede empiristische Erkenntnistheorie heraus: Die einzige Möglichkeit, Informationen zu erhalten, die über die eigenen Erfahrungen hinausgehen, liegt dabei in Kausalrelationen. Ähnlich wie bei den Gedanken zur Kausalität handelt es sich auch beim Induktionsproblem um eine von Hume entdeckte Problematik. Vermutlich ist es der bis heute am meisten beachtete Teil seiner Philosophie. Hierbei wird gerade die für eine empiristische Erkenntnistheorie eminent wichtige Praxis des Lernens aus Erfahrung in Zweifel gezogen. In seinen 1748 erschienen «Untersuchungen über den menschlichen Verstand» leuchtet Hume als Empirist, der nur auf die eigenen Sinne und Erfahrungen vertraut, die menschliche Erkenntnisfähigkeit und ihre Grenzen aus. Statt metaphysische Spekulationen anzustellen, sollte der Mensch sich auf die Erforschung der alltäglichen Dinge beschränken. Bei aller analytischen Schärfe erinnert sein elegant geschriebenes Werk daran, dass Philosophie zuallererst für den Menschen da sein sollte. Dass zum Beispiel die Sonne morgen aufgeht, glauben wir nur, weil es immer so gewesen ist – sicher wissen oder verstandesmässig begründen können wir es nicht. Allein die Erfahrung führt den Menschen dazu, bestimmte Dinge als Tatsachen anzunehmen und kausale Schlüsse zu ziehen. Durch das Leben führt ihn daher weniger sein Verstand als vielmehr sein Instinkt. – Eine Gans, die täglich gefüttert wird, zögert anfangs und denkt: »Warum füttert mich dieser Mensch? Irgendetwas muss doch dahinterstecken.« Wochen vergehen, doch jeden Tag kommt der Bauer vorbei und wirft ihr Getreidekörner vor die Füsse. Ihre Skepsis lässt allmählich nach. Nach einigen Monaten ist sich die Gans sicher: »Der Mensch ist mir zutiefst gutgesinnt!« – eine Gewissheit, die sich jeden Tag aufs Neue bestätigt, ja festigt. Vollends überzeugt von der Güte des Bauern staunt sie, als sie dieser am Weihnachtstag aus ihrem Gehege holt – und schlachtet. Die Weihnachtsgans ist dem «induktiven Denken» zum Opfer gefallen. Mit ebendiesem Beispiel warnt David Hume vor der Induktion. Aber nicht nur Gänse sind anfällig dafür, wir Menschen sind es auch. Wir alle haben die Tendenz, aus Einzelbeobachtungen auf allgemeingültige Gewissheiten zu schließen. Das ist gefährlich. Nicht nur andere lassen sich so betrügen, wir betrügen uns auch selbst. Menschen, die selten krank sind, halten sich für unsterblich. Oder ein CEO, der viele Quartale nacheinander eine Gewinnsteigerung bekannt geben darf, hält sich für unfehlbar – und seine Mitarbeiter und Aktionäre ihn auch. Induktives Denken kann also verheerende Folgen haben – und doch geht es nicht ohne. Wir bauen darauf, dass wir auf der Strasse nicht grundlos niedergeprügelt werden. Wir rechnen damit, dass unser Herz auch morgen schlagen wird. Alles Gewissheiten, ohne die wir nicht leben könnten. Wir brauchen die Induktion, jedoch sollten wir nie vergessen, dass sämtliche Gewissheiten immer nur vorläufig sind. Induktion kann verführerisch sein: »Die Menschheit hat es noch immer geschafft», sagen sich viele, »also werden wir auch die zukünftigen Herausforderungen meistern.« Klingt gut, was wir indessen nicht bedenken: Diese Aussage kann nur eine Spezies machen, die bis jetzt überlebt hat. Die Tatsache, dass es uns gibt, als Hinweis zu nehmen, dass es uns auch in Zukunft geben wird, ist ein gravierender Denkfehler. Vermutlich der gravierendste.
Unsere Unfähigkeit, aus der Vergangenheit auf die Zukunft zu schliessen, nennt der libanesische Essayist und Forscher Nassim Nicholas Taleb in seiner Theorie einen «Schwarzen Schwan». Historisch gesehen galt der schwarze Schwan lange Zeit als unmöglich, da insbesondere Europäer lange Zeit nur weisse Schwäne kannten, bis Naturwissenschaftler im 17. Jahrhundert in Australien auf schwarze Schwäne stiessen. Das Bild des «Schwarzen Schwans» dient als Metapher für Ereignisse, die ausserhalb unseres bisherigen Vorstellungsvermögens liegen. Sie sind selten, schwer vorherzusehen und entziehen sich der gängigen Logik im Sinne einer Absage an das Ursache-Wirkung-Prinzip. Beispiele hierfür reichen von der Finanzkrise 2008 über die Terroranschläge des 11. September 2001 bis hin zur Covid-19-Pandemie 2020.
Auch wenn sich «Schwarze Schwäne» nicht restlos verhindern lassen, gibt es Strategien, die helfen können, die Wahrscheinlichkeit von negativen Konsequenzen zu verringern. Zum Beispiel lassen sich Systeme durch Resilienz widerstandsfähiger gestalten oder man generiert sogenannte «antifragile» Systeme, um über die Resilienz hinauszugehen. Solche Systeme sind nicht nur robuster gegenüber Schocks, sondern können sogar von diesen profitieren. Ausserdem sollten Strukturen oder Modelle nicht perfekt optimiert sein, sondern über eine gewisse Redundanz verfügen, um Erschütterungen standzuhalten. «Schwarze Schwäne» sind zwar unvorhersehbar, allerdings gibt es oft kleinere Warnsignale oder Schwachstellen im System, die auf ein grösseres Problem hindeuten können. Diese Signale zu erkennen, ist entscheidend. (Vor der Finanzkrise 2008 gab es vereinzelte Stimmen wie jene des amerikanischen Investors Michael Burry, die auf Probleme im US-Hypothekenmarkt hinwiesen, diese wurden aber ignoriert. Frühwarnsysteme hätten möglicherweise das Schlimmste abmildern können.)
Da das Unbekannte per Definition unbekannt ist, rät Nassim Taleb, nicht zu engstirnig zu denken und beim Denken nicht auf ausgetretenen Pfaden zu bleiben. Darüber hinaus sollte man sich eher auf die möglichen Auswirkungen konzentrieren, um sich bei der Entscheidungsfindung darauf stützen zu können. Und man sollte zwischen positiven und negativen Zufällen differenzieren und sich nicht von Nachrichten überfluten lassen, denn teilweise zahlt sich Unwissenheit auch aus. Vollständig verhindern lassen sich «Schwarze Schwäne» nie, zumal sie ausserhalb unserer historischen Vorstellungskraft liegen. Sie treten in überkomplexen, unsicheren Systemen auf, in denen es unmöglich ist, alle Eventualitäten vorherzusehen. Die wichtigste Lehre aus dem Konzept des «Schwarzen Schwans» ist vielleicht, eine gewisse Demut gegenüber der Komplexität und der Unsicherheit der Welt zu entwickeln.
Wenn Regierungen daher beschliessen, kurz vor Kriegsende ATACMS-Kurzstreckenraketen an die Ukraine zu liefern und so als Gegenreaktion den Einsatz von Interkontinentalraketen provozieren, worauf deutsche Kanzlerkandidaten ultimativ die Lieferung des Marschflugkörpers TAURUS verlangen, und dies nach zwei verlorenen Weltkriegen, wird man sich die Frage stellen, warum die involvierten Kriegsparteien den Ausdruck «Schwarzer Schwan» nicht kennen.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
Black Swan

