WARTEN AUF GODOT

Es gibt keine vertane Zeit, wenn das Warten zum Lebensinhalt erhoben wird. In Homers «Odyssee» wartet Penelope jahrelang hoffnungsvoll auf die Rückkehr ihres untreuen Gatten. Nachts trennt sie immer wieder auf, was sie tagsüber gewoben hat, um mit dem Tuch nicht fertig zu werden, bis ihr Odysseus nach Hause kommt. In Thomas Manns «Zauberberg» wartet Hans Castorp Monat für Monat stoisch auf seine Genesung. Und in Samuel Becketts «Warten auf Godot» warten Wladimir und Estragon vergeblich auf die Ankunft eines gewissen Godot. «Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann», sagt Leo Tolstoi, und Victor Hugo meint: «Träumen ist Glück, Warten ist das Leben.» – In der jüdisch-christlichen Tradition mit ihrer linearen Vorstellung von Zeit ist Warten kein leeres Warten, sondern verbunden mit der Hoffnung, dass sich am Ende alles gut fügen werde. Sara und Abraham warteten jahrelang auf Gottes Segen: Und dann kamen die Kinder wie Regentropfen. Tröstend spricht der Prophet Jeremia, der in einer der dunkelsten Perioden der jüdischen Geschichte lebte, zu den Menschen, sie dürften hoffend auf ein gutes Ende warten. Damit will er all jenen Mut machen, die fernab der Heimat im fernen Ninive leben müssen. Gott werde sie zurück in die Heimat führen, verheisst Jeremia den Deportierten. Und im 40. Psalm bezeugt ein Beter der Gemeinde, dass er lange auf Gott gewartet habe und sich dieses Warten, dieses Ausharren, nun gelohnt habe. Der Beter macht nämlich die Erfahrung, dass Gott sich niederbeugt und ganz Ohr ist für seine Anliegen. Des Beters Klagen und sein Warten und Hoffen auf Antwort gingen nicht ins Leere, sondern stiessen auf göttliche Resonanz. Für die gläubige Seele kommt das Echo aus einer anderen Wirklichkeit, von hoch oben aus himmlischer Höhe, deutlich zu hören in der Klarheit eines hellen Soprans. In seiner Antwort bekräftigt die göttliche Stimme der gläubigen Seele, sie solle nicht verzagen, denn Gott habe JA zu allen Menschen gesagt.

Trotzdem ist für viele heutzutage das Warten geschenkte Zeit. Sie warten, eigentlich fast immer: auf eine kleine Auskunft oder die grosse Liebe, auf das Ende einer langweiligen Sitzung oder den Start einer aufregenden Karriere. Fans erwarten einen flüchtigen Blick auf ihren Star am Roten Teppich. Flüchtlinge warten auf ihre einzige Chance in endlosen Reihen vor dem Zaun. Wir warten auf bessere Zeiten oder den Weltuntergang, auf einen Geburtstermin oder den Tod.

Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.

Warten ist eine existentielle und zugleich so alltägliche Erfahrung. Bisweilen gänzlich absurd! Warten ist das «Erleben von Zeit» – und natürlich abhängig von äusseren Umständen, davon, wie und worauf man wartet, sagt der Soziologe Andreas Göttlich von der Universität Konstanz. Es sagt zum Beispiel viel darüber aus, wie eine Gesellschaft organisiert ist. Bereits Walter Benjamin hat Anfang des 20. Jahrhunderts darauf hingewiesen, dass Wartezeiten in der Gesellschaft steigen, mehr werden, je grösser der Grad der Bürokratisierung ist. Oft gehen dann Bürokratie und Hierarchie Hand in Hand: Viele Verwaltungsakte sind so aufgeteilt, dass man selbst bei geringerem Andrang doch mehrmals anstehen, Zeit opfern muss. Warten und Warten lassen – als sozialer Akt ist es eine Form von Machtausübung: Wer über die Zeit des anderen verfügen kann, demonstriert seine Wichtigkeit oder aber Gleichgültigkeit, vielleicht gar Verachtung für den Wartenden. Historisch hatte WARTEN mit DIENEN zu tun: der englische Begriff für Kellner zeigt das noch: «Waiter» und «Waitress». Warten gehörte lange auch zum gesellschaftlichen Rollenbild von Frauen, als Manifestation ihrer untergeordneten Stellung. Und doch lassen sich gerade am Warten auch gesellschaftliche Fortschritte erkennen. Das Symbol dafür ist ausgerechnet die Warteschlange. Einig scheint man sich darin, dass die Warteschlange in Großbritannien erfunden wurde und dass sich in der Warteschlange das egalitäre Grundprinzip der englischen Gesellschaft widerspiegelt. Da zählt der Beruf nicht, da zählt das Geschlecht nicht, da zählt die soziale Herkunft nicht, sondern da gibt es einfach das Prinzip: Wer zuerst kommt mahlt zuerst, «first come, first served», es gibt hier also keine sozialen Rangunterschiede. Es hat etwas mit der modernen Gleichheitsidee zu tun, dass die Zeit eines jeden Menschen gleich viel wert zu sein scheint, etwas, das in früheren Gesellschaften, beispielsweise in Adelsgesellschaften, wenn wir an das frühere Verhältnis von Adel und Dienerschaft denken, so nicht der Fall war.

Nicht länger warten wollten diese Woche die User der populären Videoplattform TikTok aus China, bis sich Republikaner und Demokraten darüber einigten, wie sie mit TikTok umgehen sollen. Ohne ein definitives Urteil abzuwarten, sind sie einem drohenden Verbot in den USA zuvorgekommen, indem sie ihre Profile kurzerhand mit der chinesischen App RedNote verlinkten. (RedNote kombiniert Funktionen von TikTok, Instagram und Pinterest, indem es Nutzern ermöglicht, kurze Videos, Fotos und längere Texte zu teilen. Die App hat über 300 Millionen monatliche Nutzer.) Die Migration zu RedNote hat zu einem lebhaften kulturellen Austausch zwischen amerikanischen und chinesischen Nutzern geführt. Viele Amerikaner lernen Mandarin, um mit chinesischen Nutzern zu kommunizieren, während diese im Gegenzug Englisch lernen. Auch wurden Kochrezepte ausgetauscht und einige Nutzer begannen, Videos zu posten, die sowohl mit chinesischen als auch englischen Untertiteln versehen waren. Alles in allem ein harmloses, wunderbares Durcheinander. Ähnlich dem schönen UNDSOWEITER in Peter Handkes Momentaufnahme «Geschichte der Kopfbedeckungen in Skopje» aus dem Reisejournal «Noch einmal für Thukydides».

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
Samuel Beckett