AUCH SCHWARZE SCHWÄNE KRIEGEN JUNGE

Bevor die Engländer Australien entdeckten, war man der festen Überzeugung, dass alle Schwäne weiss sind. Dann bekam man den ersten schwarzen Schwan zu Gesicht. Annahmen, die Hunderte von Jahren alt waren, entpuppten sich mit einem Schlag als fehlerhaft. Deshalb sind schwarze Schwäne eine treffende Metapher für Ereignisse, die unerhört erscheinen. In seiner 2007 erschienen Untersuchung «Black Swan» nennt der Essayist und ehemalige Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb drei Merkmale, um von SCHWARZEN SCHWÄNEN zu sprechen. SCHWARZE SCHWÄNE liegen ausserhalb unseres Erwartungshorizonts, weshalb sie als einmalige Ereignisse klassifiziert werden. Zuerst tun wir alles, um sie zu ignorieren und ihre Existenz zu leugnen, um sie dann später als ganz normal zu klassifizieren. Sie besitzen drei Merkmale: SCHWARZE SCHWÄNE sind «Ausreisser», mithin so vollkommen ausserhalb unserer Erwartungen, so dass wir sie als beispiellose Vorfälle klassifizieren. Sie verändern unser Denken und damit unsere Welt. Und: Wir finden im Nachhinein immer doch noch Erklärungen für ihr Auftauchen. Der Erste Weltkrieg, der 11. September 2001, die Fukushima-Katastrophe, aber auch der Arabische Frühling und das Brexit-Referendum, der Computer, das Internet oder die Künstliche Intelligenz: Alle Ereignisse mit grossen Nachwirkungen sind SCHWARZE SCHWÄNE. Das Erstaunliche: Wir tun alles, um sie zu ignorieren, um ihre Existenz zu leugnen, um sie dann später doch als «ganz normal» zu klassifizieren. Die Geschichte ist opak, also undurchsichtig. Wir sehen immer nur das Ergebnis, aber nie die Entwicklungen, die dazu führen. Es ist wie im Restaurant: Das Gericht, das vor uns auf dem Teller liegt, verrät nicht, welche Zutaten genau verwendet wurden. Dennoch neigen wir dazu, die Welt in übersichtliche Formen zu zerteilen und so ihre Komplexität zu reduzieren. Dabei fallen wir auf das, was Taleb «Triplett der Opazität» nennt, herein: Wir glauben erstens zu verstehen, was in der Welt vor sich geht. Komplexes oder Zufälliges blenden wir einfach aus. Zweitens erliegen wir der retrospektiven Verzerrung, das heisst, wir können die Entwicklungen erst nachträglich, wie durch einen Rückspiegel, beurteilen. Und drittens werten wir Fakten zu hoch und lassen uns von Experten leiten. Auf lange Sicht setzen sich die Entwicklungen der Vergangenheit immer weiter fort, glauben wir jedenfalls. Im Grunde geht es uns wie der Weihnachtsgans. 100 Tage lang hat sie die feste Zuversicht, dass sie auch am nächsten Tag wieder eine Hand mit schmackhaften Getreidekörnern versorgen wird. Dann, am 101. Tag (zufälligerweise eine Woche vor dem grossen Fest), dreht ihr diese Hand den Hals um. Was also eine ganze Weile gut ging, muss nicht zwingend immer so bleiben. Ein Extremereignis hat das Leben der Gans zerstört und ihr den Kopf gekostet.

Am Freitag, dem 10. Januar 2025, verunsicherte ein SCHWARZER SCHWAN amerikanische Technologieunternehmen wie Apple, Meta und Microsoft. Just an diesem Tag veröffentlichte «DeepSeek», ein chinesisches Unternehmen für künstliche Intelligenz, das sich auf die Entwicklung von Open-Source-Sprachmodellen spezialisiert hat, seine erste kostenlose Chatbot-App für iOS und Android, basierend auf dem «DeepSeek-R1-Modell». Vor vier Tagen, also am Montag, den 27. Januar, hatte diese App ChatGPT als meistgeladene kostenlose Anwendung im US-amerikanischen iOS App Store überholt. Dieser Erfolg führte zu einem Kurssturz der Nvidia-Aktie um 18 % auf 118,42 US-Dollar, was einen Verlust von etwa 589 Milliarden an Marktkapitalisierung bedeutete – der größte Tagesverlust in der Geschichte der Wall Street. «DeepSeek R1» ist die chinesische Antwort auf Chat-GPT o1: ein hochmoderner KI-Chatbot. Das Modell simuliert anders als typische Sprachmodelle eine Kette von Gedankengängen nach menschlichem Vorbild. «DeepSeek» kann sowohl im Browser als auch als App genutzt werden. Mit dem überraschenden Erfolg hat «DeepSeek» es geschafft, Schockwellen durch das Silicon Valley zu schicken. («DeepSeek» wurde mit deutlich geringeren Kosten trainiert – etwa 6 Millionen US-Dollar im Vergleich zu 100 Millionen US-Dollar für GPT-4 – und benötigt nur ein Zehntel der Rechenleistung eines vergleichbaren Sprachmodells.) Als würden SCHWARZE SCHWÄNE Junge kriegen, veröffentlichte «DeepSeek» am 27. Januar 2025 «Janus-Pro», ein multimodales KI-Modell, das sowohl Text- als auch Bildverarbeitung und -generierung in einer einzigen Architektur vereint. Es wurde entwickelt, um Aufgaben wie Bild-, Objekt- und Texterkennung (OCR) und die Generierung von Bildern aus Textbeschreibungen effizient zu bewältigen.

Mit ihrem Modell haben die chinesischen Forscher gezeigt, dass man auch mit weniger Geld und Rechenleistung gute KI entwickeln kann. Laut dem White Paper, in dem sie ihr Modell beschreiben, haben sie dieses mit deutlich weniger und schlechteren Computerchips trainiert als die amerikanische Konkurrenz und zu einem Bruchteil der Kosten. Für europäische Forscher ist damit der Weg offen, mit ähnlich wenig Rechenkapazität eigene Top-Modelle zu entwickeln. Europa hat nun keine Ausreden mehr, sich selber zu bemitleiden. Denn es besitzt die wichtigste Ressource, die es wirklich braucht, um im KI-Boom vorne mitzuspielen: kluge, gut ausgebildete Köpfe. Regierungen und Forschungsinstitute sollten sich jetzt überlegen, was es braucht, um diese Chance bestmöglich zu ergreifen. Denn dank «DeepSeek» ist der Ausgang des Wettrennens um KI wieder offen.

Christoph Frei, Akademisches-Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
DeepSeek

«DeepSeek R1» ist Open Source und kostenlos

DeepSeek Just CRUSHED Big Tech AGAIN With JANUS PRO