KANN KI AUCH KUNST?

Seit dem Beginn des «KI-Hypes» vor über einem Jahr durchdringt die Künstliche Intelligenz immer mehr Lebensbereiche. Nun macht sie auch vor einem Bereich nicht halt, der traditionell durch Kreativität, Emotion und Genie geprägt ist, offenkundig urmenschliche, einzigartige Eigenschaften, die sich nicht ohne Weiteres von Maschinen imitiert lassen. KI-Anwendungen verfassen mittlerweile Gedichte, entwerfen Gemälde und komponieren Sinfonien. Prominente Beispiele sind sicher «The Next Rembrandt», ein Projekt, bei dem eine KI auf der Grundlage von Rembrandts Werken ein neues Porträt im Stil des niederländischen Meisters schuf bzw. «The Portrait of Edmond de Belamy», ein von der Pariser Künstlergruppe Obvious mithilfe eines KI-Algorithmus erstelltes Porträt, das 2018 bei Christie’s für 432.500 US-Dollar versteigert wurde. Die Diskussion über die Frage, ob Künstliche Intelligenz bereits jetzt die Kreativität des Menschen in den Schatten stellen kann, hat im letzten Jahr vor allem in den sozialen Medien Fahrt aufgenommen. Auslöser war unter anderem eine Kampagne des Mauritshuis-Museums in Den Haag. Deren berühmtes Gemälde «Mädchen mit den Perlenohrringen» ist derzeit als Leihgabe im Rijksmuseums. Um den leeren Platz im eigenen Haus zu füllen, rief das Mauritshuis dazu auf, eigene Interpretationen des Bildes zu schaffen. Von den knapp 3500 Einsendungen sind 170 in digitaler Form im Museum zu sehen. Fünf der Werke wurden ausgedruckt und an den Platz des Originals gehängt, darunter eine Interpretation von Julian van Dieken. Das Streitbare an der Entscheidung: Von Dieken selbst gab mit Einsendung des Werkes bekannt, dass das Kunstwerk mithilfe von «MidJourney», einem auf Künstlicher Intelligenz basierenden Programm, kreiert wurde. Trotzdem wurde es kürzlich bei einer Auktion für eine Million US-Dollar verkauft.

Die Entscheidung des Museums, genau dieses Werk so prominent zu platzieren, wie auch der Verkauf wurde nicht von allen goutiert. Die intensiven Debatten drehten sie sich im Kern um die Frage, ob bei einer solch kreativen Kampagne, ein Kunstwerk ausgezeichnet werden sollte, das mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt wurde. Es sei, so manche Stimmen, eine Beleidigung von Johannes Vermeer und von Künstlern und Künstlerinnen weltweit. Julian van Dieken selbst, der sich als «digital creator» bezeichnet, feiert hingegen die Entscheidung der Hängung eines solchen Werkes in einem Museum als einen bemerkenswerten Moment in der Kunstgeschichte.

Menschliche Kreativität versus künstliche Kreativität? Sind wir wirklich bereits an diesem Wendepunkt angekommen? Der britische Technologieautor James Bridle sieht keine Ebenbürtigkeit und wies im «Guardian» unter dem Titel «The stupidity of AI» auf die pure Akkumulation hinter KI-Bild- und Texterzeugung. Die grossen Tech-Firmen, schreibt er, hätten sich in die persönlichsten und kreativsten Bereiche unseres Lebens eingeschlichen und unsere Daten gesammelt. Nun verkauften sie uns unsere Träume zurück, verpackt als «Intelligenz» von Maschinen. Gewiss wird Künstliche Intelligenz die Abläufe künstlerischen Schaffens verändern, schliesslich wird sie auch mit menschlichen Gefühlen, Emotionen und Stimmungen gefüttert. Dies wird es ihr ermöglichen, die Welt auf immer tieferen und überzeugenderen Ebenen zu gestalten und zu beeinflussen. Dennoch wird sie dadurch nicht im eigentlichen Sinn kreativ.

Die Erzeugung oder Generierung von Kunst mit einer KI funktioniert noch immer wir folgt: Fordert ein Benutzer die KI dazu auf, ein Sonett von Shakespeare zu schreiben, greift die KI auf eine grosse Sammlung von Sprachmustern in ihrem Speicher zurück, die mit «Sonett» markiert sind. Dabei handelt es sich um Sonette von Menschen, die sie gescannt hat. Sie kann statistische Vorhersagen zur Wortassoziation – basierend auf diesen menschlichen Schriften – nutzen, um die Arten von Wortkombinationen, Satzstrukturen und Phrasen zusammenzustellen, die normalerweise in einem von Shakespeare geschriebenen Sonett vorkommen. Wenn die KI die Elemente aus ihren Datensätzen mit einem gewissen Grad an Zufälligkeit ausschneidet und zusammenfügt, ähnelt sie eher einer Datenbank als einem Individuum; denn die KI führt lediglich blind statistische Analysen der von Menschen eingegebenen Wörtern durch. Dabei liegt keinerlei Kreativität vor.

Bei KI-Kunst ist das Ergebnis daher nicht die Kunst selbst, sondern eine überzeugende Simulation von Kunst, die vollständig von echter menschlicher Kunst abgeleitet ist, egal, ob es sich dabei um Literatur, Musik oder Malerei handelt. Im Grunde ist ein Computer eine Möglichkeit, gänzlich unintelligente physische Objekte und Prozesse zu nutzen, um verschiedene intelligente Aktivitäten nachzuahmen, genau wie verschiedene ganz und gar nicht-magische Objekte und Techniken einem Unterhaltungskünstler eine Möglichkeit bieten, Magie nachzuahmen.

KI-generierte Inhalte entsprechen oft auf perfekte Weise menschlichen Inhalten, weil Programmierer Meister in ihrem Fach sind. Aber wie perfekt die Simulation künstlerischer Intelligenz auch sein mag, sie bleibt genau das: eine Simulation. Sie ist nicht realer als eine Computersimulation des Wetters oder des Krieges. Ohne die unmessbare Kraft des Bewusstseins gibt es keine echte Kunst. – Der KI die Fähigkeit abzusprechen, wahre Kunst zu schaffen, entkräftet jedoch nicht ihre beeindruckenden Fähigkeiten, bahnbrechende Ergebnisse zu erzeugen, Ergebnisse, die, auch wenn sie nicht wirklich originär sind, immer beeindruckender werden.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
KI generierte Kunst

Girl with a Pearl Earring Reimagined #AIart

Putting yourself into weird scenarios with AI