COMING OF AGE
Oft wird in der Literatur das Thema COMING OF AGE in Form von Bildungs- oder Entwicklungsromanen behandelt. Die wohl berühmtesten Beispiele aus dem 19. Jahrhundert sind Johann Wolfgang Goethes «Wilhelm Meister» und Gottfried Kellers «Der grüne Heinrich», zwei Bildungsromane, deren inhaltlicher Zusammenhang vor allem in der gemeinsamen Thematik des Erwachsenwerdens, der Selbstfindung und der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität sowie der Rolle des Individuums in der Gesellschaft liegt. In beiden Werken durchläuft der Hauptcharakter eine Reise der Selbstfindung. Diese Reise führt die Protagonisten zu verschiedenen Einsichten und Herausforderungen, die sie sowohl körperlich als auch geistig prägen. Während Wilhelm Meister versucht, als junger Mann seinen Platz in der Welt zu finden und mit der Gesellschaft und seinen eigenen Wünschen in Einklang zu kommen, muss Heinrich Lee in «Der grüne Heinrich» ebenfalls seinen Lebensweg ergründen, um seine eigenen Werte und Ziele zu ergründen. Beide sind in ihrer Suche nach einem erfüllten Leben mit Zweifeln, Enttäuschungen und Konflikten konfrontiert. – Auch Peter Handkes 1972 erschiene Erzählung «Der kurze Brief zum langen Abschied» bedient im Grunde die alte Erwartung an den Entwicklungsroman, auch wenn die Welt nicht mehr dazu dient, die Subjektivität des durch Amerika reisenden Helden zu stärken und zu bestätigen. «Du glaubst», gibt ihm die amerikanische Freundin Claire zu bedenken, «wenn du von dem ‚Grünen Heinrich‘ redest, dass du seine Abendteuer nachholen kannst. Du glaubst mit einer Figur aus einer anderen Zeit diese Zeit wiederholen zu können, so gemütlich wie er nach und nach erleben und von Erlebnis zu Erlebnis immer nur klüger werden und am Schuss deiner Geschichte fertig und vollkommen sein zu können.» Jedes neue Abenteuer erweitert zwar den Horizont des ruhelos Reisenden, doch am Ende strahlt die mühsam errungene Balance von Fortgehen und Ankommen, Wirklichkeitserfahrung und Selbstwerdung allenfalls eine Art Reife aus, die versöhnlich stimmen kann.
Auf dem Hintergrund literarischer Traditionen zeigt sich heute ein Europa, das nicht wirklich erwachsen geworden ist. Auf die Rede des neuen amerikanischen Vizepräsidenten bei der Münchner Sicherheitskonferenz reagieren Politiker linksliberaler Kräfte mit Empörung. Brandmauern, sagte J.D. Vance, hätten in einer Demokratie nichts zu suchen. Dass die gleichen Europäer, die sich jetzt so weinerlich gegen Vance verwahren, seit Monaten nichts anderes verlangt haben als den faktischen Ausschluss der AfD, einer Partei, für die sich jeder fünfte Wähler entschieden hat, zeigt, wie sehr sich diese Politiker selbst in Anti-Demokraten zu verwandeln drohen. Irgendwie hat es etwas Gespenstisches, dass es von neuem ein Amerikaner ist, der den Deutschen, die ihre Demokratie zu einem wesentlichen Teil den Amerikanern verdanken, beibringen muss, was das eben auch heisst: dass man eine Opposition ernst nimmt und nicht verbietet, sie mag noch so primitiv und lästig sein, und dass man sie an die Macht lässt, wenn sie stark genug wird. Der vielleicht schlimmste Satz von J. D. Vance lautete: «Wenn Sie vor Ihren eigenen Wählern Angst haben, gibt es nichts, was Amerika für Sie tun kann.»
Bezeichnenderweise haben auch der von vielen gefürchtete russische Imperialismus, die Weltmachtambitionen Chinas und die Disruption in Washington nichts an der deutschen Geisteshaltung geändert. Im Wahlkampf blickten Olaf Scholz und Friedrich Merz nach innen: auf Migration und Wirtschaft. Aussenpolitik kam nur am Rand vor. Die beiden Politiker schienen die Wähler wie Kinder zu behandeln, die man vor den Hässlichkeiten der Welt schützen muss. Dass eine mutige aussenpolitische Vision den Bürgern Zuversicht in schwierigen Zeiten vermitteln könnte – auf diesen Gedanken kamen weder CDU noch SPD. Nun ist die Wahl vorbei, und das Land ist denkbar schlecht auf die Krise der internationalen Ordnung vorbereitet. Die politische Klasse verklärte Völkerrecht und Uno und wacht jetzt in einer Wirklichkeit auf, wo der Primat der Machtpolitik gilt. Alle Versuche, Trump, Putin und Xi eine europäische Antwort entgegenzusetzen, sind zum Scheitern verurteilt, wenn Deutschland nicht aufwacht. Deutschland huldigte zu lange einem Stabilitätsfetischismus, am deutlichsten in der Ära Merkel. Stabilität war alles, Dynamik ein Schimpfwort. Um die Ruhe nicht zu gefährden, unterliess die Kanzlerin innenpolitische Reformen und aussenpolitische Initiativen. Jetzt hat die Stabilität in Unordnung umgeschlagen, und die «Ampel»-Jahre bildeten den Vorgeschmack auf die neue Realität. Angesichts der nicht minder zum Fetisch gewordenen Exkommunikation der AfD ist die «grosse» Koalition nun das einzig mögliche Bündnis. Die schwarz-rote Allianz ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie gaukelt eine Stabilität vor, die sie mit ihrer bloss relativen Mehrheit in der Gesellschaft nicht mehr garantieren kann.
So gesehen lautet das Fazit der Bundestagswahl: DEUTSCHLAND IST RATLOS. Ob Schuldenbremse oder ewige Stabilität – die alten Gewissheiten tragen nicht mehr. Und die Brandmauer ist zu wenig, um eine Identität darauf aufzubauen.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
Johann Heinrich Wilhelm Tischbein
Goethe in der römischen Campagna, 1787
Städel Museum, Frankfurt

