WEHE DEM, DER LÜGT!

«Tartuffe» oder «Der Betrüger» (im Original: «Tartuffe» ou «L’Imposteur») ist eine Komödie in fünf Akten des französischen Dramatikers Jean-Baptiste Poquelin alias Molière aus dem 17. Jahrhundert. Das in Versen gefasste Stück in fünf Akten wurde am 12. Mai 1664 im Beisein des Sonnenkönigs im Schloss Versailles uraufgeführt. Die Aufführung löste auf Grund ihrer drastischen und für die damalige Zeit revolutionären Kritik an religiösem Heuchlertum einen Theaterskandal aus, der zum Verbot des Werkes führte. Auch eine zweite Fassung von 1667 wurde verboten. Erst eine im Handlungsverlauf deutlich geänderte dritte Fassung, die am 5. Februar 1669 im Palais Royal in Paris uraufgeführt wurde, erhielt die Unterstützung Ludwigs des XIV. und entging somit der Zensur. Diese dritte Fassung ist die heute geläufige; die ersten beiden gelten als verloren. – Molières Tartuffe, ein Wolf im Schafspelz, ist wohl der berühmteste Scheinheilige der französischen Literatur und der Weltliteratur überhaupt und von ganz anderem Kaliber als viele andere Heuchler in der Belletristik. Tartuffe richtet nicht sich selbst, sondern andere zugrunde. Von Anfang an hegt er böse Absichten. Was wie eine harmlose Familienstreiterei anfängt, über die man lachen oder weinen kann, entpuppt sich bald als Konsequenz gnadenloser Habgier und äusserst geschickter psychologischer Manipulation. Molière führt dem Leser und Zuschauer eindringlich vor Augen: Ideologen, die von sich behaupten, doch nur das Beste für alle zu wollen, sind oft genug Tyrannen. Ein brisantes, nach wie vor hochaktuelles Thema, und das in Form einer Komödie. Der Text erinnert an den Aphorismus des Schweizer Pädagogen und Sozialreformer Johann Heinrich Pestalozzi: «Kein Heuchler war je dankbar, kein Heuchler hält sein Wort.»

Wortbrüchig in dieser Woche ist für viele der Kanzleranwärter der Unionsparteien Friedrich Merz geworden, der in Anlehnung an Mario Draghi, den ehemaligen Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), sich bei den Koalitionsverhandlungen mit der SPD mit dem Satz «Whatever it takes» in eine vertrackte Lage manövriert hat. Nicht nur hat der CDU-Chef der SPD mit der Demontage der Schuldenbremse das grösstmögliche Geschenk gemacht und damit seine Verhandlungsposition denkbar verschlechtert, sondern mit einem Sondervermögen von bis zu 500 Milliarden Euro, im Grunde ein schlimmer Euphemismus, denn es handelt sich tatsächlich um zusätzliche Schulden, auch an der Börse mit seiner Schulden-Bazooka einen Anleihen-Crash ausgelöst. Die steigenden Kapitalmarkt-Zinsen bringen vor allem hoch verschuldete Länder wie Frankreich und Italien in Bedrängnis. In der Folge droht jetzt ein Liz Truss-Moment, also eine Revolte der Anleihemärkte gegen die Schulden-Orgie. Bekanntlich musste Liz Truss damals als britische Premierministerin zurücktreten, weil britische Pensionsfonds durch den massiven Anstieg der britischen Kapitalmarkt-Zinsen kurz vor der Pleite standen (bis die britische Notenbank eingriff). WEHE DEM, DER LÜGT! Hierfür spricht die desaströse Situation des Friedrich Merz: Er braucht zwingend SPD und Grüne, um seine Forderungen nach einer Aufweichung der Schuldenbremse durchsetzen zu können. Vor allem die SPD ist in einer komfortablen Position: Sie kann sogar die Koalitionsgespräche platzen lassen und bei Neuwahlen mit Boris Pistorius antreten – und so die verlorene Wahl nachträglich doch noch gewinnen. Friedrich Merz gerät deshalb auch innerhalb der eigenen Partei immer mehr unter Druck, und es ist nicht mehr sicher, ob er überhaupt Kanzler wird. WEHE DEM, DER LÜGT!

Bild:

PINOCCHIO by Enrico Mazzanti (1852-1910)