WIR UNTERTANEN
«Der Untertan», Heinrich Manns Roman aus dem Jahr 1914, trägt im Manuskript den Untertitel: »Geschichte der öffentlichen Seele unter Wilhelm II.« Die erste Buchausgabe erschien 1918 im Kurt Wolff Verlag. Heinrich Mann erzählt mit scharfem Witz die Lebensgeschichte des fiktiven Opportunisten und Karrieristen Diederich Heßling von dessen Kindheit bis hin zur Sicherung seiner Stellung in der wilhelminischen Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Mit dem Roman ist Heinrich Mann zweierlei gelungen: ein satirischer Rundumschlag gegen das Deutsche Reich unter Wilhelm II. und eine detaillierte Studie über einen ganz bestimmten Charakter. Manns Antiheld verehrt die Macht aufgrund eigener Schwäche. Demütig unterwirft er sich, gnadenlos unterwirft er andere, noch Schwächere. Damit ist er für den vom Kaiser gelenkten Obrigkeitsstaat das ideale Rädchen im Getriebe. Mit pointierter Schärfe schildert Mann Nationalismus und Militarismus, Scheinheiligkeit und Geldgier und zeigt den Untertan Heßling als furchtbares Allroundtalent inmitten einer moralisch verkommenen Gesellschaft. Der Roman wurde zum bitter-komischen Abgesang auf eine untergegangene Epoche und entfaltete zugleich sein prophetisches Potenzial. Auf Weltkrieg und Nationalsozialismus schien «Der Untertan» bereits vorauszublicken. Kein Wunder, dass die Nationalsozialisten das Buch verbrannten. Die deutsche Mentalität scheint sich in der Zwischenzeit gewandelt zu haben, aber Manns Meisterwerk besticht weiterhin durch seine Mischung aus analytischer Kraft und erzählerischem Witz.
Die Debatte um die Repräsentativität des Untertans Heßling als Sinnbild des wilhelminischen Reiches erhielt während der COVID-19-Pandemie in Deutschland erneut Auftrieb. Im Roman unterwirft sich Diederich Hessling den gesellschaftlichen und politischen Autoritäten, um sich selbst zu profilieren und Karriere zu machen. Diese Unterwürfigkeit gegenüber autoritären Strukturen, gepaart mit einer Haltung, die eigenständiges Denken und Handeln vermeidet, ist ein zentrales Merkmal seines Charakters. In der Covid-19-Pandemie liessen sich ähnliche Tendenzen beobachten, wenn auch in einer anderen gesellschaftlichen und politischen Situation. Während der Pandemie zeigten viele Menschen eine starke Orientierung an den Empfehlungen der Regierung und der Wissenschaft, was an sich nicht problematisch ist, solange diese auf einer fundierten Basis beruhen. Doch es gab auch Fälle, in denen Menschen blind den Anordnungen folgten, ohne kritische Fragen zu stellen, insbesondere in Bezug auf Massnahmen wie Lockdowns, Maskenpflicht und Impfvorgaben. Diese Haltung, gepaart mit einer blinden Autoritätsgläubigkeit, erinnerte an die Mentalität des Untertanen aus Heinrich Manns Roman. Nicht nur akzeptiert der Untertan Autoritäten, sondern verhält sich auch konformistisch, um sozialen und beruflichen Aufstieg zu sichern, ähnlich wie manche Personen in der Pandemie die Massnahmen als Selbstverständlichkeit annahmen, ohne die wissenschaftlichen Grundlagen oder die langfristigen Konsequenzen zu hinterfragen.
Hätte man begriffen, dass «Korrelation» nicht «Kausalität» bedeutet, wären viele der täglichen Nachrichten anders gelesen worden. Auch die Verlautbarungen von Politikern, Wissenschaftlern und anderen Experten im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie waren davon betroffen. Wichtige Fragen zum Virus und zur Krankheit forderten die Gesellschaft zwar heraus, aber niemand wusste genauer, wie man reagieren oder handeln sollte, zumal keine Einigkeit bestand. Namhafte Forscher widersprachen einander in aller Öffentlichkeit, wissenschaftliche Studien wurden zurückgezogen, weil sich deren Ergebnisse als falsch herausgestellt hatten, Experten sprachen Warnungen aus, relativierten diese oder schürten Hoffnungen, weil sich die Situation von Woche zu Woche anders entwickelte, als sie erwartet hatten. Am Schluss getraute sich kaum jemand zu fragen, wer recht hat. Nicht auszuschliessen, dass alle falschlagen. Zweifel wurden laut, ob die Wissenschaft überhaupt in der Lage sei, verlässliche Ergebnisse zu liefern. Freilich stellen sich solche Fragen nicht erst seit der Corona Krise. Auch in der Klimadebatte kommen sie immer wieder auf. Natürlich sollten Wissenschaftler ihre Aussagen gegenseitig kritisch überprüfen. Um subjektive Verzerrungen zu vermeiden, muss die Interpretation der empirisch gewonnenen Einsichten deswegen aus verschiedenen Blickwinkeln erfolgen. Dieser Vorgang ist allerdings nie abgeschlossen. Er kann jederzeit wiederholt werden und zu neuen Ergebnissen führen. Erst nach einer gewissen Zeit wächst das Korpus an Erkenntnissen, die als verlässlich gelten. Dieser Prozess dauert lange. Was wir somit im Hinblick auf Covid-19 erlebten, ist nichts Aussergewöhnliches: In einer frühen Phase der Forschung ist es üblich, dass sich Wissenschaftler uneins sind. Trotzdem besteht aus erkenntnistheoretischer Sicht kein Grund, ihnen deswegen das Vertrauen zu entziehen, solange das Prinzip der kritischen Überprüfung nicht ausgesetzt wird. Absolute Gewissheit lässt sich allerdings selbst mit den besten Methoden und Verfahren nicht erzielen. Das ist nichts Neues, aber gerade in Zeiten der Pandemie hätten wir uns dieser Tatsache bewusst sein müssen, dass wir uns erst ganz am Anfang der Erforschung des Virus befanden. Das hätte uns vor überzogenen Erwartungen an einen Impfstoff oder ein wirksames Medikament bewahrt.
Viele der Massnahmen, die zu Beginn der Pandemie ergriffen wurden, erwiesen sich im Nachhinein als problematisch oder wenig effektiv. Einige, wie die langen Lockdowns oder die Maskenpflicht im Freien, hatten teils gravierende negative Folgen, die zunächst nicht in vollem Umfang berücksichtigt wurden. Andere Massnahmen, wie die Schulschliessungen oder die asymptomatischen Tests, wiesen unerwartete negative Nebeneffekte auf. Die Art und Weise, wie Regierungen und Gesundheitsbehörden Informationen zur Pandemie kommunizierten, hatten fatale Folgen auf das Vertrauen in der Bevölkerung. Insbesondere die lange Zeit unter Verschluss gehaltenen Protokolle des Robert Koch-Instituts sorgten für Aufsehen. Der Satz von der «Pandemie der Ungeimpften» wurde prominent von verschiedenen Politikern und Gesundheitsvertretern während der Krise verwendet, vor allem in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 und 2022, als die Impfungen weit verbreitet waren. So betonte etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel in Deutschland, dass die fortgesetzte Verbreitung des Virus zunehmend in der ungeimpften Bevölkerung zu finden sei. Ein weiteres Beispiel ist der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn, der den Ausdruck mehrfach in verschiedenen öffentlichen Äusserungen nutzte, namentlich wenn er auf die steigende Zahl von Covid-Infektionen und Hospitalisierungen unter Ungeimpften zu sprechen kam. Spahn sagte im November 2021 beispielsweise: «Wir haben es jetzt mit einer Pandemie der Ungeimpften zu tun», um die Situation zu beschreiben, in der ungeimpfte Personen einen Grossteil der schwer erkrankten Patienten ausmachten. Auch in anderen Ländern wie den USA oder Großbritannien wurde der Ausdruck von Politikern und Gesundheitsexperten genutzt, um einen nicht erwiesenen Zusammenhang zwischen der niedrigen Impfquote und den anhaltend hohen Infektions- und Hospitalisierungsraten als Gewissheit auszugeben.
Auch liegen der deutschen Regierung seit Mittwoch, dem 12. März 2025, plausible Indizien vor, dass das Virus Sars-CoV-2 von Menschenhand durch die Manipulation eines bestehenden Virus geschaffen wurde und dass es aus einem chinesischen Biolabor stammt, dem «Wuhan Institute of Virology». Nach Informationen von «Süddeutscher Zeitung», «ZEIT» und «NZZ» gab es in den vergangenen Wochen einen Austausch mehrerer spezialisierter Wissenschafter beim deutschen Auslandsgeheimdienst, dem Bundesnachrichtendienst, den das Bundeskanzleramt initiiert hat. Die ersten Treffen fanden bereits im vergangenen Jahr statt. Teilnehmer der Runde waren unter anderem bekannte Virologen. Dabei gingen die Forscher in mehrfachen Treffen auch der Frage nach der Herkunft des Virus nach. Die dabei mit den Forschern geteilten und neu erarbeiteten Informationen sind der Bundesregierung bekannt. Auf Anfrage der NZZ antwortete ein Sprecher der Bundesregierung, dass man zu nachrichtendienstlichen Erkenntnissen und Tätigkeiten grundsätzlich öffentlich nichts sage und dass die Regierung den geheim tagenden Gremien des Bundestags Bericht erstatte. Damit bleibt die Frage unbeantwortet, warum die deutsche Bevölkerung über die vorliegenden Erkenntnisse bislang nicht informiert worden ist. Da der Bundesnachrichtendienst sich auch auf eine schriftliche Anfrage der NZZ nicht äusserte, nährt sich für viele der Verdacht, dass sich am Ende auch diese Verschwörungstheorie bewahrheitet hat.
Bild:
Heinrich Mann

