AUF DEM OLYMP DES SCHEITERNS
Die Spieltheorie, eine auf J. v. Neumann und O. Morgenstern basierende mathematische Analyse strategischer Entscheidungen aus dem Jahr 1944, setzt eine Interaktion von mindestens zwei Personen voraus. Alle Personen verfolgen Ziele, deren Erreichung auch von den Entscheidungen der anderen Personen abhängt, wobei sich die Mitspieler dieser Interdependenz bewusst sind. Ein Spiel im Sinne der Spieltheorie ist daher eine Entscheidungssituation mit mehreren Beteiligten, die sich mit ihren Entscheidungen gegenseitig beeinflussen. Im Unterschied zur klassischen Entscheidungstheorie modelliert diese Theorie Situationen, in denen der Erfolg des Einzelnen nicht nur vom eigenen Handeln, sondern auch von dem anderer abhängt. Diese interdependente Entscheidungssituation zeigt sich besonders eindrucksvoll am sogenannten «Gefangenendilemma», verdeutlicht es doch, wie Egoismus und Kooperation zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Stell Dir vor, zwei Straftäter werden verhaftet und in getrennte Zellen gesperrt. Jetzt haben sie zwei Wahlmöglichkeiten: Schweigen sie und reden nicht mit der Polizei, dann hoffen sie, dass es keine Beweise gibt, die sie überführen. Oder die beiden Delinquenten verraten ihren Komplizen bei der Polizei, um sich selbst zu retten. Das Dilemma entsteht nun durch die folgenden möglichen Konsequenzen:
• Wenn beide schweigen oder kooperieren, bekommen sie eine geringe Strafe, zum Beispiel 1 Jahr Haft.
• Wenn die beiden Straftäter sich gegenseitig verraten, bekommen sie eine mittlere Strafe, zum Beispiel 5 Jahre Haft.
• Wenn der eine verrät und der andere schweigt, bekommt der Verräter keine Strafe, während sein Komplizen 10 Jahre lang inhaftiert wird.
Das Dilemma besteht nun darin, dass, auch wenn es für beide besser wäre zu kooperieren (beide schweigen und bekommen nur 1 Jahr Haft), jeder, individuell gesehen, besser fährt, den anderen zu verraten. Denn wenn der andere schweigt, bekommt der Verräter keine Strafe, aber wenn der andere auch verrät, bekommt er eine mittlere Strafe. Deshalb neigen beide dazu, sich gegenseitig zu verraten, was für beide die schlechtere Entscheidung ist. Das Gefangenendilemma verdeutlicht somit, dass individuelle Rationalität nicht immer zu kollektiv optimalen Ergebnissen führt. Mit anderen Worten wählen Menschen in einer Situation oft eine schlechtere Lösung, als wenn sie kooperieren würden, da jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.
Übertragen auf den Klimaschutz zwischen Staaten käme man so zu folgendem Resultat:
• Alle reduzieren den CO₂-Ausstoss, dann wird das Klima langfristig geschützt, was gut ist für alle.
• Wenn keiner den CO₂-Ausstoss reduziert, sind die Folgen katastrophal für alle.
• Wenn nur einer reduziert, die andere jedoch nicht, trägt der eine die Kosten, während die andern profitieren.
Im Ergebnis denkt jedes Land «Warum sollten wir verzichten, wenn die anderen es nicht tun?» Also handeln viele nicht, obwohl alle wüssten, dass gemeinsames Handeln besser wäre.
Auch die diesjährigen Bundestagswahlen können aus spieltheoretischer Sicht als komplexes strategisches Spiel betrachtet werden, bei dem Parteien und Wähler interagieren, um ihre jeweiligen Ziele zu erreichen. Die Spieltheorie hilft dabei, diese Dynamiken zu analysieren, insbesondere in Bezug auf Koalitionsverhandlungen, taktisches Wählen und Machtverteilung.
• Koalitionsverhandlungen
Nach der Wahl müssen Parteien Koalitionen bilden, da selten eine Partei die absolute Mehrheit erreicht. Die Verhandlungen können dabei mit der kooperativen Spieltheorie modelliert werden.
• Taktisches Wählen
Wähler können strategisch ihre Stimme abgeben, um bestimmte Ergebnisse zu beeinflussen. Unterstützen sie taktisch kleinere Parteien, hoffen sie so, Koalitionsoptionen zu beeinflussen.
• Machtverteilung
Die Macht innerhalb einer Koalition hängt von den Sitzanteilen und den Verhandlungsstrategien ab. Parteien mit klaren Positionen oder unverzichtbaren Stimmenanteilen haben mehr Einfluss auf die Ressortverteilung und politische Agenda. Konflikte entstehen durch widersprüchliche Forderungen, was die Verhandlungen verkompliziert.
Indem die Spieltheorie Werkzeuge liefert, um strategische Entscheidungen von Parteien und Wählern zu analysieren und mögliche Ergebnisse vorherzusagen, hilft sie auch, das Verhalten des CDU/CSU- Kanzlerkandidaten Friedrich Merz zu analysieren.
• Positionierung im politischen Spektrum
Merz versucht, die CDU als konservative Kraft zu stärken, indem er Themen wie Migration, Sicherheit und Wirtschaftspolitik betont. Spieltheoretisch agiert er hier in einem Wettbewerbsspiel gegen andere Parteien, insbesondere die AfD und die Grünen. Zum einen versucht er so, konservative Wähler zurückzugewinnen, indem er migrationskritische Positionen vertritt. Dies kann als Versuch gesehen werden, das Wählerpotenzial der AfD zu minimieren, birgt jedoch das Risiko, gemässigte Wähler zu verlieren. Zum andern hat er vor den Wahlen überaus deutlich progressive Parteien wie die Grünen kritisiert, in der Hoffnung, so seine eigene Basis zu stärken und sich als Vertreter wirtschaftsliberaler und konservativer Werte zu positionieren.
• Taktik im Wahlkampf
Im Wahlkampf versuchte Friedrich Merz gezielt aktuelle Ereignisse wie die Migration oder die Wirtschaftskrise zu nutzen, um so seine Position zu akzentuieren. Seine Forderungen nach einer strikteren Migrationspolitik kurz vor der Wahl wurden von vielen als Signal gedeutet, um konservative Wähler zu mobilisieren und unentschlossene Wähler anzusprechen. Gleichzeitig riskierte er durch diese Strategie Kritik und mögliche Verluste bei moderaten Wählern, weil er in einem Wettbewerbsspiel gegen andere Parteien stand. Anders ausgedrückt, besetzte er ein Thema, das bereits vergeben war.
• Koalitionsstrategien
Nach den Bundestagswahlen setzt Friedrich Merz auf ein Koalitionsspiel mit anderen Parteien. Von Anfang an schloss er eine Minderheitsregierung aus, um seinen Verhandlungsdruck zu erhöhen und seine Strategie auf stabile Mehrheiten auszurichtet. Die Wahl seiner Koalitionspartner und die Verhandlungen über politische Kompromisse können als kooperative Spiele analysiert werden, bei denen er versucht, maximale politische Macht für die CDU zu sichern, indem er Zugeständnisse an die SPD und die Grünen macht.
• Langfristige Ziele
Langfristig verfolgt er das Ziel, die CDU wieder als führende Volkspartei zu etablieren. Dies ist ein iteratives Spiel, bei dem er durch wiederholte strategische Entscheidungen Vertrauen aufbauen und politische Erfolge sichern will.
Zusammengefasst agiert Friedrich Merz spieltheoretisch in einem komplexen politischen Umfeld, in dem er zwischen Wettbewerb (gegen andere Parteien) und Kooperation (für Koalitionen) navigiert. Seine Entscheidungen spiegeln eine Mischung aus kurzfristigen taktischen Zielen und langfristigen strategischen Überlegungen wider. In diesem iterativen Spiel agiert Friedrich Merz spieltheoretisch in einem komplexen politischen Umfeld, in dem er zwischen Wettbewerb (gegen andere Parteien) und Kooperation (für Koalitionen) navigiert. Seine Entscheidungen spiegeln eine Mischung aus kurzfristigen taktischen Zielen und langfristigen strategischen Überlegungen wider, die im Grunde nicht kompatibel sind. Seine wiederholten kontroversen Aussagen können als Teil eines «Signaling-Spiels» interpretiert werden, bei dem er versucht, konservative Wähler anzusprechen und gleichzeitig seine Führungsrolle in der CDU zu festigen. Nach den Wahlen ist er nun gezwungen, Koalitionen zu bilden und als designierter Bundeskanzler finanzielle Zugeständnisse an die Grünen zu machen, obwohl diese ihre Rolle in der Opposition suchen. – Die von ihm verfolgte Doppelstrategie, sich einerseits von der AfD öffentlich abzugrenzen, andererseits zu versuchen, deren Themen zu besetzten, führt zu einer falschen Balance zwischen Polarisierung und Moderation. Sein Handlungsplan führt zu Instabilität in der CDU und im politischen Wettbewerb, da er weder interne noch externe Akteure langfristig zufriedenstellen kann. Anders formuliert, hat Friedrich Merz seine Position durch das gestörte Nash-Gleichgewicht verloren. Seine Strategien in einem politischen Mehrspieler-Spiel führten nicht zu einer stabilen Balance. Seine Entscheidungen lassen sich auch als multi-periodisches Spiel modellieren, bei dem er ständig zwischen kurzfristiger Polarisierung und langfristiger Stabilität balanciert. Sein Ziel, ein Gleichgewicht zu finden, das sowohl Wähler bindet als auch Koalitionsoptionen offenhält, ist eine Herausforderung, die nur durch iterative Anpassungen lösbar ist. Hierzu scheint Friedrich Merz zurzeit nicht bereit, weshalb er, metaphorisch gesprochen, zum Unglücksstern seines Teams zu werden droht, der, statt Orientierung zu bieten, in die Irre führt.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
Jacob Peter Gowy, circa 1610–1644
The fall of Icarus
Museo del Prado, Madrid

