DER BUMERANG-EFFEKT

«Das hässliche Entlein», ein Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen, wurde zuerst am 11. November 1843 veröffentlicht. Inspiriert wurde der Text durch einen Aufenthalt des Autors auf Gut Gisselfeld. Der Text erzählt die Geschichte einer Entenmutter, die sechs Enten ausbrütet. Das siebte und letzte Ei ist jedoch grösser, weshalb es länger dauert, bis das graue junge Entlein ausschlüpft. Der Nachzügler wirkt tollpatschig und unbeholfen und wird deshalb von den Tieren verspottet und drangsaliert. Es läuft davon. Eine Bäuerin sperrt das Entlein für eine Weile ein, kurz darauf gelingt es ihm zu fliehen. Es versteckt sich im Schilf und beobachtet von dort aus immer wieder die stolzen Schwäne. Als der Winter übers Land kommt, muss das Entlein sein Versteck verlassen, um Nahrung zu suchen. Dabei friert es eines Nachts in einem See fest. Doch es hat Glück, als ein Bauer es sieht, befreit und mitnimmt. Das Entlein flieht aber erneut und erkennt sein Spiegelbild im Wasser kaum wieder: Es ist zu einem erwachsenen, stolzen Schwan geworden, zu dem sich sogleich andere Schwäne gesellen.

Wie sich unschwer erkennen lässt, repräsentiert das hässliche Entlein den Archetypen des Aussenseiters. Andersen selbst war zeit seines Lebens ein Aussenseiter und wurde wegen seines Aussehens häufig abfällig beschrieben. So schrieb Friedrich Hebbel: «Der Dichter Andersen. Eine lange, schlottrige, lemurenhafte-eingeknickte Gestalt mit einem ausnehmend hässlichen Gesicht.» Im übertragenen Sinn lässt sich der Text auch als Metapher interpretieren, die den Umstand illustriert, warum etwas, das man klein- oder schlechtredet, am Ende an Bedeutung und Stärke gewinnt. Negative Gedanken oder Gespräche über ein Thema lenken bekanntlich die Aufmerksamkeit intensiver darauf. Dadurch wird das Thema emotional aufgeladen und erscheint grösser, als es tatsächlich der Fall ist. Werden negative Aussagen wiederholt, verfestigen sich die eigenen und fremden Überzeugungen. Auch können Kritik oder negative Äusserungen Abwehrreaktionen bei anderen hervorrufen, was dazu führt, dass das Thema öfter diskutiert wird und so an Relevanz gewinnt. Aktuellstes Beispiel ist sicher die am 6. Februar 2013 als Reaktion auf die Politik der Bundesregierung in der Eurokrise gegründet Alternative für Deutschland (AfD). Die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestufte Partei wird in Medien, Politik und Zivilgesellschaft oft stark kritisiert, bestimmt auch mit dem Ziel, ihre Reichweite oder ihren Einfluss zu begrenzen. Zwar wird die Partei nicht in die gängigen politischen Talkshows im deutschen Fernsehen wie «Die phoenix Runde», «Unter den Linden» oder «Markus Lanz» eingeladen, doch wird in den meisten Talkshows über ebendiese Partei diskutiert. Diese ständige mediale Präsenz, egal ob kritisch oder nicht, verleiht ihr Relevanz. Die mediale Ausgrenzung oder Ächtung hilft der Partei, sich strategisch als Opfer zu inszenieren, was bei Anhängern und Sympathisanten ein Gefühl von Widerstand, Rebellion und Identität erzeugt. Seit der Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall gab es verstärkt Stimmen, die ein Verbotsverfahren fordern. Politiker verschiedener Parteien sowie zivilgesellschaftliche Organisationen haben sich für eine Prüfung der Verfassungswidrigkeit der AfD ausgesprochen. Versuche, Veranstaltungen zu verhindern, Bücher zu boykottieren oder die Partei zu verbieten, befeuerten lediglich die Neugier, den Aufruhr und den Trotz. Die ständige Skandalisierung scheint vielmehr als Bestätigung, denn als Abschreckung zu wirken. Ausserdem führt das Bestreben, jede Äusserung sofort maximal zu skandalisieren oder aus dem Kontext zu reissen, zu einem Abnutzungseffekt. Irgendwann ist die rhetorische Figur der Nazi-Keule als politischer Kampfbegriff stumpf. Selbst der Bundesvorsitzende der SPD, Lars Klingbeil, musste im Bundestagswahl 2025 die Erfahrung machen, dass alle Versuche, rechtskonservative Kräfte zu marginalisieren, zum Scheitern verurteilt waren. Im Endergebnis erzielte die SPD 16,5% (-9,3), mithin das schlechteste Ergebnis bei einer Bundestagswahl, wohingegen die AfD 20,8% (+10,4) verbuchte, ihr bisher bestes Ergebnis.

Da es sich beim Bumerang- oder Backfire-Effekt in Tat und Wahrheit um einen Verstärkungs-Effekt handelt, wäre zu erwarten gewesen, dass die Altparteien bei der Neukonstituierung des 21. Deutschen Bundestages an diesem Dienstag sich eines Besseren hätten belehren lassen, um es der AfD zu verunmöglichen, sich weiter in der Opferrolle zu gefallen. Allein es kam anders. Man hielt an der Strategie der Exklusion fest. So eröffnete mit Gregor Gysi von der Linkspartei ein Alterspräsident die Sitzung des Parlaments, der diese Rolle überhaupt nur spielen konnte, weil die anderen Fraktionen verhindert hatten, dass der ältere Alexander Gauland von der AfD sprechen durfte. Die Grünen, im Grunde ebenso abgewählt wie die Sozialdemokraten, machten fröhlich mit beim CDU-Erpressen: nicht nur in der Klimapolitik, sondern auch beim Umgang mit der AfD. Als bekannt wurde, dass die neue christlichdemokratische Bundestagspräsidentin Julia Klöckner sich allen Fraktionen, also auch der AfD, vorstellen wollte, nötigten die Grünen sie per öffentlichem Druck, von diesem Vorhaben abzulassen. Dabei war ihr Ansatz richtig: Die links-grüne Ausgrenzungsstrategie ist gescheitert. Der hochmoralische «Kampf gegen rechts» macht die Rechten stärker. Längst müssten die anderen Parteien ihre Ausschluss-Strategie ändern und die rechtskonservativen Kräfte inhaltlich stellen. Aber diese geistige Anstrengung scheint sich das politische Personal des 21. Deutschen Bundestages offenbar noch nicht zuzutrauen. Stattdessen wird die AfD weiter diskriminiert, etwa indem die anderen Fraktionen sich weigern, einen stellvertretenden Bundestagspräsidenten und oft auch Ausschussvorsitzenden der Partei mitzuwählen. Letztlich hilft das nur der AfD, ihren Märtyrerstatus weiter auszubauen. Auf diesem Weg wird sie sich nicht Richtung Koalitionsfähigkeit bewegen. Aber sie wird immer stärker.

Die letzte INSA-Umfrage vom 24. März 2025 bestätigt diesen Trend. Mittlerweile erreicht die AfD mit 23,5% einen neuen Allzeitrekord, während die Union unter Friedrich Merz zwei Prozentpunkte verliert und auf jetzt 27% abrutscht. Auch in der Umfrage des Instituts YouGov liegen CDU/CSU mit 26% noch immer vorne, verlieren jedoch im Vergleich zu ihrem Ergebnis bei der Bundestagswahl vom 23. Februar 2,6%. Dicht dahinter folgt die AfD mit jetzt 24%, ein Plus von 3,2%. Auf Rang drei liegt die SPD mit 15%, die sich damit um 1,4% verschlechtert.

Wer will, kann den Gedanken weiterspinnen und sich überlegen, wo Elon Musk mit seiner TESLA Firma Ende Jahr steht. Kollabieren die Verkaufszahlen weiter und hat Elon Musk sein Vermächtnis fälschlicherweise aufs Spiel gesetzt, oder helfen ihm die aktuellen Turbulenzen, so dass die oft belächelte Strategie wie bei SpaceX auch für TESLA wieder aufgeht?

Christoph Frei, Akademischer Lektorat, CH-8032 Zürich

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KI generiertes Bild von GROK, dem Chatbot von X