ERFUNDENE WIRKLICHKEITEN

Der Roman «Die Fälschung» von Nicolas Born, erschienen 1979 im Rowohlt Verlag, beleuchtet die Rolle von Journalisten in Kriegsgebieten und das moralische Dilemma ihrer Arbeit. Im Fokus steht die Frage, wie Medien Fakten darstellen und ob sie nicht unweigerlich zur Verfälschung der Realität beitragen. Der deutsche Reporter Georg Laschen wird von seiner Zeitung nach Beirut geschickt, um über den libanesischen Bürgerkrieg zu berichten. Aufgabe ist es, das Leid und die Grausamkeiten des Krieges in Worten und Bildern festzuhalten. Der Roman stellt die Frage, ob ein Journalist als neutraler Beobachter agieren kann, ohne Teil des Geschehens zu werden und deutet dabei an, dass die Medien durch ihre Darstellung des Krieges eine narrative Konstruktion schaffen, die oft mehr den Interessen des Publikums oder der Redaktion entspricht als der komplexen Realität vor Ort. Laschen fragt sich, ob er durch seine Arbeit die Wahrheit vermittelt oder eine «Fälschung» produziert, mithin Wirklichkeiten erfindet, die das Leid der Menschen in ein konsumierbares Produkt verwandeln. Laschens innere Zerrissenheit wächst, je länger er im Kriegsgebiet arbeitet. Er beginnt, seine Rolle als Journalist zu hinterfragen: Ist er ein Voyeur, der das Leid anderer ausnutzt, um Karriere zu machen? Seine Affäre mit Elisabeth, einer Entwicklungshelferin, verstärkt diesen Konflikt, da sie aktiv versucht, den Menschen vor Ort zu helfen, während Laschen die Ereignisse lediglich dokumentiert. Seine persönliche Betroffenheit, die emotionale Belastung durch das ständige Bezeugen von Gewalt führt zu einer Krise seiner Identität als Journalist. Born zeigt, dass die ständige Konfrontation mit Leid nicht ohne Folgen bleibt und dass Journalisten Gefahr laufen, ihre Menschlichkeit zu verlieren, wenn sie sich hinter der Fassade ihrer Professionalität verschanzen. Das übergeordnete Thema ist die Macht der Medien, Wahrnehmungen zu prägen. Laschens Berichte beeinflussen, wie der Krieg in der westlichen Welt wahrgenommen wird. Doch diese Macht birgt die Gefahr, einseitige oder verzerrte Bilder zu schaffen. Born zeigt, dass die Medien nicht nur berichten, sondern aktiv Narrative konstruieren, die politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Interessen bedienen. Zwar ist sich Laschen dieser Macht bewusst, doch fühlt er sich ohnmächtig, weil er glaubt, als einzelner Journalist den Mechanismen der Medienindustrie ausgeliefert zu sein. Genauer gesagt, kritisiert Nicolas Born die journalistische Abhängigkeit von Redaktionen, Lesererwartungen und politischen Rahmenbedingungen, die die Wirklichkeit verzerren können.

Aktuellstes Beispiel sind die Enthüllungen zweier US-Journalisten, die den sich seit 2015 verschlechternden Gesundheitszustand von Joe Biden rekonstruieren. Die beiden Autoren Tapper und Thompson stützen sich dabei auf über 200 Interviews. Die meisten der demokratischen Insider waren jedoch nur bereit, anonym über Biden zu sprechen. Obwohl dieser nicht mehr im Amt ist. Ein Parteistratege, der öffentlich bisher nur positiv über Biden sprach, erklärte: «Er stahl der Demokratischen Partei eine Wahl. Er stahl sie dem amerikanischen Volk.» Zwar versuchten Biden und seine Frau Jill die Kritik vor wenigen Tagen mit einem Fernsehauftritt zu entkräften. Doch stattdessen machten sie diese noch glaubwürdiger. Eine Moderatorin wollte von Biden wissen, was er von den Berichten über seinen kognitiven Zerfall halte. «Sie sind falsch. Es gibt nichts, um sie zu stützen», antwortete Biden. Danach begann er einen zusammenhangslosen Satz, erwähnte den Sturm aufs Capitol, die Pandemie, kam gedanklich nicht mehr weiter und meinte: «Ich spreche zu lange.» Dann antwortete seine Frau für ihn. Was jeder schon lange sehen konnte, wird so im Nachhinein bestätigt.

Erwartungsgemäss sind Desinformation und Propaganda seit jeher mächtige Werkzeuge, wenn es um «Wahrnehmungsmanagement» geht: Wer es schafft, die Wahrnehmung zu seinen Gunsten zu verändern, stärkt seine eigene Macht und schwächt die der Feinde. Auch der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky vertritt in «Media Control: Wie uns die Medien manipulieren» die These, dass Massenmedien in Demokratien als Werkzeuge der Propaganda eingesetzt werden, um die öffentliche Meinung zu formen und die Interessen der Eliten zu wahren. Chomskys Hauptargument lautet, dass Propaganda in freien Gesellschaften das Äquivalent zur physischen Gewalt in totalitären Staaten ist. Er argumentiert, dass die Medien, obwohl sie nicht direkt vom Staat zensiert werden, dennoch ein System der Kontrolle und Manipulation schaffen, das den «Konsens» der Bevölkerung im Sinne mächtiger politischer und wirtschaftlicher Akteure «herzustellen» versucht. Hierzu passt, dass die jetzige US-Regierung nach eigenen Angaben Verantwortlichen von sogenannter Online-Zensur die Einreise verweigern will. Ausländische Behörden hätten ohne Befugnis Zensurmassnahmen gegen US-Bürger und Technologieunternehmen ergriffen, erklärte Aussenminister Rubio im Onlinedienst X. Die Visabeschränkungen könnten demnach auch Verantwortliche in der Europäischen Union treffen. Die Regierung hatte wiederholt scharfe Kritik an der EU geübt, weil diese in Europa tätigen Technologiekonzernen wie Apple, Google oder Facebook strenge Regeln auferlegt hat.

Insbesondere die Berichterstattung öffentlicher Medien leidet an einem Vertrauensbruch. In ihrem Potcast «Meinungsfreiheit – und ihre Grenzen» vom 23. Mai 2025 kommen M. Lanz und R.D. Precht zum Ergebnis, dass nur 40 Prozent der Bevölkerung finden, sie könnten ihre Meinung frei äussern. Und in der Sendung vom 28. Mai stellt Markus Lanz die Frage: «Meinungsfreiheit in Deutschland in Gefahr?» Eine Studie des Allensbach Instituts für Demoskopie, führt er aus, habe ergeben, dass sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland gegängelt fühle. Laut der «Frankfurter Rundschau» vom 29. Mai verzeichneten die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF seit Mitte 2024 eine beispiellose Flut an Programmbeschwerden. Recherchen von Correctiv zeigten, dass zwischen Juni 2024 und Mai 2025 beim ZDF rund 17.000 und bei der ARD 31.000 Beschwerden eingegangen seien, etwa zehnmal so viele wie in den Vorjahren. Obwohl die Sender staatsfern sein sollen, gibt es immer wieder Vorwürfe der politischen Einflussnahme. Dies betrifft oft die Zusammensetzung der Rundfunk- und Verwaltungsräte, in denen viele Mitglieder eine Parteizugehörigkeit aufweisen. Wegen fehlender Transparenz und mangelnder Dialogbereitschaft droht den Sendern ein substantieller Vertrauensverlust. Dass die Politik in den Gremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stark präsent ist, scheint sich in fast allen Formaten zu bestätigen. Das wohl übelste Beispiel ist der Satiriker und Moderator des ZDF-Magazins «Royale», der in seinen Sendungen vom 9. Mai die Identität eines rechten Influencers decouvriert hat. Mit der Erklärung, dass es bei Personen, «die in der Öffentlichkeit agieren, kein allgemeines Recht auf Anonymität» gebe, zeigt das ZDF, dass es nicht begriffen hat. Die inhaltliche Auseinandersetzung findet auf einer Schwundstufe statt, die einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht gut zu Gesicht steht. Das nützt allein jenen, die Jan Böhmermann konterkarieren will. Die rechtskonservative AfD bedankt sich. Und das ZDF checkt es nicht.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

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