BIEDERMÄNNER UND BRANDSTIFTER
Eine beklemmende Parabel über die Banalität des Bösen ist gewiss Max Frischs 1958 uraufgeführtes Drama «Biedermann und die Brandstifter», im Grunde ein Lehrstück über bürgerliche Feigheit, Verblendung und die fatale Neigung, offenkundige Gefahren zu ignorieren, um die eigene Wohlfühlzone nicht zu gefährden. Das Stück entlarvt die Mechanismen, die es totalitären Kräften ermöglichen, Fuss zu fassen, indem es die Geschichte des Haarölfabrikanten Gottlieb Biedermann erzählt, der sehenden Auges die Zerstörung seines eigenen Hauses und Lebens zulässt. Die Handlung ist von einer bestechenden und zugleich erschreckenden Einfachheit. Gottlieb Biedermann, ein wohlhabender Bürger, nimmt zwei zwielichtige Gestalten, Schmitz und Eisenring, in sein Haus auf, obwohl in der Stadt eine Serie von Brandanschlägen stattfindet. Trotz offensichtlicher Hinweise, dass es sich dabei um Brandstifter handelt, ignoriert Biedermann die Gefahr aus Angst, unhöflich oder voreingenommen zu wirken. Seine Frau Babette und die Gesellschaft um ihn herum verdrängen die Bedrohung ebenfalls, obwohl die beiden Benzin und Zündschnüre auf dem Dachboden lagern. In einem Akt ultimativer Selbstzerstörung lädt er die beiden zum Abendessen ein, prostet ihnen auf die Freundschaft zu und liefert ihnen schliesslich sogar die Streichhölzer. Das Stück endet unausweichlich in der Katastrophe: Das Haus der Biedermanns geht in Flammen auf, und mit ihm die ganze Stadt.
Unbestritten handelt es sich bei dem Stück um eine politische Allegorie, die auf verschiedene historische und gesellschaftliche Kontexte angewendet werden kann. Ursprünglich galt es als Reaktion auf die kommunistische Machtübernahme in der Tschechoslowakei 1948. Frisch beobachtete, wie eine Minderheit mit einer klaren Agenda die Mehrheit überrumpeln konnte, weil diese aus Angst und Bequemlichkeit untätig blieb. Nach seiner Uraufführung wurde es jedoch vor allem als Parabel auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland verstanden. In Biedermanns Verhalten erkannte man die Haltung vieler Bürger, die die brutale Realität des aufkeimenden Faschismus verharmlosten, sich anpassten und glaubten, durch Appeasement-Politik das Schlimmste verhindern zu können. Bis heute hat das Stück nichts von seiner Relevanz verloren. Es dient als Warnung vor den Gefahren politischer Apathie, Opportunismus und der verhängnisvollen Neigung, die Augen vor unbequemen Wahrheiten zu verschliessen. Gottlieb Biedermanns Haltung spiegelt sich somit in der Verdrängung moderner gesellschaftlicher Probleme wider, wo Warnsignale ignoriert werden, um kurzfristigen Komfort oder gesellschaftliche Harmonie zu bewahren.
Aktuellstes Beispiel sind sicher die bürgerkriegsähnlichen Zustände in vielen Amerikanischen Städten wie Los Angeles, Chicago, Washington oder New York. Wie auch immer man zum Migranten-Aufstand in den USA steht, bleibt als bittere Lektion der medialen Berichterstattung, dass ein Tauziehen über die Machbarkeit von Abschiebungen und anderen Massnahmen zur Rückemigration bevorsteht. Donald Trump könnte die Aufstände nun nutzen, um hart durchzugreifen. Die US-Linken können spekulieren, dass die Niederschlagung ständiger Unruhen irgendwann schwer finanzierbar wird und auf Rückenwind für ihre Deutung setzen, dass Abschiebungen auch bei einer geringen Anzahl von Betroffenen prinzipiell zu hässlichen Szenen führen. Bei der auch bei Europas Rechten salonfähigen Forderung nach millionenfacher Rückführung wird deutlich, dass es kein Sprint, sondern ein Marathon ist.
Und so entsteht ein Dilemma auf allen Seiten: Demokraten müssen Bürgern erklären, warum Städte brennen, während Republikaner ihre Wahlversprechen umsetzen wollen. Die Linke muss fürchten, dass ihren NGOs öffentliche Mittel weiter gekürzt werden, während die Rechte damit rechnet, dass sich der vom politischen Gegner aufgebaute «tiefe Staat» dagegen wehrt. Die konservative Tech-Bubble um Peter Thiel, dessen Palantir-Produkte bereits in der Vergangenheit mit Polizeidaten gefüttert wurden, könnte indes ihre Chance wittern, während wiederum linksregierte Bundesstaaten damit just nicht Aufständische, sondern Kritiker ihrer Agenda überwachen könnten.
Die ganze Eskalation ist daher auch aus Sicht der politischen Rechten eine bittere Pille. Die Gegenseite hat durch eine lasche Grenzpolitik ein dauerhaftes Pulverfass ins Land geholt, das sich nicht so leicht entschärfen lässt. Auch integrationsunwillige Zuwanderer lassen sich nur ungern des Landes verweisen, während sie Steuerzahler teuer kommen, schwer mit der Leitkultur zu vereinbarende Moralvorstellungen mitbringen und statistisch überproportional in die Kriminalstatistik einfliessen. Bis eine Abschiebung rechtlich möglich ist, vergehen durch die Aktivitäten der Asyl-Lobby viele Jahre, ehe sie dann oftmals ohnehin nicht stattfindet. Und es ist ein mehrfacher Wettlauf gegen die Zeit: Die Massenmigration geht weiter, durch höhere Fertilitätsraten kriegen Migranten mehr Kinder als Einheimische und durch Einbürgerung erhalten sie ein Bleiberecht. Irgendwann verunmöglichen auch demokratische Mehrheiten, eine Umkehr der Thematik.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
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