DAS LEBEN DER ANDERN

«DAS LEBEN DER ANDERN», ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 2006, thematisiert die Überwachung ostdeutscher Bürger durch die Staatssicherheit fünf Jahre vor dem Ende der DDR. Mithilfe eines erbarmungslosen Systems aus Kontrolle und Überwachung werden in Ost-Berlin Machtansprüche gesichert. Der linientreue Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler wird vom Oberstleutnant Anton Grubitz auf den gefeierten Dramatiker Georg Dreyman und seine Lebensgefährtin, den Theaterstar Christa-Maria Sieland, angesetzt. Wiesler erhofft sich davon, seine Karriere voranzutreiben. Hierzu installiert er in Dreymans Wohnung Wanzen und beginnt, das Leben des Paares minutiös zu protokollieren. Zunächst tut er dies mit der üblichen Akribie eines Stasi-Mannes. Doch je tiefer er in das Privatleben von Dreyman und Sieland eintaucht, desto mehr wird er von ihrer Welt der Kunst, der Liebe und des freien Denkens fasziniert. Er erlebt ihre menschlichen Beziehungen und ihre Verletzlichkeit, was einen tiefgreifenden Wandel in ihm auslöst. Als Dreyman durch den Suizid eines Freundes, der mit einem Berufsverbot belegt wurde, zum Systemkritiker wird und heimlich einen Artikel über die Selbstmordraten in der DDR für das westdeutsche Magazin «Der Spiegel» verfasst, steht Wiesler vor einem moralischen Dilemma: Er könnte Dreyman verraten und damit seine Karriere sichern, aber seine neu entdeckte Menschlichkeit lässt ihn zögern. Er beginnt, Informationen zurückzuhalten und Dreyman indirekt zu schützen. – Jahre später, nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der DDR, erfährt Dreyman, dass er die ganze Zeit überwacht wurde. Bei der Einsicht in seine Akten entdeckt er die manipulationsfreien Berichte, die ihn vor der Enttarnung schützten, und erkennt, dass ein anonymer Stasi-Mitarbeiter ihn beschützt haben muss. Er findet heraus, dass es Wiesler war, der mittlerweile ein unauffälliges Leben als Briefträger führt.

So wie «Big Brother», die Personifizierung einer Kollektivherrschaft im Roman 1984 von George Orwell, hat der Film bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Jüngstes Beispiel sind die Aktions-Razzien gegen «Hass im Netz» vom letzten Mittwoch, dem 25. Juni 2026. Bekanntlich wurden bundesweit Wohnungen wegen Posts im Netz durchsucht. Dabei diente das Ganze keiner Ermittlung, sondern der Signalwirkung, genauer der Einschüchterung. Argumentativ unterfüttert wird die Aktion mit dem Begriff «Hass», notabene ein Tag, nachdem das Bundesverwaltungsgericht das Verbot des Satire-Magazins «Compact» aufgehoben hat. Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts ist im Ergebnis richtig, allerdings bereitet es bereits den Boden für anderslautende Bewertungen. Den entscheidungserheblichen Teil in die Verhältnismässigkeitsprüfung zu verlagern, ist gefährlich. Es wäre einfacher und klarer gegangen: Die Grenzen der Pressefreiheit sind die allgemeinen Gesetze, besonders das Strafrecht. Ist der Inhalt des Blatts nicht strafbar, dann kann es auch nicht verboten werden. So bliebe man in einer Zone der Objektivierbarkeit, die künftige Verbotsfragen nicht dem Geschmack des Gerichts ausliefert.

Übrig bleibt das hässliche Gesicht der «Cancel Culture», mithin der Versuch, Personen oder Institutionen wegen problematischen Verhaltens oder Äusserungen öffentlich zu ächten oder zu boykottieren. Viele sprechen in diesem Zusammenhang auch vom «Umgekehrten Totalitarismus», ein Ausdruck, der auf eine Theorie des Politikwissenschaftlers Sheldon S. Wolin verweist, der den Begriff verwendet, um die aktuellen Machtstrukturen in modernen demokratischen Gesellschaften zu beschreiben. Hierbei geht es um eine Form der Herrschaft, in der die traditionellen Mechanismen des Totalitarismus – wie autoritäre Kontrolle und Repression – nicht offensichtlich sind. Stattdessen wird die Macht durch eine Kombination aus politischen Eliten, Grosskonzernen und anderen Interessengruppen ausgeübt, wodurch eine illiberale Scheindemokratie entsteht, die im Sinn des ORWELLSCHEN ALPTRAUMS demokratische Prinzipien und Bürgerrechte untergräbt.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

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BIG BROTHER IS WATCHING YOU

ALEXANDER DOBRINDT: Razzien gegen Hass im Netz