BEI WEM STEHT DER GOLDESEL IM KELLER?
Der Sohn eines Schneiders war zu einem Müller gekommen und bei ihm in die Lehre gegangen. Als er seine Jahre herumhatte, sprach der Meister: «Weil du so fleissig und gut gearbeitet hast, so schenke ich dir einen Esel von einer besonderen Art, er zieht nicht am Wagen und trägt auch keine Säcke.» «Wozu ist er denn nützlich?», fragte der junge Geselle. «Er speit Gold», antwortete der Müller, «wenn du ihn auf ein Tuch stellst und sprichst ‚Bricklebrit‘, so speit dir das gute Tier Goldstücke aus, hinten und vorn.» «Das ist eine schöne Sache», sprach der Geselle, dankte dem Meister und zog in die Welt. Wenn er Gold nötig hatte, brauchte er nur zu seinem Esel «Bricklebrit» zu sagen, so regnete es Goldstücke, und er hatte weiter keine Mühe, als sie von der Erde aufzuheben. – Der GOLDESEL aus «Tischlein deck dich!», dem Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, bleibt eine metaphorische Bezeichnung für eine scheinbar unerschöpfliche Quelle von Reichtum oder Einkommen. Er steht für ein Geschäft, eine Anlage oder eine andere Einkommensquelle, die kontinuierlich Profit abwirft, ohne dass grosse Anstrengungen nötig sind. Wie der mythische Esel, der Goldstücke ausscheidet, liefert der GOLDESEL immer wieder neuen Gewinn.
Nur ein kleiner Schritt ist es von hier aus zu dem, was unter dem Ausdruck «Nixon-Schock» in die Geschichte einging. Bekanntlich brachen die USA am 15. August 1971 einseitig ihr Versprechen, den Dollar jederzeit in Gold umzutauschen, ein Ereignis, das bis heute nachwirkt. Die Aufhebung der Dollar-Gold-Konvertibilität erlaubte es Amerika, die eigene Währung zu inflationieren, was seinen Niederschlag im Ausspruch findet: «The Dollar is our currency, but it’s your problem», schliesslich blieb für Amerika ein Dollar ein Dollar, die Zeche bezahlten andere. Mit anderen Worten war die Aufhebung des Goldstandards die Stunde der Erfindung des GOLDESELS, erlaubte doch diese, US-Dollars nachzudrucken, weil das sogenannte «Fiatgeld», also die «Fiatwährung» US-Dollar, zum universalen Zahlungsmittel wurde, welches von der amerikanischen Regierung bei Bedarf neu geschaffen werden kann. (Ein Blick hinter die Kulissen der Geldentstehung zeigt, dass die Schaffung von US-Dollars, der weltweit führenden Reservewährung, ein komplexer Prozess darstellt, der nicht in einer einzigen Hand liegt. Vielmehr teilen sich zwei zentrale Institutionen der Vereinigten Staaten diese weitreichende Befugnis: das US-Finanzministerium (U.S. Department of the Treasury) und die US-Notenbank (Federal Reserve, oft auch “The Fed” genannt). Während das Finanzministerium für die physische Herstellung von Bargeld zuständig ist, spielt die Federal Reserve die entscheidende Rolle bei der Schöpfung des weitaus grösseren Teils des Geldes, das in digitaler Form existiert.) Weder das U.S. Department of the Treasury noch die Federal Reserve vermögen freilich goldgedecktes Geld zu schöpfen, weil der hinterlegte Wert, das Gold eben, sich nicht künstlich vermehren lässt. (Möglich ist das nur im Märchen.)
Was aus der Sicht Amerikas lange Zeit von Vorteil war, erweist sich heute als Ursache der massiven Verschuldung. Als Welt-Reservewährung verhielt sich der US-Dollar lange wie der Star-Spieler in einer weltweiten Fussballmannschaft und wurde auch so behandelt. Alle anderen Länder wollten diesen Star-Spieler in ihrem Team, da er so stark und zuverlässig war. Sie nutzen ihn, um untereinander Handel zu treiben und ihre Ersparnisse zu sichern. Damit alle Länder genug «Star-Spieler» (also US-Dollar) zum Handeln hatten, musste der Trainer USA immer mehr von ihnen ins Spiel bringen. Das bedeutet, die USA müssen mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen, und erzeugen so ein Handelsbilanzdefizit. Mithin kaufen sie mehr von der Welt, als sie an die Welt verkaufen. Dadurch fliessen immer mehr Dollar in andere Länder, was kurzfristig alle glücklich macht.
Wenn der Trainer USA allerdings ständig mehr Spieler (Dollar) aufstellt, als er eigentlich hat, fangen die anderen an, am Wert dieser Spieler zu zweifeln. Sie fragen sich: «Moment mal, können diese Star-Spieler ihre Leistung überhaupt noch halten, wenn sie so oft auf dem Platz stehen? Sind sie wirklich noch so stark?» Anders ausgedrückt, schwindet das Vertrauen in den Dollar. Geht dieses Vertrauen verloren, wollen alle ihre «Star-Spieler-Dollar» wieder loswerden, was zu einer Vertrauenskrise führt, die sich in der Abwertung des US-Dollars niederschlägt.
Das Dilemma in einfachen Worten ausformuliert, besagt somit, dass die USA die Welt mit Dollars versorgen müssen, um den Welthandel am Laufen zu halten. Doch genau diese Versorgung mit immer mehr Dollars untergräbt langfristig das Vertrauen in den Wert des Dollars. Eine klassische Zwickmühle, ein sogenanntes «Triffin-Dilemma»: Erfüllen die Amerikaner die kurzfristige Nachfrage nach Dollars, riskieren sie eine langfristige Vertrauenskrise. Stärken sie den Dollar langfristig (indem sie weniger ausgeben), dann gibt es kurzfristig nicht genug Dollar für den Rest der Welt, was den Welthandel bremst.
Konkret zeigt sich das Thema an der gegenwärtigen Zolldrohungen Amerikas. Zwar helfen Donald Trump die Zölle, die er gegen ein Land nach dem andern verhängt, die «Big Beautiful Bill» kurzfristig zu finanzieren, doch genügen die zusätzlich generierten Einnahmen wohl nicht, das neu durch Steuersenkungen entstehende Defizit auszugleichen. Die ausufernden Schulden sind ein wesentlicher Grund dafür, dass die USA bei den Gläubigern massiv an Vertrauen verlieren. Der Dollar hat im ersten Halbjahr so stark an Wert eingebüsst wie zuletzt im Jahr 1973. Gegenüber einem breiten Korb an Währungen beträgt der Einbruch 11 Prozent. Zum Franken und zum Euro ist der Verlust gar noch grösser. Erstmals ist der Dollarkurs diese Woche unter 79 Rappen gefallen. Unter der Oberfläche zeigen sich bedenkliche Risse. «Das könnte der Sommer der wirtschaftlichen Hölle werden», fasst der TV-Sender CNN die verbreiteten Bedenken zusammen. Für grosse Unsicherheit sorgt die weitere Entwicklung der Inflation: Zuletzt wies das Land eine Jahresteuerung von 2,4 Prozent aus. Die diversen Zölle, die bereits in Kraft getreten sind, dürften den Preisauftrieb weiter beschleunigen. Dies stellt die US-Notenbank Fed vor einen heiklen Balanceakt. Denn die amerikanische Konjunktur verliert an Fahrt. Arbeitslose haben mehr Mühe, eine neue Stelle zu finden. Ausserdem hat sich die Kauflaune der Konsumenten eingetrübt. Dies spricht eigentlich für tiefere Zinsen: So erwartet der Marktkonsens, dass die Notenbank bis Ende 2026 fünf Zinssenkungen vornimmt, womit sich der Leitzins bei 3 Prozent einpendeln würde. Dies wiederum hätte zur Folge, dass die Inflation steigen müsste, weil der GOLDESEL das Geld über tiefe Zinsen verbilligen würde. Solange die USA weitere Turbulenzen durchlaufen, wird auch der Druck auf den Dollar anhalten. Die Investmentbank Goldman Sachs erwartet entsprechend, dass die Abwertung der US-Währung weitergeht – freilich in etwas geringerem Tempo. Zur Erinnerung: Noch im Jahr 2000 kostete ein Dollar bis zu 1 Franken 80. Seither hat sich der Kurs mehr als halbiert.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
Der Goldesel im Märchengarten Ludwigsburg

