FIN DE PARTIE

FIN DE PARTIE, englisch «Endgame», ist ein Drama des irischen Schriftstellers Samuel Beckett aus dem Jahr 1956. Das französische Original wurde vom Autor selbst ins Englische übertragen. Die Uraufführung des Einakters fand am 3. April 1957 im «Royal Court Theatre» in London statt, da sich in Paris zunächst kein Theater an das Stück heranwagte, obwohl Beckett nach dem Erfolg seines ersten Bühnenwerks «Warten auf Godot» als Dramatiker bereits etabliert war. Die deutsche Premiere unter der Regie von Hans Bauer am 30. September 1957 im Schlossparktheater von Berlin stiess auf so grosses Unverständnis, dass das Stück bereits nach acht Vorstellungen abgesetzt wurde. Erst Becketts eigene Inszenierung, zehn Jahre später in der Werkstatt des Schiller-Theaters in Berlin, brachte es auf 150 Vorstellungen und wurde von der Kritik gefeiert. – Nach einer grossen Katastrophe ist ein Teil der Welt zu Asche geworden, in anderen gibt es keine Bevölkerung, in wieder anderen viele Dinge des alltäglichen Lebens nicht mehr: Beruhigungsmittel, Fahrräder, Pralinen, Särge, Elektrizität, Hunde, Möwen, Wälder, Regen und Natur; die Zivilisation ist zerfallen. Von irgendwoher droht inzwischen eine neue Gefahr, die demnächst das endgültige Ende der menschlichen Zivilisation herbeiführen wird. Samuel Becketts Theaterstück Fin de partie, auch bekannt als «Endspiel», ist ein Meisterwerk des absurden Theaters, das eine postapokalyptische, statische Welt darstellt. Die Figuren – der blinde, gelähmte Hamm in seinem Rollstuhl, der gehbehinderte Diener Clov, sowie die in Mülltonnen lebenden Eltern Nagg und Nell – sind in einem einzigen Raum gefangen. Es gibt keine echte Handlung, nur repetitive, zermürbende Dialoge, die Themen wie Sinnlosigkeit, Abhängigkeit, Isolation und das unvermeidliche Ende beleuchten. Die Aussenwelt ist leer und tot, was die innere Leere der Figuren symbolisiert. Beckett zeigt ein zyklisches, hoffnungsloses Dasein, in dem Veränderung illusorisch bleibt. Metaphorisch lassen sich die Elemente auf die finanzielle Situation Frankreichs im Jahr 2025 anwenden. Basierend auf aktuellen Analysen (z. B. von der EU-Kommission, dem IWF und Berichten aus Medien wie The New York Times und The Guardian) steht Frankreich vor einer Phase wirtschaftlicher Stagnation, hoher Schulden und politischer Instabilität. Das Land kämpft mit einem Budgetdefizit von rund 5,8–6,1 % des BIP (2024), das sich 2025 auf etwa 5,6 % einpendeln soll, und einer Staatsverschuldung, die auf 114–118 % des BIP ansteigt. Das BIP-Wachstum wird für 2025 auf nur 0,6 % prognostiziert, beeinträchtigt durch fiskale Kürzungen, Handelsunsicherheiten und geopolitische Risiken. Die Regierung unter Premierminister François Bayrou steht vor dem Kollaps durch Misstrauensvoten, da Oppositionsparteien (von Links bis Rechtsextrem) Sparpläne ablehnen, die 44 Milliarden Euro einsparen sollen. Zinsen für Staatsanleihen steigen auf 3,5 %, höher als in Griechenland, und es gibt Warnungen vor einem möglichen IWF-Eingriff. Diese Lage erinnert an Becketts Endspiel: Frankreich scheint in einem «Endspiel» seiner Finanzpolitik gefangen, mit repetitiven Krisenzyklen, gegenseitiger Abhängigkeit und scheinbarer Unfähigkeit zur Veränderung. So gereizt war die Stimmung in Frankreich seit langem nicht. Wenige Tage vor der Vertrauensabstimmung am 8. September, die der Regierungschef François Bayrou wohl verlieren wird, formiert sich der Widerstand gegen seine Sparpläne. Selbst die Rentner fühlen sich mittlerweile angegriffen. Frankreichs Schuldenkrise spitzt sich zu: Droht der erste «Shutdown à la française»? Steigende Bond-Renditen in Frankreich (und anderswo) machen die Anleger nervös. Doch auch wenn François Bayrous Regierung stürzt, wird das Land sein Schuldenproblem nicht los.

Diese Woche sind die Franzosen nach langen Sommerferien an die Arbeit zurückgekehrt. Sie erleben einen Kaltstart, denn die diesjährige «Rentrée» wird von politischem Chaos und Massenprotesten geprägt sein. Ähnlich wie Ende 2024 steckt das Land wieder in einer Regierungskrise. Premierminister François Bayrou könnte am 8. September nach kaum einem Jahr im Amt vor dem Aus stehen. Grund sind die Schuldenkrise des Landes und Bayrous Versuch, das enorme Staatsdefizit in den Griff zu bekommen. Die Chancen, dass er sein 44-Milliarden-Euro-Sparpaket mit Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen durchbringt, sind gering. Ohne politisches Mandat ist es gänzlich chancenlos. Deshalb hat er dem Parlament die Vertrauensfrage gestellt. Dass er diese besteht, ist angesichts der fehlenden Mehrheiten in der Assemblée nationale unwahrscheinlich. Natürlich macht die aussichtslose Ausgangslage die Finanzmärkte nervös. Der Risikoaufschlag zehnjähriger französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen schnellte diese Woche rund 80 Basispunkte in die Höhe. Damit notieren die Risikoaufschläge nur knapp unter dem Höchststand von November 2024. Damals befand sich Bayrous Vorgänger Michel Barnier im Budget-Streit und wurde per Misstrauensvotum schliesslich abgewählt. Die Entwicklung von Anleihen-Spreads ist ein verlässliches Signal für die Nervosität und das Risikobewusstsein der Finanzmärkte. Die Situation ist noch nicht so dramatisch wie im vergangenen Jahr, doch das Grundproblem mit dem ausufernden Staatsdefizit bleibt ungelöst. Für Frankreich wird es immer teurer, das Staatsdefizit zu finanzieren.

Doch nicht nur in Frankreich sind die Investoren wegen der wachsenden Staatsdefizite nervös. Die Renditen für japanische Staatsanleihen mit 30 Jahren Laufzeit erreichten diese Woche mit 3,28 Prozent einen Höchstwert. Die entsprechenden britischen Schuldpapiere (Gilts) haben derzeit so hohe Renditen wie nicht mehr seit 1998. Japan ist vor Griechenland und Italien das am stärksten verschuldete Land der OECD. Wenn sich Investoren Sorgen um ihre Anlagen machen, fordern sie eine grössere Entschädigung – die Renditen steigen. Steigen die Zinsen, dann wird es für das Land teurer, sich zu verschulden. Auch in den USA kratzen diese Woche die Renditen 30-jähriger Staatsanleihen wieder an der 5-Prozent-Marke – ein Zeichen der Nervosität. Auch hier belasten die Fiskalpolitik, aber auch Donald Trumps Angriffe auf die Unabhängigkeit der US-Zentralbank. Dass sich die Lage besonders in Frankreich zuspitzt, zeigt die verlangte Prämie für langlaufende Staatsschulden. Diese sogenannte Laufzeitprämie ist der zusätzliche Ertrag, den Investoren verlangen, um langfristige Anleihen (über 30 Jahre) im Vergleich zu kurz laufenden (über 3 Monate) zu halten. Je mehr Risiken sie in der Zukunft sehen, desto stärker wollen sie für das eingegangene Risiko entschädigt werden. Im Fall von Frankreich ist die Laufzeitprämie in letzter Zeit stark angestiegen. Das legt nahe, dass Anleger wenig Vertrauen haben, dass Frankreich das Staatsdefizit in den Griff bekommt.

Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist in Frankreich aber eine gewisse Gelassenheit zu vernehmen. Politische Blockaden und jährliche Regierungswechsel gehören offenbar zur neuen Normalität. Auch dass die Grande Nation schon länger höhere Schuldzinsen entrichten muss als Griechenland, bringt niemanden mehr aus der Ruhe. In Frankreich scheint man sich an südeuropäische Verhältnisse zu gewöhnen.

Verliert Bayrou kommende Woche das Vertrauen des Parlaments, würde die dritte französische Regierung innerhalb eines Jahres fallen. Präsident Emmanuel Macron müsste den fünften Premierminister in seiner zweiten Amtszeit suchen. Doch auch ein erneuter Regierungswechsel wird das Schuldenproblem nicht lösen. Gemäss Daten des französischen Statistikamtes Insee betrug die Schuldenbelastung Ende März rund 114 Prozent des BIP, Tendenz steigend. Der IWF prognostiziert, dass Frankreich bis 2030 stärker verschuldet sein wird als Griechenland. Zudem lahmt die Wirtschaft. Die Inlandproduktion ist rückläufig, die Arbeitslosigkeit ist seit Anfang 2023 wieder auf dem Vormarsch. Das Land ist dabei, wirtschaftlich in die europäische Peripherie abzurutschen.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
Samuel Beckett