WIE WIRKLICH IST DIE WIRKLICHKEIT?

Paul Watzlawick, der österreichisch-amerikanische Kommunikationswissenschaftler, Philosoph und Psychologe, zeigt in seinen Schriften, wie sehr unsere Wahrnehmung der Realität durch Kommunikation, Sprache und soziale Interaktion geformt wird. Er argumentiert, dass es keine objektive Realität gibt, sondern dass diese subjektiv konstruiert wird. Watzlawick zeigt, dass unsere Wahrnehmung der Welt nicht die Realität selbst widerspiegelt, sondern dass diese durch unsere Sinne, Sprache und kulturellen Prägungen gefiltert wird. Wir erschaffen unsere Wirklichkeit gleichsam durch Interpretation, ohne dies allerdings selber zu erkennen. Für die Konstruktion von Realität zentral ist dabei die Kommunikation, und zwar verbal wie non-verbal, wobei Watzlawick zugleich zwischen Inhalts- und Beziehungsebene in der Kommunikation unterscheidet. Missverständnisse entstehen, wenn diese Ebenen verwechselt werden (zum Beispiel, wenn eine Aussage ironisch gemeint ist, aber wörtlich zu verstehen ist). Ausserdem beeinflussen Erwartungen und Annahmen, wie wir die Realität wahrnehmen und gestalten. Wenn wir glauben, dass etwas wahr ist, handeln wir oft so, dass es wahr wird. Darüber hinaus analysiert Watzlawick, wie paradoxe Kommunikation (im Sinne von «Sei spontan!») Verwirrung oder psychische Probleme auslösen kann. Er zeigt, wie Menschen wie etwa der österreichisch-tschechische Schriftsteller. Franz Kafka in dysfunktionalen Kommunikationsmustern gefangen sein können, die ihre Wahrnehmung verzerren. Als Vertreter der systemischen Therapie betont Watzlawick, dass Verstehen und Veränderung der Kommunikationsmuster helfen können, Probleme zu lösen. Es geht weniger um die «Wahrheit», sondern darum, wie Menschen ihre Realität praktisch gestalten.

Wie wenig Menschen ihre Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen in der Lage sind, um so die Rolle von Kommunikation in der Gestaltung der Realität zu erkennen, hat sich auch für die weinig aufmerksamen Zeitgenossen letzte Woche gezeigt.

Vor allem der Mord an Charlie Kirk wirft unangenehme Fragen auf, die auch das linksgrüne Milieu in Deutschland betreffen. Also wird versucht, ihn post mortem zu diffamieren und die Debatte auf das US-Waffenrecht zu lenken. Einmal mehr scheint es damit so, dass ein nennenswerter Teil der politischen Linken in Deutschland entweder nicht willens oder nicht fähig ist, selbst angesichts der Ermordung eines 31-jährigen Familienvaters, der zwei kleine Kinder hinterlässt, die Contenance zu wahren. Nicht nur dahingehend, sich nicht darüber zu freuen, wenn Menschen ermordet werden. Sondern auch dahingehend, auf Framing zu verzichten und zu diskutieren, was wirklich zu diskutieren wäre. Oder wenigstens – anders als ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen – keinen Blödsinn zu verbreiten. Der hat dieser Tage bei Markus Lanz nämlich wahrheitswidrig behauptet, Kirk habe gefordert, Homosexuelle zu steinigen, und Angst vor schwarzen Piloten geäussert. Diese Aussagen sind zwar gefallen. Allerdings war das ein Bibelzitat, das Kirk in einer Argumentationskette zitierte. Und nein, er forderte bei der Gelegenheit nicht, es in die Tat umzusetzen. Das wäre auch seltsam gewesen, denn sein Standpunkt war dieser: Sexuelle Orientierung ist zweitrangig, wichtiger ist, welcher Mensch du bist. Und das mit dem schwarzen Piloten wiederum war eine Aussage, die im Zuge einer Kritik an Quotenregelungen fiel.

Theveßen hat also Unsinn erzählt. Und die Frage drängt sich auf: Warum bloss? Gleiches Versagen im ZDF «heute journal»: «Kirks Ermordung ist durch nichts zu rechtfertigen», so Moderatorin Dunja Hayali, die schon mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden ist, bevor sie nachschob, dass Kirk durch «abscheuliche, rassistische, sexistische und menschenfeindliche Aussagen» aufgefallen war – und ihn einen «radikal-religiösen Verschwörungsanhänger» nannte. Dunja Hayali moderiert mit scheinbarer Ausgewogenheit, nur um sofort umzuschwenken. Wer so argumentiert, legitimiert indirekt die Dehumanisierung von Andersdenkenden, an deren Ende in ANTIFA-Logik auch bewaffneter Widerstand legitim ist. Das Muster, wonach Opfer diskreditiert und Täter indirekt entschuldigt werden, durchzieht die Berichterstattung und deutet auf eine Krise des deutschen Journalismus hin, in welchem sich Pietätlosigkeit, die Linksextremwerdung der angeblichen Mitte und Framing-Besessenheit die Klinke geben: Journalisten sehen in Rechten keine Menschen, sondern Monster, die es selbst nach ihrem Versterben zu diffamieren gilt. Die Einlassungen Hayalis und Theveßens sind nicht nur vor dem Hintergrund fatal, dass es sich um zwei der bekanntesten Gesichter des ZDF (und deutschen Journalismus) handelt – sondern auch, weil ihre Auftritte bei «ZDF heute» und «Markus Lanz» von Millionen von Menschen geschaut werden, die nicht in Debatten drinstecken, sondern die Postulierungen für bare Münze nehmen. In dieser apokalyptischen Blase malen sie die USA als faschistischen Albtraum, in dem Wahlen, Gerichte und Parlamente blosse Fassaden seien. Die Ausführungen sind natürlich ein Zerrbild, das ignoriert, dass Trump 2025 gewählt wurde, Institutionen funktionieren und keine Massenverhaftungen oder Zensur herrschen. Aber noch was anderes fällt auf: Der Wille, den Mord an Kirk in einen grösseren «Faschismus»-Kontext einzubetten, entspringt nicht nur einem Wahn, sondern verschiebt den Fokus von womöglich politisch motivierter Ermordung zu einem «Kampf gegen rechts». Wenig verwunderlich und passend dazu warnte man auf Phoenix, einem ARD-Kanal, vor Gewalt von Rechten – nach einem Anschlag auf einen Rechten. In dem Festhalten an althergebrachten Weltbildern und der Lüge in Leitmedien lässt sich ein Elitenkollaps feststellen, der für kritisch denkende Menschen Politikverdrossenheit und Medienmisstrauen kultiviert. Anti-Rechts-Ideologie verhindert Neutralität und macht immer deutlicher: Mit ideologiegetriebenen Journalisten ist kein «common ground» zu finden. Ihr Anti-Rechts-Wahn ist kontrafaktisch, verzerrt Wirklichkeiten bis zur böswilligen und infamen Unkenntlichkeit. In letzter Konsequenz demonstriert er, wie wenig Leitmedien heute die Wirklichkeit noch erreichen.

Christoph Frei, Akademisches-Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
M.C. Escher