ALLE KRETER LÜGEN

Wie lässt sich das Paradoxon des Satzes «Alle Kreter lügen» aufschlüsseln? Falls der Satz wahr ist: Wenn alle Kreter lügen und der Kreter die Wahrheit sagt, dass alle Kreter lügen, dann lügt er nicht, was einen Widerspruch darstellt. – Falls der Satz falsch ist: Wenn der Kreter lügt, dann bedeutet das, dass nicht alle Kreter lügen, was wiederum bedeutet, dass es Kreter gibt, die die Wahrheit sagen. In diesem Fall wäre der Kreter, der den Satz sagt, ein Wahrheitssprecher, was ebenfalls einen Widerspruch erzeugt. Die Paradoxie dieses Satzes besteht darin, dass sich nicht vernünftigerweise behaupten lässt, er sei wahr oder falsch. Angenommen er wäre falsch: Dann würde das zutreffen, was der Satz selbst behauptet, und er müsste also wahr sein. Nehmen wir aber an, er sei wahr, dann trifft das, was der Satz behauptet, nicht zu, was bedeutet, dass er falsch ist. Der Satz «Alle Kreter lügen» bezieht sich auf sich selbst, was die Ursache des Paradoxons ist. Ein ähnliches Beispiel ist der Satz «Dieser Satz ist falsch». Die Selbstreferenz in der Sprache tritt auf, wenn eine Aussage sich selbst thematisiert oder über sich selbst spricht. Im Beispiel «Dieser Satz ist falsch» spricht der Satz über seine eigene Wahrheit oder Falschheit, was zu einer paradoxen Situation führt, da er weder wahr noch falsch sein kann. Auch im Beispiel «Alle Kreter lügen» bezieht sich der Satz auf den Wahrheitsgehalt der Aussage, indem er impliziert, dass der Sprecher selbst lügt oder die Wahrheit sagt, was zum logischen Paradox führt. – (In abgewandelter Form wächst Pinocchios Nase bekanntlich genau dann, wenn er lügt. Was passiert aber, wenn er sagt «Meine Nase wächst gerade»?)

«Wir wissen, dass sie lügen, und sie wissen, dass wir wissen, dass sie lügen», ein Satz aus Stephen Carters Roman «The Confidence Game» wird oft zitiert, um die Dynamik von Vertrauen und Täuschung in politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Kontexten zu veranschaulichen, insbesondere wenn es um die Transparenz von Informationen oder die Wahrhaftigkeit von Akteuren geht. Prominente Beispiele für Lügen im öffentlichen Raum sind sicher die COVID-19-Krisenstabsprotokolle des Robert Koch-Instituts, die wider besseres Wissen von einer «Pandemie der Ungeimpften» sprachen, aber auch die Lügen und die politischen Manipulationen im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg 2003. Die Hauptbegründung der USA und Großbritanniens für den Einmarsch war die Behauptung, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen (MVW) verfügte und diese eine Bedrohung darstellten. Dies wurde durch Berichte und Aussagen von Geheimdienstquellen unterstützt, die später als falsch oder überzeichnet entlarvt wurden. Andere Beispiele heissen «Dolchstosslegende», «Watergate-Affäre», «Lewinsky-Skandal» oder «Pentagon Papers».

Naturgemäss ist das Thema von Lüge, Täuschung und Blendwerk auch ein zentraler Leitgedanke in der Literatur. So steht in William Shakespeares Tragödie «Othello» das Verhältnis zwischen Jago und Othello im Zentrum des Dramas und ist entscheidend für den Verlauf der Handlung und das tragische Ende des Stücks. Jagos Verhalten gegenüber Othello basieren auf Neid, Rache und einem düsteren Vergnügen an der Manipulation. Er ist wütend darüber, dass Cassio an seiner Stelle befördert wurde, und er hasst Othello, obwohl er vorgibt, loyal zu sein. Jago, ein Meister der Intrigenspiele, nutzt Othellos Unsicherheiten, insbesondere in Bezug auf seine Beziehung zu Desdemona, um Othello gegen Cassio und schliesslich gegen Desdemona selbst aufzuhetzen. Jago pflanzt in Othello den Samen des Zweifels an Desdemonas Treue, indem er Othello glauben lässt, dass sie ihn betrügt. Er manipuliert Beweise, zitiert falsche Gespräche und inszeniert Situationen, um Othellos Eifersucht und Misstrauen zu schüren. In Shakespeares anderer bekannten Tragödie «Macbeth» spielen Fälschung, Irreführung und Verstellung ebenfalls eine zentrale Rolle. Das Stück handelt vom schottischen Heerführer Macbeth, der durch drei Prophezeiungen von drei Hexen dazu verführt wird, König zu werden. Die Prophezeiungen setzen eine Kette von Ereignissen in Gang, die Macbeths moralischen Verfall und seinen Sturz inszenieren. Bezeichnenderweise beginnt der Text mit der Aussage «Fair is foul and foul is fair», geäussert von den drei Hexen in der ersten Szene des ersten Akts.

Als Wahrheitshüterin gilt für viele die Wissenschaft, da sie bei der Erlangung ihrer Erkenntnisse möglichst nichts miteinbezieht, was ausserhalb ihrer selbst liegt. Sie ist bestrebt, mit dem Massstab der Objektivität zu arbeiten, um zu intersubjektiv verifizierbaren Ergebnissen zu gelangen. Ihre Aussagen stützen sich auf empirische Beweise und Daten. Die systematische Erhebung und Analyse von Tatsachen unterscheidet sie von anderen Disziplinen und reduziert die Wahrscheinlichkeit von Fehlschlüssen oder absichtlichen Täuschungen. Durch ständige Selbstkorrektur ist sie darauf ausgerichtet, bestmögliche Erkenntnisse über die Realität zu generieren, ohne dabei vorsätzlich zu täuschen. Auch Literatur und Kunst lügen nicht im klassischen Sinne, denn sie verfolgen keine Täuschungsabsicht. Stattdessen erschaffen sie Fiktionen, die tiefere Wahrheiten über die Welt und uns selbst offenbaren. Wie Picasso sagte: «Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt.» Literatur und Kunst arbeiten zwar mit Schein und Imagination, um neue Perspektiven zu ermöglichen, ohne allerdings Anspruch auf objektive Wahrheit zu erheben. Vielmehr heben sie die Trennung zwischen Wahrheit und Lüge auf, indem sie Fiktion als Mittel der Erkenntnis nutzen.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
Der Lügenbaron Münchhausen