DAS ENDE EINER WELT
«Die Welt von Gestern» ist ein autobiografisches Werk Stefan Zweigs. Die «Erinnerungen eines Europäers», wie es im Untertitel heisst, entstanden kurz vor seinem Tod in den letzten Jahren seines Exils und erschienen postum 1942 in Kooperation der Verlage Hamish-Hamilton London und Bermann-Fischer in Stockholm. Zweig meldet sich als Zeitzeuge zu Wort, der belegt, wie es einmal war und wie es nie wieder werden kann. Es ist eine Welt von Gestern, die Zweig heraufbeschwört: das Wien der 1920er Jahre, das »goldene Zeitalter der Sicherheit«, das von einer Stimmung des Aufbruchs und der kulturellen Freiheit beflügelt war. Diese Zeit endete, als sich in den 1930er Jahren die Schatten des Faschismus über Europa legten. Zweig ging ins Exil, doch seine Erinnerung an die Welt von Gestern blieb. Er schildert seine Kindheit und Jugend in Wien, einer pulsierenden Metropole der Kunst und Kultur, und zeichnet ein lebendiges Bild der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Konventionen, ihrer scheinbaren Stabilität und ihrem unerschütterlichen Fortschrittsglauben. Zweig lässt die Leser teilhaben an seiner intellektuellen Entwicklung, seinen Begegnungen mit bedeutenden Künstlern und Schriftstellern seiner Zeit und seinen Reisen durch ein Europa, das von kultureller Vielfalt und einem Gefühl der Zusammengehörigkeit geprägt war. Er beschreibt die Aufbruchsstimmung des Fin de Siècle, die Blütezeit von Literatur, Musik und Theater, aber auch die unterschwelligen Spannungen und politischen Entwicklungen, die schliesslich in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs mündeten. Mit dem Ausbruch des Krieges zerbricht diese scheinbar so sichere Welt. Zweig erlebt den nationalistischen Taumel, die Gräuel des Krieges und den allmählichen Verlust der europäischen Einheit. Er thematisiert die Inflation, die politischen Unruhen und den Aufstieg totalitärer Ideologien, die das Antlitz Europas für immer verändern sollten. Stefan Zweigs Memoiren sind das Gemälde einer verlorenen Zeit, als deren «seltsames Überbleibsel» er sich selbst einmal genannt hat.
Ähnlich wie Zweig die Auflösung einer scheinbar sicheren und stabilen Welt durch den Ersten Weltkrieg erlebte, sehen wir uns heute mit einer Reihe von Krisen konfrontiert, die das Fundament unserer gegenwärtigen Weltordnung erschüttern. Der Glaube an einen linearen Fortschritt und eine unaufhaltsame Globalisierung ist ins Wanken geraten. Während Zweigs Zeitenwende primär durch einen grossen Krieg und den Zusammenbruch politischer Systeme ausgelöst wurde, ist die heutige Zeitenwende komplexer und vielschichtiger. Sie wird von einer Kombination aus geopolitischen, ökologischen, technologischen und sozialen Faktoren getrieben. Dass wir uns in einer Phase tiefgreifender Transformation befinden, in der alte Gewissheiten verloren gehen und neue Realitäten entstehen, lässt sich allerdings nicht übersehen.
Zu einem ähnlichen Schluss gelangt auch der US-amerikanische Hedgefonds-Manager Ray Dalio im New York Times Bestseller «The Changing World Order: Why Nations Succeed and Fail», ein Text, der sich mit den Ursachen für den Aufstieg und Fall von Nationen beschäftigt. Dalio verwendet dabei historische Analysen und wirtschaftliche Prinzipien, um die komplexen Mechanismen hinter dem Erfolg und dem Scheitern von Nationen zu erklären. In der bemerkenswerten Untersuchung nimmt Dalio die Leser mit auf seine Studie über die Imperien – einschliesslich des holländischen, britischen und amerikanischen – und rückt den »grossen Zyklus«, der die Erfolge und Misserfolge aller bedeutender Länder der Welt im Laufe der Geschichte bestimmt hat, ins rechte Licht. Ausgangspunkt war dabei ein Zusammentreffen politischer und wirtschaftlicher Bedingungen, mit denen Dalio zuvor noch nie konfrontiert war. Dazu gehörten enorme Schulden und Null- oder nahezu Nullzinsen, die zu massivem Gelddrucken in den drei wichtigsten Reservewährungen der Welt führten; politische und soziale Konflikte innerhalb von Ländern, insbesondere den USA, aufgrund der grössten Ungleichheiten in Bezug auf Wohlstand, Politik und Werte seit mehr als 100 Jahren; und der Aufstieg einer Weltmacht (China), die die bestehende Weltmacht (USA) und die bestehende Weltordnung herausfordert. Das letzte Mal, dass dieser Zusammenfluss stattfand, war zwischen 1930 und 1945. Diese Erkenntnis veranlasste Dalio dazu, nach den sich wiederholenden Mustern und Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu suchen, die allen bedeutenden Veränderungen im Hinblick auf Wohlstand und Macht in den letzten 500 Jahren zugrunde liegen.
Auch «The Fourth Turning», eine Untersuchung von William Strauss und Neil Howe, beschreibt eine Theorie der zyklischen Geschichte, die die Entwicklung der Gesellschaft in wiederkehrenden Phasen darstellt. Die beiden Autoren identifizieren dabei vier wiederkehrende Phasen oder «Turnings», die sich etwa alle 80-90 Jahre wiederholen. Interessanterweise sagten sie in den 1990er-Jahren voraus, dass im Jahr 2020 eine solche Krise stattfinden würde. Diese Vorhersage basierte auf einem historischen Muster, das die beiden während ihrer Forschung entdeckt hatten. Gemeinsam mit seinem Kollegen William Strauss fand Howe heraus, dass signifikante Veränderungen in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern eng mit Generationenwechseln verbunden waren. Sie bemassen die Dauer einer Generation mit 20 bis 23 Jahren. Nach der Generationentheorie von Strauss und Howe erleben viele Länder alle vier Generationen entscheidende Veränderungen. Darüber hinaus argumentieren sie, dass nach Ablauf dieser Periode eine radikale Transformation der gesellschaftlichen und politischen Strukturen erfolgen werde. Vor dieser Transformation ist der Winter. «Winter is coming», der Ausdruck aus «Game of Thrones», symbolisiert sowohl die bevorstehende Gefahr als auch die Härten der letzten Wende. Der Winter ist der Zeitpunkt, an dem politische und soziale Krisen entstehen. Ausserdem glauben die Autoren, so wie Ray Dalio auch, dass der vierte und letzte Zyklus häufig mit Kriegen oder bewaffneten Konflikten endet.
Natürlich liesse sich ein solcher Schluss nicht ziehen, hätten die Autoren ein lineares Weltbild vorausgesetzt, zumal dann, bei Betrachtung gegenwärtiger Krisen und scheinbar auswegloser Katastrophen, der Rubikon überschritten wäre. Dann wäre das «Kind tatsächlich in den Brunnen gefallen», dann wäre der letzte «Drop gelutscht» und das «letzte Kapitel geschrieben». «Noch aber bist Du da», wie es in einem Gedicht von Rose Ausländer heisst, «noch darfst du lieben / Worte verschenken / noch bist du da / Sei was du bist / Gib was du hast.»
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
Neist Point, Skye
by David and Lynn

