DER GUTE MENSCH VON SEZUAN
Bertold Brechts Parabel «Der gute Mensch von Sezuan», verfasst im Exil zwischen 1938 und 1941, ist des Autors meistgespieltes Drama, ein Theaterstück wie aus dem Lehrbuch, das am 4. Februar 1943 am Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Leonard Steckel uraufgeführt wurde. Der Text erschien 1953 als Erstausgabe in einem Sammelband der Reihe «Versuche» des Suhrkamp Verlags in Frankfurt am Main. Anhand der Zerreissprobe der jungen Prostituierten Shen Te in der fiktiven chinesischen Provinz Sezuan demonstriert Brecht die Unvereinbarkeit von Moral und ökonomischem Eigennutz in einer ausbeuterischen Gesellschaft. Ausgangspunkt sind drei Götter auf Reisen, die beweisen wollen, dass auch gute Menschen auf der Erde leben. Wörtlich heisst es im Vorspiel auf dem Theater: «Die Welt kann bleiben, wie sie ist, wenn genügend gute Menschen gefunden werden, die ein menschenwürdiges Dasein leben können.» In zwei Provinzen haben die Götter vergeblich gesucht. Selbst Wang, der Wasserverkäufer, scheidet aus, er ist kein guter Mensch: Die Götter finden heraus, dass sein Wassermessbecher einen doppelten Boden hat. Immer mehr Leute weisen Wang auf der Suche nach einem Nachtlager für die Götter ab. Schliesslich sagt Wang, nun bleibe nur noch die Prostituierte Shen Te übrig, die könne nie Nein sagen. Und tatsächlich: Shen Te heisst die Götter willkommen. Aus Dankbarkeit und um ihre gute Gesinnung zu prüfen, schenken die Götter ihr anderntags über tausend Silberdollar. Mit diesem Geld kauft Shen Te einen kleinen Tabakladen, um ihre Existenz zu sichern und fortan nur noch Gutes zu tun. Doch ihre Hilfsbereitschaft und ihr gutes Herz werden schnell von ihrer Umgebung ausgenutzt. Verwandte, Bekannte und angebliche Gläubiger nisten sich bei ihr ein und bringen sie an den Rand des Ruins. Um ihr Geschäft und ihre Existenz zu retten, erfindet Shen Te ein Alter Ego: den skrupellosen und profitorientierten Vetter Shui Ta. Immer wenn die Situation es erfordert, verwandelt sich die weichherzige Shen Te in den hart durchgreifenden Shui Ta. Während Shen Te die Armen und Bedürftigen unterstützt, sorgt Shui Ta mit eigennütziger Geschäftstüchtigkeit für Ordnung und treibt das Unternehmen voran. Diese Doppelrolle führt zu einem inneren Konflikt für Shen Te, die zwischen ihrem Wunsch, Gutes zu tun, und der Notwendigkeit, sich und ihr ungeborenes Kind zu schützen, hin- und hergerissen ist. Vor einem Gericht, bei dem die drei Götter als Richter fungieren, offenbart Shen Te schliesslich ihre doppelte Identität. Die Götter sind jedoch mit der Komplexität der Situation überfordert. Anstatt eine Lösung für das Dilemma anzubieten, in das sie Shen Te mit ihrem Gebot der Güte gestürzt haben, flüchten sie sich in ihre himmlische Welt zurück und preisen Shen Te weiterhin als «den guten Menschen von Sezuan». Das Stück endet mit einem offenen Schluss und dem Appell an das Publikum, selbst eine Lösung für das ungelöste Problem zu finden.
Auf der Folie geopolitischer Spannungen kann Brechts universelle Parabel als Spiegel für Situationen gelesen werden, in denen wirtschaftlicher Druck, globale Machtverhältnisse oder internationale Konkurrenz einzelne Länder, Regionen oder soziale Gruppen in Notlagen versetzen. Diese Konstellationen zwingen Menschen und Staaten dazu, ethische Prinzipien gegen das eigene Überleben oder nationale Interesse abzuwägen. Brecht zeigt, wie äussere Machtverhältnisse und Abhängigkeiten (zum Beispiel von wirtschaftlichen Ressourcen, internationalen Märkten oder politischen Allianzen) den Spielraum für Moralität einschränken und ausbeuterisches, egoistisches Verhalten fördern. Der Glaube an universale moralische Instanzen wie die Götter im Stück scheitert an konkreten Machtverhältnissen, gleichwie internationale Werteordnungen unter dem Druck von Konflikten, Wirtschaftsinteressen und Machtpolitik oftmals ignoriert werden.
So präsentiert sich uns heute eine Welt, in der Staaten durch die erfolgende Globalisierung als internationale Akteure massiv an Bedeutung verlieren. Begrifflich lassen sich die Verwerfungen der Gegenwart kulturpolitisch mit zwei grossen Deutungsmustern oder Erzählungen vergleichen. Wann und wo Shen Te und Shui Ta die Rollen getauscht haben, ist nur schwer auszumachen, doch dass ein Machtwechsel stattgefunden hat, zeigte sich nachträglich vielleicht nirgendwo deutlicher als an den Wirtschaftsreformen Javier Mileis im Vergleich zu den Vorgängern. Während frühere Regierungen auf hohe Staatsausgaben, starke Subventionen, Preiskontrollen und einen grossen öffentlichen Sektor setzten, orientieren sich Mileis Massnahmen an massiven Einsparungen, Privatisierungen und Deregulierung. Als wäre er Shui Ta kürzte Milei die öffentlichen Ausgaben um real etwa 30 %, schaffte oder fusionierte eine Vielzahl von Ministerien und Behörden und entliess mehrere zehntausend Staatsangestellte. Seine Vorgänger hatten den Staatssektor und die Zahl der Staatsbediensteten, unter anderem durch Sozialprogramme und Subventionen, stetig erweitert. Milei kürzte Subventionen und Sozialausgaben drastisch. Die Vorgängerregierungen setzten auf ein dichtes Netz an Sozialtransfers, Preiskontrollen und Subventionen, um sich Kaufkraft und politische Unterstützung zu sichern. Milei privatisierte staatliche Unternehmen und schaffte über 200 Regulierungen ab. Diese Massnahmen sollten Bürokratie abbauen und marktwirtschaftliche Dynamik fördern; Vorgängerregierungen hatten viele staatliche Betriebe kontrolliert und die Wirtschaft stark reguliert. Erstmals seit Jahren erzielte Milei einen Haushaltsüberschuss (Primärüberschuss) und drückte die monatliche Inflationsrate von 25,5 % im Dezember 2023 auf etwa 2–4 % im Frühjahr/Sommer 2025. Vor seiner Amtsübernahme herrschten langanhaltende hohe Inflation und Haushaltsdefizite durch eine populistische Ausgabenpolitik. Aktuell findet der Richtungswechsel in Argentinien seine Entsprechung in der Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Anders entschieden hat sich demgegenüber Deutschland. So plant die deutsche Bundesregierung für das Jahr 2025 eine erhebliche Neuverschuldung von insgesamt 143 Milliarden Euro. Diese Summe setzt sich aus der Kreditaufnahme für den Kernhaushalt sowie aus den Ausgaben für verschiedene Sondervermögen zusammen. Trotzdem muss ein 172 Mrd.-Loch im Haushalt, so der Bundesminister der Finanzen Lars Klingbeil, mit Steuererhöhungen gestopft werden.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
KI generated by GROK

