DER LETZTE FAHRGAST
In der Erzählung «Der Große Fall», erschienen 2011, schildert der österreichische Schriftsteller Peter Handke einen Tag im Leben eines gealterten Schauspielers – vom Aufwachen morgens im Haus einer Frau, die ihn liebt, seinem Weg in die nahe Grossstadt durch Wiesen, Wälder und kleine Vorstadtorte über den Stadtautobahngürtel bis ins Zentrum der »Kapitale«, wo er abends einen Preis erhalten soll und die Frau wiedersehen möchte. Beides kommt nicht zustande, dagegen ereignet sich, während er am Platz vor einer Kathedrale steht und die ihn erwartende Frau betrachtet, der »Große Fall«. Die Erzählung beginnt mit den Worten «Jener Tag, der mit dem Große Fall endete, begann mit einem Morgengewitter.» und schliesst mit den Worten: «Er stand, und stand, und stand. Dritter Hunger, der grosse. Zeit für den zweiten Sanften Lauf. Statt dessen der Große Fall.» Zwar steuert der Tag des Schriftstellers von Anfang an erzählerisch auf den »Großer Fall« zu, seine Bedeutung bleibt jedoch offen. Der Begriff »Großer Fall« könnte aus dem christlich-metaphysischen Kontext entlehnt sein und auf die Verlorenheit der Menschen und den Tod verweisen oder das Leben als Tragödie umschreiben. «Es war eine Endzeit. Aber man hatte sich an sie gewöhnt. Sie würde nie enden.» Diese drei Sätze aus der Mitte des Textes scheinen eine apokalyptische Zustandsbeschreibung zu liefern, wie sie kaum treffender für die vielleicht nur scheinbar nicht-apokalyptische Gegenwart des Lesers sein könnte. Nach den grossen Utopien, den epochalen Umbrüchen und den weltbewegenden Katastrophen sind wir in einer Zeit angekommen, die dadurch gekennzeichnet ist, dass in ihr alle Epochen und Utopien an ein Ende gelangt sind. Der Gang des Schriftstellers aus dem Haus durch die Natur in die Vororte und schliesslich in das Stadtzentrum wird zu einem Vorlaufen in die Endzeit. Die erzählte Zeit des Romans ist in der Zukunft angesiedelt. In dieser Zukunft herrscht Krieg in dem Land, in dem sich der Schauspieler als Fremder aufhält. Genau genommen bricht dieser Krieg gerade aus, als der Schauspieler das Stadtzentrum erreicht. Schon zuvor hatte er jedoch erkannt: «Die Zeit der Geschichte vom Großen Fall war die der großen und kleinen Kriege.» Der Krieg ist allerdings lediglich von den Medien konstatiert; ob er wirklich stattfindet, bleibt unklar. Was allerdings durch die Medien erreicht wird, ist eine Art «Kriegszustand»: Nachbarschaftskriege, oft blutig und tödlich, und kleinere bürgerkriegsähnliche Scharmützel entzweien die Individuen und werfen sie auf sich selbst zurück. Jederzeit ist ein Angriff möglich; der durch die Stadt wandernde Schauspieler weicht daher vor jedem Entgegenkommenden aus und entkommt Attacken auf sich mehrfach mit knapper Not. Der Krieg ist zu einem Seinsmodus geworden, niemand entzieht sich ihm, auch der Schauspieler nicht, der in seinen Gedanken mit der Welt, der Kultur und den Menschen abrechnet. Wirklich konkret wird Handke nie, um die mögliche Metaphorik, die Parabelhaftigkeit seiner Figur und ihrer Bewegung nicht zu gefährden. Was immer dieses Buch an hellsichtigem Geheimnis birgt – es markiert die Rückwendung eines Autors zu einer Gesellschaft, der jede Mitte und jedes Mass abhandengekommen ist.
Auf dem Hintergrund des Textes zeigt sich uns heute eine Welt, die derart gespalten ist, dass fast alle aktuellen Themen, zum Beispiel an Familientreffen oder im Freundeskreis, tunlichst vermieden werden. Begrifflich lassen sich die Verwerfungen der Gegenwart mit zwei grossen Erzählungen vergleichen. Wann und wo die beiden Erzählungen ihren Anfang genommen haben, lässt sich nur schwer feststellen, dass die beiden Erzählungen jedoch wirklich auszumachen sind, zeigt sich uns jeden Tag. Vielleicht am deutlichsten am Ergebnis der amerikanischen Wahlen. Laut «Statista», der deutschen Online-Plattform für Statistik, kam der ehemalige Präsident Donald Trump auf 312 Stimmen im Electoral College und wurde damit der 47. US-Präsident. Die amtierende Vizepräsidentin und Kandidatin der Demokraten, Kamala Harris, kam auf 226 Wahlleute. In der Folge hat sich das Narrativ oder die Grosse Erzählung verändert. Plötzlich werden die Grenzen geschlossen, wird im Namen der Deregulierung ein «Department of Government Efficiency» (DOGE) unter der Leitung von Elon Musk ins Leben gerufen, wird in einem Dekret beschlossen, dass die Identität eines Menschen künftig nur noch mittels der Geschlechtszellen definiert werden soll. Ausserdem ändert sich die aussen- und handelspolitische Ausrichtung weg von einer globalen Verantwortung hin zu einer Politik, die insbesondere nationale Interessen bedient und möglichst immer die USA in den Mittelpunkt stellt. Der US-Präsident erklärt den Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation WHO, kündigt das Pariser Klimaabkommen und ernennt den Technologieunternehmer und Investor David O. Sacks zum «AI/Crypto Czar», um die USA zur «Krypto-Hauptstadt der Welt» zu machen. Gleichzeitig werden Plattformen wie Facebook, Instagram und YouTube dereguliert, wodurch zukünftig keine Fakten mehr geprüft werden. Ihre paläolibertären Besitzer fahren nach Mar-a-Lago und werfen sich vor dem neuen Präsidenten in den Staub. Die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten finden ihre Entsprechung im Rücktritt des kanadischen Premierministers Justin Trudeau und der Regierung Argentiniens unter der Führung von Javier Gerardo Milei, der diese Woche ans WEF in Davos eingeladen wurde. Aktuell zeigt sich in Europa eine vergleichbare Situation: Der «Progressivismus» verliert in Ländern wie England, Frankreich, Österreich und Ungarn, um nur die wichtigsten zu nennen. Plötzlich treten Namen wie Nigel Farage, Marine Le Pen, Herbert Kickl oder Viktor Orbán ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Allein in Deutschland diskutiert man zurzeit noch, ob die «Brandmauer» hält, angeritzt oder schon gefallen ist.
Vor meinem geistigen Auge, wie man einst gesagt hat, erscheint Europa gegenwärtig wie der letzte Fahrgast hinten zusammengekauert im allerletzten Nachtbus.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

