DER TURMBAU ZU BABEL
«Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinas und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.» So heisst es im Alten Testament der Bibel, konkret im Buch Genesis, Kapitel 11, Verse 1 bis 9, in der 2017 revidierten Übersetzung nach Martin Luther. Der Text spricht von einem Bauprojekt, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist: Einen Turm, zu bauen, der bis in den Himmel reicht – welch eine Vermessenheit! Das hat Pieter Bruegel der Ältere, der flämische Maler der Renaissance, meisterhaft ins Bild gesetzt. Seine 1563 entstandene Darstellung des Turmbaus zu Babel ist die berühmteste und hat unsere Vorstellung der biblischen Erzählung geprägt. Der sogenannte «Grosse Turmbau zu Babel», heute im Besitz des Kunsthistorischen Museums in Wien, zeigt einen Turm direkt am Meer bei einem Hafen voller Schiffe. Während das oberste Geschoss des Turms bereits in die Wolken ragt, beginnt er am Sockel zu bröckeln: Damit versinnbildlicht Bruegel die Vergänglichkeit alles menschlichen Tuns. Das Bauwerk schraubt sich spiralförmig hoch in den Himmel und ist nach links geneigt. Es wird je höher, desto schräger werden. Das Scheitern ist schon in dessen Grundkonstruktion angelegt. Denn, wie wir aus der Bibel wissen, wird es nicht gut enden mit dem ehrgeizigen Bauvorhaben: Gott fährt zur Erde nieder und bestraft den Hochmut der Menschen, indem er sie in allen Sprachen der Erde sprechen lässt, so dass keiner mehr den andern versteht. Ein wahrhaft babylonisches Sprachengewirr. Der Bau des Turms muss abgebrochen werden und die Menschen zerstreuen sich in alle Welt.
Die Darstellung des Turms ist offensichtlich vom Kolosseum beeinflusst, erkennbar an den Arkaden, welche die Fassade strukturieren. Zeitgenossen sahen Parallelen zwischen Rom und Babel. Rom, die ewige Stadt, sollte in der Vorstellung der römischen Kaiser nie untergehen. Sowohl der Niedergang Roms als auch das Scheitern des Turmbaus zu Babel sind Symbol für die Vergänglichkeit alles Irdischen und die menschliche Anmassung. Andere Reiche sind inzwischen untergegangen, nicht nur die Maya-Zivilisation, das Osmanische Reich oder das Imperium der Briten. Auch das des Heilige Römische Reich Deutscher Nation und das tausendjährige Reich Adolf Hitlers liegen in Schutt und Trümmern. Bild und Text mahnen also zur Vorsicht wie auch Bertolt Brechts «Das Lied von der Moldau», entstanden 1943 im Exil, wo sich folgende Verse finden: «Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne / Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt. / Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne / Es wechseln die Zeiten, da hilft keine Gewalt.»
In seiner «Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen» untersucht der libanesische Essayist und Forscher Nassim Nicholas Taleb unter dem Begriff der «Antifragilität» ein Konzept, das die Fähigkeit von Systemen betont, unter Stress und Unvorhersehbarkeit zu gedeihen. Gemäss seinen zentralen Gedanken, zerbrechen Fragile Systeme unter Druck, während antifragile Systeme von Unbeständigkeit profitieren. Taleb nutzt dabei das Beispiel der Hydra, deren Köpfe nach dem Abschlagen nachwachsen, um die Antifragilität zu veranschaulichen. Gesellschaftliche Systeme, einschliesslich Finanzmärkte, sind fragil, weil sie versuchen, Risiken zu eliminieren. Taleb zeigt auf, wie Individuen und Organisationen antifragiler werden können, indem sie Volatilität nicht länger zu vermeiden versuchen. Anders ausgedrückt, leben wir in einer unsicheren Welt, und das System, das sie beherrscht, hat auf dramatische Weise vorgeführt, wie zerbrechlich es ist. Und doch haben wir nichts daraus gelernt und setzen dieser Fragilität keine »Antifragilität« entgegen. Nur das Antifragile bleibt, alles andere wird verschwinden. Antifragilität ist weit mehr als Robustheit oder Resilienz. Während das Widerstandsfähige im besten Fall einen Zustand beibehalten kann, wird das Antifragile besser und besser. Und es ist immun gegenüber falschen Vorhersagen. In diesem Sinn erklärt Taleb, warum kleine Strukturen besser sind als grosse, Stadtstaaten besser als Nationen, warum Schulden uns schaden und warum das, was wir als «effizient» bezeichnen, alles andere als effizient ist. Auch wenn Talebs Beispiele das ganze Spektrum von Finanzen und Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Privatleben bedienen, verhalten wir uns nach wie vor wie Menschen, die immer wieder Tickets für den gleichen Film kaufen und uns nachher bei der Frau an der Kinokasse beschweren, dass noch immer der gleiche Film wie letzte Woche läuft. – Auch nur eine Form von Wahnsinn, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
Pieter Bruegel der Ältere
Der Turmbau zu Babel
Kunsthistorisches Museum, Wien
Antifragille: Things That Gain from Disorder | Nassim Nicholas Taleb | Talks at Google

