DER WILLLE ZUM SCHEITERN
«Es gibt ja nur Gescheitertes. Indem wir wenigstens den Willen zum Scheitern haben, kommen wir vorwärts und wir müssen in jeder Sache und in allem und jedem immer wieder wenigstens den Willen zum Scheitern haben, wenn wir nicht schon sehr früh zugrundegehen wollen, was tatsächlich nicht die Absicht sein kann, mit welcher wir da sind», heisst in es Thomas Bernhards Erzählung «Ja» aus dem Jahr 1978, in der ein namenloser Ich-Erzähler, ein zurückgezogener Naturwissenschaftler, durch das Schreiben seiner Lebensstudien seine Erinnerungen festhalten und seinen Zustand verbessern will. Allgemein gesprochen, ist das Thema des Scheiterns ein zentrales Motiv in der österreichischen Literatur und wird von zahlreichen Schriftstellern intensiv beleuchtet. Gerade Thomas Bernhard (1931–1989) ist bekannt für seine schonungslose Darstellung menschlicher Schwächen und gesellschaftlicher Missstände. In Werken wie «Ja», «Holzfällen» oder «Der Untergeher» thematisiert er das individuelle und kollektive Scheitern. Seine Protagonisten sind oft von der Unfähigkeit geprägt, ihren eigenen Ansprüchen oder den Erwartungen der Gesellschaft gerecht zu werden, was zu Isolation und Verzweiflung führt. Aber auch in Robert Musils (1880–1942) unvollendetem Roman «Der Mann ohne Eigenschaften» steht der Protagonist Ulrich im Mittelpunkt, der versucht, seinem Leben Sinn zu verleihen, jedoch immer wieder scheitert. Indem Musil über die Fragmentierung der Persönlichkeit nachdenkt, untersucht er die Schwierigkeiten, in der modernen Welt einen festen Platz zu finden. Demgegenüber beleuchtet Arthur Schnitzler (1862–1931) in seinen dichterischen Werken die Abgründe der menschlichen Seele und das Scheitern individueller Lebensentwürfe. In der «Traumnovelle» etwa wird die fragile Natur menschlicher Beziehungen und die Illusion von Kontrolle über das eigene Leben thematisiert. Auch die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926–1973) setzt sich in ihrem Roman «Malina» mit der Zerrissenheit der menschlichen Psyche auseinander. Die Protagonistin erlebt ein inneres Scheitern im Spannungsfeld zwischen Identitätssuche und gesellschaftlichen Erwartungen, was die Fragilität des Individuums in einer komplexen Welt widerspiegelt. Und die 1946 geborene Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek beleuchtet im Roman «Die Klavierspielerin» das Scheitern an gesellschaftlichen Normen und persönlichen Zwängen. Die Hauptfigur Erika Kohut ist gefangen zwischen den Erwartungen ihrer Mutter und ihren eigenen unterdrückten Sehnsüchten, was zu einem destruktiven Lebensweg führt.
Das Motiv des Scheiterns scheint sich wie ein roter Faden durch die Werke österreichischer Schriftsteller zu ziehen. Ihre Texte beleuchten die vielfältigen Facetten des menschlichen Versagens, sei es durch persönliche Schwächen, gesellschaftliche Zwänge oder die Unzulänglichkeiten des Individuums in einer verqueren Welt. Ihre literarischen Auseinandersetzungen bieten Einblicke in die menschliche Existenz und regen zum Nachdenken über Bedingungen und Bedeutungen des Scheiterns an.
Zu den Festlichkeiten, Neujahrsvorsätze zu fassen, gehört es auch, wenn die Uhr, so wie immer am 31. Dezember, Mitternacht schlägt und damit den Beginn eines neuen Jahres signalisiert, sich einen Vorsatz gesetzt zu haben, egal, ob es darum geht, das Rauchen aufzugeben, Gewicht zu verlieren, Schulden zu tilgen, mehr Kontakte zu knüpfen oder regelmässig ein Fitness-Studio zu besuchen. Für viele gehört es zum Jahreswechsel, sich Vorsätze zu fassen. Die Realität allerdings ist eine andere: Geschätzt 90 % aller Neujahrsvorsätze werden innerhalb weniger Monate wieder aufgegeben. – Solltest Du trotzdem bestrebt sein, Deine Pläne umzusetzen, empfehle ich Dir Samuel Becketts Grundgedanke aus der Geschichte «Worstward Ho» aus dem Jahr 1983. «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.» Vielleicht haben wir gerade heute Grund zur Annahme, dass Beckett selbst sein Werk wohl auf die eine oder andere Weise als Misserfolg gewertet hat. Jeder, der Beckett verehrt, sollte sich dessen bewusst sein und sich von dieser Tatsache inspirieren lassen.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
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