DESPACITO

«Der Meteor» ist neben dem «Besuch der alten Dame» und den «Physikern» Friedrich Dürrenmatts bekanntestes und erfolgreichstes Theaterstück. Der Autor erzählt darin die Geschichte vom Sterben des Literaturnobelpreisträgers Wolfgang Schwitter, der aber nicht sterben kann und immer wieder aufersteht. In seinem Sterben reisst er die Personen seines Umfelds mit in den Tod. Dürrenmatts Stück, das 1966 am Schauspielhaus Zürich mit Leonhard Steckel in der Hauptrolle uraufgeführt wurde, ist ein religionsphilosophischer Text, der das Skandalon der Auferstehung ins 20. Jahrhundert transponiert und es aus individualpsychologischer Perspektive, aus der Sicht des Protagonisten Schwitters, dramatisiert und in der Reaktion seines Umfelds beleuchtet. Es ist eigentlich eine moderne Lazarus-Geschichte. Schon als Kind soll Dürrenmatt die biblische Erzählung von Jesu Auferweckung des toten Lazarus fasziniert haben. Wie er in seiner Autobiographie «Stoffe» berichtet, habe er seinen Vater, den Pfarrer, gefragt, ob Lazarus denn habe glauben können, dass er tot gewesen sei. Damit greift der Autor 1966 aufs Neue religiöse Problemstellungen auf, die bereits sein Frühwerk charakterisiert haben.

Letztmals kam mir das Stück beim Besuch eines Privatschülers in den Sinn, den ich für die Aufnahmeprüfung in ein Zürcher Gymnasium vorbereite. Um seine schriftliche Ausdrucksfähigkeit zu fördern, habe ich begonnen, ihm die Führung eines Tagebuchs zu empfehlen. Um die Sache etwas zu vereinfachen, habe ich ein Journal, mithin eine Art Tagebuch namens «Reality Check», bestellt, das seine Wirkung, so die Selbstvermarktung des Autors, am besten entfaltet, sofern es täglich morgens oder abends gewissenhaft ausgefüllt wird. Das sollte jeweils keine fünf Minuten dauern, die Gedanken jedoch dorthin rücken, wo sie sein müssten. «Nur wenn du ganz genau weisst, wo du hinmöchtest, kannst du dieses Ziel auch ansteuern und somit erreichen. Ohne Ziele kann es zwar sein, dass wir unser gewünschtes Resultat erreichen, aber wie wir wissen, kann eben auch das Gegenteil eintreffen, wo man sich oftmals fragt, wieso die Dinge so sind, wie sie sind», heisst es zu Beginn. «Reality Check» ist also ein sogenanntes tägliches Journal, welches dabei helfen möchte, sich Klarheit zu verschaffen, wo man eigentlich hinmöchte. Im Journal kann der Nutzer jeden Tag Dinge aufschreiben, für die er dankbar ist. Des Weiteren gibt es eine Liste mit «To-dos» an den jeweiligen Tagen, und am Abend kommt es zur Tagesreflexion. Sporadisch tauchen im Reality Check Journal auch Seiten auf, bei denen der Nutzer sich durch eine Handvoll Fragen arbeiten kann, um mehr Klarheit in allen Lebenslagen zu erlangen. Das Journal soll für sechs Monate ausgelegt sein, wenn man es jeden Tag ausfüllt. Entsprechend lautete eine der ersten Fragen: «Was möchtest du im Leben ändern?» Zuerst erwartete ich, dass mein Schüler sich den Krieg oder die Armut aus dem Leben wünscht, doch zu meiner Überraschung antwortete er mit dem Satz: «Ich will den Tod abschaffen.» Ein bisschen so wie Elias Canettis lebenslanges Anschreiben gegen denselben, dachte ich mir. Bekanntlich hat Elias Canetti, ein Todfeind im wahrsten Sinne des Wortes, mit obsessiver Verbissenheit sich über Jahrzehnte hinweg gegen die Begrenztheit des menschlichen Lebens zur Wehr gesetzt. «Wer über den Tod geistreiche Dinge sagen kann, wer das über sich bringt, der verdient ihn», schreibt er am 15. Juni 1942 in sein Tagebuch. Man muss nicht Canetti heissen, um festzustellen: Der Tod, das unumstössliche Faktum, dass wir und die, die wir lieben, eines Tages sterben müssen, ist und bleibt ein Skandalon. Dieses Skandalon beim Namen genannt und auf ergebnislose Weise bekämpft zu haben, ist kein geringes Verdienst. Trotzdem haftet Canettis tragikomischer Todesbesessenheit auch ein Schuss Absurdität an. Aus diesem Grund habe ich meinen Schüler auf das bildgewaltige Filmepos «Highlander» aufmerksam gemacht, eine Fantasy-Geschichte aus dem Jahr 1986, in der die Hauptfigur Connor MacLeod, ein schottischer Clanführer, erst sterben kann, nachdem er Kurgan, einen ebenfalls Unsterblichen, enthauptet hat. Einen anderen Wiedergänger, auf den wir kamen, war natürlich Dracula aus dem gleichnamigen Roman von Bram Stocker aus dem Jahr 1897, der, als Vampir und transsilvanischer Adeliger beschrieben, in einem Schloss in den Karpaten lebt. Zu guter Letzt landeten wir beim Musikvideo «Thriller» mit Michael Jackson, einer anderen Horrorgeschichte mit Zombies, das, am 30. November 1982 veröffentlicht, als das meistverkaufte Album aller Zeiten weltweit gilt. Am meisten beeindruckten meinen Schüler die 1.030.536.672 YouTube-Aufrufe, worauf er wissen wollte, welche Videos auf YouTube bislang am häufigsten gesehen wurden. Unsere Anfrage bei Gemini, dem KI-Sprachmodell von Google, nannte «Baby Shark Dance», ein Kinder- und Volkslied aus den Vereinigten Staaten und Kanada, mit 15.400.916.623 Aufrufen sowie «Despacito», ein Song des puerto-ricanischen Sängers Luis Fonsi, mit 8.609.526.925 Aufrufen. DESPACITO, also LANGSAM, fand ich passend, um die Stunde zu schliessen oder abzurunden, nicht ganz dem allgemeinen Trend folgend wie der Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Sten Nadolny oder Robert Walsers Satz aus dem Roman «Der Räuber»: «Ich bin überzeugt, daß wir viel zu wenig langsam sind.»

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
AL

Baby Shark Dance

Luis Fonsi – Despacito ft. Daddy Yankee