DIE BÜCHSE DER PANDORA
Am Anfang der Hoffnung steht der Vergeltungsakt eines erzürnten Gottes. Weil Prometheus das Feuer vom Himmel gestohlen und den Menschen zugänglich gemacht hat, muss nicht nur er, der menschenfreundliche Titan, angekettet an einen Felsen im Kaukasus und tagtäglich heimgesucht von einem Adler, der ihm die sich wieder erneuernde Leber wegfrisst, schrecklich leiden, sondern auch das Menschengeschlecht als Nutzniesser des prometheischen Frevels wird bestraft. So gibt Zeus, der oberste olympische Gott der griechischen Mythologie, bei Hephaistos, dem Meister des Feuers, der Metallurgie und der Schmiedekunst, eine Art Vergeltungswaffe in Auftrag. Dieser sollte eine mit vielen Talenten und Reizen ausgestattete Frauengestalt erschaffen, die «Allgeberin» oder «Allbeschenkte», wie ihr Name sagt. Doch nicht das, mit dem sie «begabt» ist, hält Pandora als Gaben für die Menschen bereit, sondern das, was Zeus ihr in jene Büchse getan hat, die mit ihrem Namen bis heute redensartlich verbunden ist. Als Pandora die Büchse öffnet, entweichen all die Übel, Mühen und Leiden in die Welt, Krankheiten wie auch Laster, die die Menschen, dem Mythos gemäss, zuvor nicht gekannt haben. Und die Hoffnung? Nach Hesiod, der Hauptquelle des Mythos, verschliesst Pandora den Behälter, bevor auch die Hoffnung zu entweichen vermag. Ob diese etwas Gutes oder aber selbst ein Übel ist, verrät die Geschichte nicht. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich in der Alltagssprache zur Hoffnung das Eigenschaftswort «trügerisch» gesellt, befindet sich also in Einklang mit der Zweideutigkeit des Mythos.
Natürlich haben auch Literatur und Film das griechische Thema bearbeitet. So verknüpft Frank Wedekind, der deutsche Schriftsteller, Dramatiker und Schauspieler, seine 1902 erschienene Tragödie mit dem Pandora-Mythos. Allerdings ist dem Werk ein erotischer Subtext eingeschrieben, und zwar in doppelter Hinsicht. Die Büchse, aus der das Böse der Welt hervortritt, kann als Ort erster Kinder- und Mutterliebe interpretiert werden. Der Beiklang des Titels verweist freilich auch auf das Zentrum von Begierde und sexueller Lust, also auf einen Körperteil, der im 2. Aufzug als «Lulus Hönigtöpfchen» bezeichnet wird. Am Ende ist er Gegenstand der bestialischen Schändung durch den Frauenmörder Jack the Ripper. Ausserdem wurde der Stoff bereits mehrfach filmisch umgesetzt. 1917 unter dem Titel «Lulu» in Ungarn mit Erna Morena, 1921 mit Asta Nielsen unter dem Titel «Die Büchse der Pandora» und 1923 unter der Regie von Leopold Jeßner unter dem Titel «Erdgeist». 1929 entstand der Film «Die Büchse der Pandora» mit Louise Brooks unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst. 1962 brachte Rolf Thiele den Stoff mit Nadja Tiller, O. E. Hasse und Hildegard Knef auf die Leinwand.
Vor etwas mehr als 50 Jahren, genauer am 15. August 1971, öffnete der amerikanische Präsident Richard M. Nixon in einer Rundfunk- und Fernsehansprache seine Büchse der Pandora, ein Ereignis, das unter dem Ausdruck «Nixon-Schock» in die Geschichte einging. Bekanntlich brachen die Vereinigten Staaten an eben diesem Datum einseitig ihr Versprechen, den Dollar jederzeit in Gold umzutauschen, ein Ereignis, das bis heute nachwirkt. Die Aufhebung der Dollar-Gold-Konvertibilität erlaubte es Amerika, die eigene Währung zu inflationieren, was seinen Niederschlag im Ausspruch findet: «The Dollar is our currency, but it’s your problem», schliesslich blieb für Amerika ein Dollar ein Dollar, die Zeche bezahlten andere. Bei allen anfänglichen Erfolgen hatte das Vorgehen jedoch einen Webfehler: Eine wachsende Weltwirtschaft brauchte mehr Dollar. Diese zusätzlichen Dollar waren immer weniger durch Gold gedeckt, zudem wurde die Leistungsbilanz Amerikas defizitär. Dies müsste irgendwann zu einer Vertrauenskrise führen, was sich allein schon daran ablesen lässt, dass bei der Aufhebung des Goldstandards eine Unze Gold 40,80 USD wert war, ein Wert, der sich mittlerweile um 6’ 414,56% auf USD 2′ 652,56 verändert hat. (Stand heute, am 6. Oktober 2024.) – Erschwerend kommt hinzu, dass im Zuge der Enteignung russischer Vermögenswerte durch die Vereinigten Staaten die 2006 als BRIC gegründete Vereinigung sich einer wachsenden Beliebtheit erfreut. Ursprünglich bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, hat sich diese Vereinigung im Laufe der Zeit erweitert. Zu Beginn des Jahres 2024 traten Ägypten, Äthiopien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate dem Bündnis bei, wodurch sich die Zahl der Mitglieder auf zehn erhöhte. Diese Länder bedecken einen beträchtlichen Teil der Weltkarte und beheimaten einen signifikanten Anteil der Weltbevölkerung. Die BRICS-Staaten zeichnen sich durch ihre aufstrebenden Volkswirtschaften aus und streben danach, ein Gegengewicht zu den etablierten westlichen Wirtschaftsmächten zu bilden. Ihre geografische Verteilung erstreckt sich über mehrere Kontinente und umfasst sowohl flächenmässig grosse Nationen wie Russland und China als auch bevölkerungsreiche Länder wie Indien.
Ob sich die von Richard Nixon am 15. August 1971 geöffnete Dollar-Büchse der Pandora wieder schliessen lässt, wird sich zeigen. Zwar versuchen Gold und Bitcoin als sogenannt sicherer Hafen dem zuvor beschriebenen Prozess der Entdollarisierung etwas entgegenzuhalten, das erste in analoger, das zweite in digitaler Form. Doch wer Gold oder Bitcoin kauft, mithin gegen Fiat-Währungen tauscht, geht natürlich eine Wette auf die Zukunft ein, die niemand kennt. Die 1740 erstmals von David Hume diskutierte Induktionsproblematik lässt sich nämlich auch in diesem Zusammenhang nicht lösen.
Christoph Frei, Akademisches-Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild:
Die Büchse der Pandora
Film mit Louise Brooks unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst
Louise Brooks – Die Büchse der Pandora (Pandora’s Box, 1929) Trailer

