KOMMT DER KÜNSTLICHE MENSCH AUS PRAG?
Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts geht ein Gespenst um in Europa, das Gespenst des Automaten. Es verlor seinen Unterhaltungswert als Jahrmarktsattraktion und wurde zur unheimlichen Bedrohung. Allerdings ist der künstliche Mensch bereits früher, genauer seit der Antike, ein beliebtes Motiv in der abendländischen Literatur. Die ausführlichste antike Schilderung findet sich in den «Metamorphosen», dem wohl berühmtesten Werk des römischen Dichters Ovid, das in 15 Büchern mit insgesamt über 250 mythologischen Geschichten die Welt von ihren Anfängen bis hin zur Gegenwart des Dichters schildert. In einer längeren Binnenerzählung wird dargelegt, wie Orpheus vom Künstler Pygmalion berichtet, der aufgrund schlechter Erfahrungen zum Frauenfeind wurde und nur noch für seine Bildhauerei lebt. Ohne bewusst an Frauen zu denken, erschafft er eine Elfenbeinstatue, die wie ein lebendiges Wesen aussieht. Er behandelt das Abbild immer mehr wie einen echten Menschen und verliebt sich schliesslich in seine Kunstfigur. Am Festtag der Venus fleht Pygmalion die Göttin der Liebe an: Zwar traut er sich nicht zu sagen, seine Statue möge zum Menschen werden, doch bittet er darum, seine künftige Frau möge so sein wie die von ihm erschaffene Statue. Als er nach Hause zurückkehrt und die Statue wie üblich zu liebkosen beginnt, wird diese langsam lebendig. Natürlich erinnert das Pygmalion-Motiv an Shakespeares «Wintermärchen» wie auch an George Bernard Shaws Schauspiel, in dem der selbstherrliche Professors Henry Higgins sich am Schluss in die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle verliebt, nachdem er ihr beigebracht hat, mit dem Akzent der Londoner Gesellschaft zu sprechen.
Verbunden mit dem Künstlichen ist stets auch etwas Unheimliches. Der künstliche Mensch trägt etwas Geheimnisvolles in sich. Dieses Geheimnisvolle findet seine Steigerung in einem unheimlichen Element, welches schliesslich zur Bedrohung wird. Als eine Art Paradebeispiel für den bedrohenden künstlichen Menschen in der Literatur, kann die Figur der Olimpia aus E. T. A. Hoffmanns Erzählung «Der Sandmann» von 1817 bezeichnet werden. Der Protagonist Nathanael vermag die Puppe Olimpia nicht von einem realen Menschen zu unterscheiden. Sie ist in seinen Augen so perfekt, dass eine Unterscheidung in real und künstlich für ihn unmöglich wird. Auch in Johann Wolfgang von Goethes «Faust II», erschienen 1832, lässt der Dichter Faust und seinen Famulus Wagner auf alchimistischem Wege den Homunculus, ein künstliches Männchen aus Kohlenstoff, dem Grundelement aller organischer Verbindungen, entstehen.
Eine der bekanntesten Versionen des künstlichen Menschen ist sicher der «Golem», Titel eines als Klassiker der phantastischen Literatur geltenden Romans von Gustav Meyrink, erstmals 1915 in Buchform veröffentlicht. Die in zwanzig Kapiteln unterteilte Handlung spielt Ende des 19. Jahrhunderts im labyrinthischen Prager Judenviertel mit seinem geheimnisvoll miteinander vernetzten Personal. Der Golem, der Sage nach von Rabbi Löw und zwei Gefährten im Prag von 1580 in einer Lehmgrube am Rande der Moldau aus den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft erschaffen, erwacht zum Leben, wenn der Rabbi ihm einen Zettel unter die Zunge legt, auf dem der Namen Gottes geschrieben steht. Dann erledigt der Golem sorgsam die ihm aufgetragenen Arbeiten. Doch einmal vergisst der Rabbi dem Golem den Zettel nach getaner Arbeit wieder aus dem Mund zu nehmen, und das Wesen beginnt wie rasend durch die Strassen der Stadt zu laufen und alles zu zerschlagen.
Als Menetekel oder düstere Warnung verstanden, kommt der künstliche Mensch tatsächlich aus Prag. Was passiert, wenn der «neue Golem» uns Menschen den Zettel aus dem Mund nimmt, hat sich vor etwas mehr als einem Monat, genauer am 19. Juli 2024, gezeigt, als ein fehlerhaftes Update von CrowdStrike zu weltweiten Störungen und Systemabstürzen auf Windows-Geräten führte. Interessanterweise wurde das Problem nicht durch Microsoft, sondern durch das Sicherheitssystem CrowdStrike verursacht, dem, wie es heisst, führenden Anbieter für Endgerätschutz, Bedrohungsanalysen und Sevices zur Reaktion auf Zwischenfälle. Das Sicherheitssystems hat ironischerweise ein Problem verursacht, vor dem es uns eigentlich schützen sollte. – Wer also schützt uns vor dem Sicherheitssystem?
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
DER GOLEM: Video Trailer
An iconic early horror masterpiece, DER GOLEM was Paul Wegener’s third attempt at adapting the Golem character for the big screen.

