LEBEN IN DER BLASE
Das Auge ist bekanntlich nicht Teil des Gesichtsfeldes. Der Satz beschreibt eine optische und neurophysiologische Tatsache: Das Gesichtsfeld ist der Bereich, den wir sehen können, ohne die Augen oder den Kopf zu bewegen. Das Auge selbst – das Organ, das die visuellen Reize aufnimmt – gehört nicht zu diesem Sichtbereich. Die Netzhaut im Auge nimmt Lichtreize auf und wandelt sie in elektrische Signale um, die dann vom Gehirn als Bild interpretiert werden. Das Auge ist somit das Werkzeug, das das Gesichtsfeld ermöglicht, ist aber physisch nicht Teil des Sichtbaren. In ähnlicher Form kann Sprache in ihrer Gesamtheit nicht durch Sprache erklärt werden, da jener Teil der Sprache, der die Sprache erklärt, sich nicht zugleich miterklären kann. Der Satz kann lediglich die Wirklichkeit darstellen, nicht aber das, was er mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt darzustellen. Dazu müsste er die Sprache selbst überschreiten und sich selbst von aussen betrachten, und das ist unmöglich. Wir können in der Sprache nicht sagen, was es in der Welt nicht gibt. Auch können wir nicht denken, was wir nicht denken können; also können wir auch nicht sagen, was wir nicht sagen können. Das Denkbare und das Sagbare fallen zusammen. Das heisst: Die Grenzen meiner Sprache bedeuten immer auch die Grenzen meiner Welt. Deshalb kann uns die Sprache auch nicht sagen, was die Sprache nicht sagen kann. Ebenso wie das menschliche Auge nicht Teil des Gesichtsfeldes ist und sich selbst nicht sehen kann, ist auch das sprechende Ich oder das denkende Subjekt nicht Teil der Welt, sondern es begrenzt sie.
Auch für den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer gehört die Aussage «Die Welt ist meine Vorstellung.» zu den Wahrheiten, die für jedes lebendige Wesen gelten. Denn alles, was wir von der Welt und den in ihr vorkommenden Objekten wissen, wissen wir nur über den Umweg unserer Sinne. Niemals können wir sagen «Die Steine sind grau», sondern lediglich: «Meine Augen melden mir, dass diese Steine grau erscheinen.» Unsere Sinne sind die Hilfsmittel, mit denen wir Eindrücke wahrnehmen, aber sie sind auch die Hindernisse, die sich der direkten, ungehinderten Wahrnehmung in den Weg stellen. Deswegen können wir die Welt niemals so erkennen, wie sie wirklich ist. Die ganze Welt um uns herum ist eine Vorstellung, die wir mit unseren Sinnen und unserem Verstand formen.
Schopenhauers Gedanken führen zurück auf den Cartesianismus, dem zufolge nur die Existenz des eigenen denkenden Ichs gewiss ist. Darüber hinaus gegeben sind uns nur Bewusstseinsgehalte. Descartes betonte deshalb, dass die Aussenwelt ein blosser Traum oder eine Vorstellung sein könnte, ein Traum oder eine Vorstellung, den oder die wir selbstredend nicht von aussen betrachten können. Das damit angesprochene Thema des metaphysischen Solipsismus umschreibt Ludwig Wittgenstein im «Tractatus logico-philosophicus» im Abschnitt 5.62 mit den Worten: «Was der Solipsismus nämlich meint, ist ganz richtig, nur lässt es sich nicht sagen, sondern es zeigt sich. Dass die Welt meine Welt ist, das zeigt sich darin, dass die Grenzen der Sprache (der Sprache, die allein ich verstehe) die Grenzen meiner Welt bedeuten.»
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, genauer vom 5. auf den 6. November 2024, bestätigte sich, dass Menschen tatsächlich in unterschiedlichen Blasen gefangen sind. Am Morgen nach den Ergebnissen der US-Wahl zeigten sich jene, die Harris unterstützt hatten, enttäuscht und bestürzt, viele hegten einen tiefen Groll gegen ihre politischen Gegner und deren Anführer. Offenbar hatten sie sich getäuscht, es kam nicht so, wie sie erwartet hatten. Andererseits feierten Trump-Unterstützer wie Elon Musk den Sieg und kommentierten das Ergebnis euphorisch. Auch sie schienen vom Resultat überrascht, allerdings positiv. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán begrüsste Trumps Sieg, während Cédric Wermuth, Co-Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, das Ergebnis auf seinem Twitter-Account wie folgt kommentierte: «Ein verurteilter Sexualstraftäter wird der mächtigste Mann der Welt.» Im Ergebnis haben beide, Gegner wie Befürworter der Wahl von Donald Trump, vorübergehend ihre Echokammer verlassen.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

