LEBEN WIR IN DER WIRKLICHKEIT?

FILTERBLASEN beschreiben ein soziales und technologisches Phänomen, bei dem Algorithmen auf digitalen Plattformen – wie Suchmaschinen, sozialen Netzwerken oder Nachrichtendiensten – die Inhalte, die ein Nutzer sieht, personalisieren und auf dessen Fähigkeiten, Suchverhalten und Interessen abstimmen. Dadurch entsteht eine KUNST-BLASE, in der der Nutzer nur mit Informationen konfrontiert wird, die seine alten Ansichten bestätigen oder seine Interessen bedienen. Die hieraus resultierende Isolation gegenüber Informationen, die nicht dem Standpunkt des Benutzers entsprechen, zeigen sich mittlerweile in fast allen tagespolitischen Themen. Entweder begrüsst man den Krieg der Ukraine gegen Russland, weil man um die Sicherheit Europas fürchtet, oder man will Friedens- oder Waffenstillstandsverhandlungen, um dem Sterben auf dem Schlachtfeld ein Ende zu setzen. Viele begrüssen die Zuwanderung, weil wir Fachkräfte brauchen, andere wollen eine strenge Grenzkontrolle, um ebendieser Zuwanderung ein Ende zu bereiten, da, wie sie meinen, die Falschen kommen. Auch in Fragen der Schuldenbremse ist man sich nicht einig. Jenen, die sich für mehr Schulden aussprechen, um diese zu investieren, stehen andere gegenüber, die glauben, der Staat müsse endlich diszipliniert werden, da er genügend Steuern einnehme. Für viele ist der Klimawandel menschengemacht, andere sehen darin lediglich ein Artefakt oder eine Verschwörung, um die Wirtschaft zu destabilisieren. Für viele waren die Corona Massnahmen zwingend, wohingegen es sich bei den Massnahmen für andere um einen grossen Destabilisierungsversuch handelt, geplant von Davos aus, genauer vom WEF aus den Bündner Bergen. Auch bei den amerikanischen Wahlen hat sich gezeigt, wie sehr Anhänger und Gegner des zukünftigen Präsidenten Amerikas sich in Blasen oder Echokammern eingeschlossen haben. Kurz gefasst, hat sich für die einen noch jede Verschwörungstheorie bewahrheitet, während es sich bei den andern um sogenannte Putin-Freunde oder Aluhüte handelt, Menschen also, die eine absurde Weltsicht haben oder Verschwörungstheorien anhängen.

Die gegenwärtige Situation erinnert den Kinogeher, sollte es ihn noch geben, stark an den Science-Fiction-Film THE MATRIX aus dem Jahr 1999. Der Film spielt in einer dystopischen Zukunft, in der Maschinen mit künstlicher Intelligenz die Kontrolle über die Welt übernommen haben. Sie haben die Menschheit in eine Simulation namens DIE MATRIX eingesperrt, um ihre Körper als Energiequellen zu nutzen. Die Menschen glauben, sie leben in einer normalen Welt (der Simulation), während ihre Körper tatsächlich in Behältern liegen und von Maschinen kontrolliert werden. In Anspielung auf Platons Höhlengleichnis verkörpern die blauen und roten Pillen am Ende der Geschichte die zentrale Frage des Films: WÜRDEST DU LIEBER IN EINER KOMFORTABLEN LÜGE LEBEN ODER DIE SCHMERZHAFTE WAHRHEIT ERFAHREN? Konkret wird der Hacker Neo, die Hauptfigur des Films, am Ende von Morpheus, dem Anführer einer Rebellengruppe, die in der realen Welt den Kampf gegen die Herrschaft der Maschinen aufgenommen hat, vor die Wahl gestellt, sich zwischen Wahrheit und Illusion zu entscheiden. Neo wählt die rote Pille, eine Entscheidung, die es ihm ermöglicht, die Wahrheit über die MATRIX zu erfahren und aus der simulierten Welt zu entkommen. Mit dieser Wahl beginnt sein Weg als der Auserwählte, der gegen die Maschinen kämpft und die Menschheit befreien soll.

Philosophisch betrachtet spielt der Film mit Descartes’ Skeptizismus, demzufolge nur die Existenz des eigenen denkenden Ichs gewiss ist. Weil somit die Aussenwelt ein blosser Traum oder eine Vorstellung sein könnte, ein Traum oder eine Vorstellung, wobei weder das eine noch das andere sich von aussen betrachten lässt, kann es auch keine rote Wahrheitspille geben.

Sollte es daher etwas ausserhalb unserer Wirklichkeit geben, das diese Wirklichkeit geschaffen hat, können wir diese Wirklichkeit ausserhalb der Wirklichkeit nicht erkennen. Hierbei handelt es sich um ein Problem, das in der Logik «infiniter Regress» genannt wird, eine unendliche Rückkehr zu vorhergehenden Begründungen also, ohne jemals zu einem endgültigen Schluss zu kommen. Der regressus ad infinitum beschreibt so einen endlosen Rückgang in einer unendlichen Reihe. Deshalb kann Neo der MATRIX auch nicht entrinnen, sondern erwacht vielmehr in einer andern MATRIX. Es gibt kein Erwachen in der wahren Welt, mithin keine Wirklichkeit, in der wir leben, warum jeder und jede davon überzeugt ist, dass seine Vorstellung die Welt ist, wie sie alle sehen. Es gibt kein Leben ausserhalb der Simulation. Wir alle leben in einer Welt voller Simulationen, die uns die Illusion von Kontrolle und Freiheit geben.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
THE CHOICE IS YOURS

THE MATRIX IS EVERYWHERE