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FRANZ KAFKAS: DER KREISEL

«Ein Philosoph trieb sich immer dort herum, wo Kinder spielten. Und sah er einen Jungen, der einen Kreisel hatte, so lauerte er schon. Kaum war der Kreisel in Drehung, verfolgte ihn der Philosoph, um ihn zu fangen. Dass die Kinder lärmten und ihn von ihrem Spielzeug abzuhalten suchten, kümmerte ihn nicht, hatte er den Kreisel, solange er sich noch drehte, gefangen, war er glücklich, aber nur einen Augenblick, dann warf er ihn zu Boden und ging fort. Er glaubte nämlich, die Erkenntnis jeder Kleinigkeit, also zum Beispiel auch eines sich drehenden Kreisels, genüge zur Erkenntnis des Allgemeinen. Darum beschäftigte er sich nicht mit den großen Problemen, das schien ihm unökonomisch, war die kleinste Kleinigkeit wirklich erkannt, dann war alles erkannt, deshalb beschäftigte er sich nur mit dem sich drehenden Kreisel. Und immer wenn die Vorbereitungen zum Drehen des Kreisels gemacht wurden, hatte er Hoffnung, nun werde es gelingen, und drehte sich der Kreisel, wurde ihm im atemlosen Laufen nach ihm die Hoffnung zur Gewissheit, hielt er aber dann das dumme Holzstück in der Hand, wurde ihm übel und das Geschrei der Kinder, das er bisher nicht gehört hatte und das ihm jetzt plötzlich in die Ohren fuhr, jagte ihn fort, er taumelte wie ein Kreisel unter einer ungeschickten Peitsche.»

TEXTANALYSE

Der Titel «Der Kreisel» stammt von Max Brod, der das im Manuskript titellose Prosastück aus Kafkas Nachlass veröffentlichte. Es handelt sich dabei um eine 1920 entstandene, kurze parabelartige Erzählung über einen unermüdlichen Philosophen. Die Anlage des Textes erinnert an das Prosastück «Auf der Galerie», wo ebenfalls zweimal derselbe Vorgang aus unterschiedlicher Perspektive geschildert wird. Hier wie dort stellt sich die Einheit des Textes nicht über eine erzählte Handlung her, sondern im Aufeinanderprallen der beiden gegensätzlichen Beschreibungen, hier getrennt von dem etwa gleich langen Mittelstück von („Er glaubte nämlich“ bis zu „dem sich drehenden Kreisel“). Nicht einfach zu bestimmen ist die Erzählperspektive. Die Hauptfigur ist nämlich zugleich Philosoph als auch Versager, jedoch nicht auch Autor-Erzähler (i.e. Erzählfunktion), ist sie doch Teil des dargestellten Schauspiels, betrachtet von einer Aussenperspektive, also von einer auktorialen Ebene. Die Erzählinstanz wirkt neutral, auch wenn der Schluss: «[Er] taumelte wie ein Kreisel unter einer ungeschickten Peitsche.» den Vorgang zu diskreditieren scheint. Die Sprache des Textes ist ruhig, nüchtern und scheinbar objektiv. Sowohl die erste als auch die zweite Schilderung des Hergangs wie auch der Mittelteil sind im Indikativ gehalten. Der zweite Teil scheint dabei als Analyse des ersten gelesen werden zu können.

Zum Scheitern verurteilt ist der Ansatz des Philosophen, weil ihn seine Herangehensweise übersehen lässt, dass er durch das Eingreifen in das Spiel der Kinder selber Teil des Systems wird, das er zu begreifen versucht. Es ergeht ihm dabei wie den Naturwissenschaftlern, denen es im Sinne von Werner Heisenbergs «Unschärferelation» nicht gelingen kann, gleichzeitig Impuls und stationären Zustand von kleinsten Teilchen zu bestimmen, da das «Fangen» des Kreisels als Messvorgang die Einheit aus beidem zerstört.

(Damit akzentuiert der Text, dass aus den Teilen auf das Ganze geschlossen werden kann und daher das Ganze sich auch aus dem Einzelnen erschliessen lassen muss. Das Einzelne ist als Teil des Ganzen und aus ihm heraus zu verstehen. Dieses Prinzip nennt man hermeneutischen Zirkel, das durch seine Kreisbewegung etwas paradox erscheint; denn das, was verstanden werden soll, muss schon vorher irgendwie verstanden worden sein. Dieses zirkuläre Grundproblem taucht innerhalb der verschiedenen historischen Ausprägungen der Hermeneutik in abgewandelter Form immer wieder auf. Vor allem nach dem Verstehensgrundsatz vom Ganzen und Teil stellt sich hierbei ein Problem: Wenn der Teil nur im Hinblick auf das Ganze, das Ganze nur im Hinblick auf den Teil zu verstehen ist, erweist sich eine so verfahrende Hermeneutik als zirkulär. Verstehen im hermeneutischen Sinn wäre dann nicht geradlinig, sondern zirkelförmig. Selbstredend bleibt dieser Sachverhalt der Hauptfigur verschlossen. Nicht aber dem Autor Franz Kafka, der ihn literarisch umzusetzen versteht.)

Die Ausblendung der Kinder aus dem Wahrnehmungsbereich der Hauptfigur katapultiert diese in einen Zwischenzustand, in dem weder die Rede vom «Spielzeug» noch die vom «dummen Holzstück» gilt. Indem sie versucht, durch die Erkenntnis des Kreisels Regeln und Gesetzmässigkeiten für allgemeinere Phänomene abzuleiten, verfährt sie zwar im Sinne einer kausal-analytischen Vorgehensweise, doch bleibt das Resultat gleichwohl negativ. Der Versuch des Philosophen, das Wesen des Kreisels zu erfassen und somit seiner Gestalt einen endgültigen Sinn zu verleihen, stellt sich auch nach mehrmaligem Wiederholen als gescheitert dar. «Und immer wenn die Vorbereitungen zum Drehen des Kreisels gemacht wurden, hatte er Hoffnung, nun werde es gelingen und drehte sich der Kreisel, wurde ihm im atemlosen Lauf nach ihm die Hoffnung zur Gewissheit, hielt er aber dann das dumme Holzstück in der Hand, wurde ihm übel […] « Die veränderte Bezeichnung des Kreisels scheint darauf hinzudeuten, dass dieser seinen Wesenskern nur in seiner drehenden Bewegung besitzt und durch Stillstand seine Einzigartigkeit verliert.

In der Auseinandersetzung mit dem Kreisel wiederholen sich die vergeblichen Versuche Kafka’scher Erzählfiguren, als explizite Subjekte des Textes die erzählte Aussenwelt reflektiv zu erreichen, ohne dass diese auf das von ihnen Erkannte zurückwirkt und relativiert, was einsehen lässt, warum die an der Wirklichkeit sich abarbeitenden Erzählfiguren an ebendieser Wirklichkeit scheitern. In diesem Sinne lässt sich denn auch einsehen, warum «Der Kreisel» als Parabel nichts zur Entfaltung von Bedeutung und Verständnis beitragen kann.

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Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

Bild:
“Blaze” by Bridget Riley, 1964
Tate Gallery of Modern Art, London