NEVER COMPLAIN, NEVER EXPLAIN

Die Maxime NEVER COMPLAIN, NEVER EXPLAIN wurde erstmals vom britischen Premierminister Benjamin Disraeli geprägt und wurde später von vielen anderen hochrangigen Briten als Motto übernommen, selbst von Mitgliedern des Königshauses über Marineadmirale bis hin zu Winston Churchill. Der Satz verkörpert im Grunde die Haltung der STIFF UPPER LIP im viktorianischen Zeitalter, zu Deutsch etwa «Haltung bewahren», hat aber die zeitlose Weisheit bis in die heutige Zeit zu einem Leitspruch mächtiger und selbstbewusster Menschen gemacht. Perfekte Beispiele für die praktische Umsetzung dieses Prinzips finden sich in negativer Form zuhauf, vor allem seit der Wahl von Donald Trump zum neuen amerikanischen Präsidenten. Luisa-Marie Neubauer, die deutsche Klimaschutzaktivistin und Publizistin, vergleicht in einem YouTube-Beitrag von ZEIT ONLINE die Situation mit einer Trennung. Auf die Frage, wie geht es Ihnen, antwortet sie mit den Worten «Fuck! Was passiert jetzt?» Cédric Wermuth antwortet in seinem SP-Podcast auf die Frage von Mattea Meyer, ob er nach dem Wahl-Schock habe schlafen können, dass ihn das Ergebnis absolut überrascht habe. Auch der Schweizer Journalist und Medienunternehmer Roger Schawinski fragt in Talkradio, seinem Podcast zu den US-Wahlen vom 6.11.24: «Was ist da passiert? Wie fühlt man sich jetzt? Was kommt da auf uns zu? Niemand hat so etwas in dieser Art erwartet.» Jeder neu zugeschaltete Hörer wird mit den Worten begrüsst: «Wie geht es dir?» Andere Medien, insbesondere deutsche, wie das ZDF, die ARD, der SPIEGEL oder der STERN, waren gleichermassen erstaunt, obwohl das Ergebnis laut POLYMARKET, dem weltweit grössten Prognosemarkt, sich seit Wochen abgezeichnet hat. Sich zu täuschen oder ein böses Erwachen zu haben ist das eine, öffentlich die Contenance zu verlieren etwas anderes. KEEP A STIFF UPPER LIP geht anders.

Als müssten die öffentlichen Reaktionen auf die Wahl von Donald Trump nochmals getoppt werden, hat der deutsche Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz Robert Habeck, der für Selbstvermarktung nach langer Abstinenz wieder auf Social Media setzt, genauer auf X, eine Plattform, die er zuvor verbieten lassen wollte, ein «Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung», so das offizielle Wording, in Gang gesetzt, weil ein 64-jähriger Mann aus Bayern ihn im Internet in Anlehnung an einen Werbeslogan der Firma Schwarzkopf als SCHWACHKOPF bezeichnete. NEVER COMPLAIN, NEVER EXPLAIN, vor allem, wenn man neuer deutscher Kanzler werden möchte. Die Reaktionen auf Robert Habecks Twitter-Account «Mit euch. Für euch» liessen nicht auf sich warten. Unter seinem ersten Tweet am Küchentisch schreibt er zwar: «Ich freue mich auf eure Perspektive, schickt mir gerne eure Videos vom Küchentisch!», doch erntet er im besten Fall Spott und Hohn. «Ihre Überdosis Selbstmitleid in Ihrem Östrogen-Cocktail ist echt bitter.» kommentiert jemand seinen Beitrag, während ein anderer sich die Frage erlaubt: «Warum versöhnen Sie sich nicht mit Ihrem Schicksal? Sie sind raus. Aus, Schluss, vorbei!» Es geht also auch anders. Zum Beispiel so: GEH DEINEN WEG UND LASS DIE LEUTE REDEN. Oder: IT IS AS IT IS.

Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich

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